Skip to content

Boreout

| 0 Kommentare

Ein Bekannter von mir gab mit 30 Jahren seinen Beamtenjob auf, um eine  Tätigkeit in der Wirtschaft aufzunehmen. Gefragt, warum er die Sicherheit seines Arbeitsplatzes aufgebe, sagte er: „Ich habe den ganzen Tag Akten von links nach rechts geschoben. Ich bin vor Langeweile fast gestorben.“ Zum Glück nur fast.

Ich halte das für ein sehr häufiges Phänomen und natürlich sind nicht nur Beamte davon betroffen (von denen einige auch ordentlich zu tun haben)! Vor allem von Müttern, die sich in Teilzeit unter Wert verkaufen müssen, höre ich immer wieder, dass ihre Arbeit sie nicht genug fordert. Zwar erledigen die meisten von ihnen in 25-30 Stunden das, wozu andere 40 Stunden und mehr brauchen, doch bleiben sie von den interessanten Tätigkeiten oft ausgeschlossen. Während für manche Routine Sicherheit und Glück bedeutet, brauchen andere permanete Herausforderungen.

Ich selbst habe gemerkt, dass meine Fehlerquote steigt, je einfacher eine Tätigkeit ist. Ich bin gut, wenn ich mir Neues erarbeiten kann. Das löst, wenn der Zeitdruck nicht allzu groß ist und ich die Möglichkeit habe, mich zu konzentrieren, Glücksgefühle aus.

Ich halte den viel zitierten Burn out für die schicke Beschreibung einer  Erschöpfungsdepression. Ein Modebegriff, der andeuten soll, dass nicht etwa innere Faktoren oder gar Langeweile die Kerze zum Erlöschen gebracht hat, sondern die schlimmen Anforderungen des Jobs. Da steht man dann irgendwie tapfer und als Weltretter da.

Sinnloses „Für – die – Tonne- Arbeiten“  oder nicht anerkanntes Arbeiten erschöpfen mehr, als alles andere. Der Betroffene fühlt sich leer und traurig, fehl am Platz und hinterfragt den Sinn oder Unsinn seines Tuns. Die 20/30/40 oder 50-Stunden-Woche wird abgesessen, die Minuten vergehen wie Stunden. Natürlich möchte der vom Bore-Out Betroffene nicht auffallen, also kompensiert er die Langeweile damit, besonders beschäftigt zu wirken. Ein ehemaliger Kollege von mir, der von morgens früh bis abends spät im Büro saß, da er nach dem Prinzip „Wer das Licht ausmacht, wird befördert“ lebte, bestellte in seiner Arbeitszeit bei Amazon, sah sich Filme an, surfte im Netz. Alles sichtbar für mich durch die Spiegelung in der Glasscheibe. Aber Hauptsache, man sieht angestrengt aus dabei. Ein erfahrener Wirtschaftsboss wies mich 2002 an, ich möge doch bitte die Zeitung unter dem Tisch lesen, wenn ich Karriere machen wolle. Es müsse ja keiner wissen, dass ich mit meiner Arbeit fertig sei. Ja, wie krank ist das denn?

Würden wir in einer Arbeitswelt leben, in der nur das Ergebnis zählt, nicht aber die Anwesenheit, würde es vielleicht leichter fallen, auf den geistigen Leerlauf hinzuweisen. Der Chef könnte dann einfach sagen: „Ja, ich weiß, dass im Moment nicht so viel anfällt. Gehen Sie nach Hause, genießen sie den Tag. Es wird wieder mehr werden.“ Davon sind wir aber weit entfernt. Bis dahin heißt es für viele: Still sitzen. Mund halten und vom Sofa zu Hause träumen.

Kommentieren

Sie können diese HTML-Tags verwenden.:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.