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Category Archives: Berliner Kitas

Latein und Altgriechisch – ich glaubt es hackt!

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Welche weiterführende Schule für mein Kind? Ich plädiere im Grunde für „so normal wie möglich“, bloß keine Privatschule. Warum nicht? Erstens bin ich gegen Reichen-Gettogether, zweitens finde ich, dass der deutsche Staat für vernünftige Schulen sorgen muss und zu guter Letzt sind – zumindest in Berlin – die meisten Privatschulen katastrophal.

Das geht damit los, dass sie eher ein Problemklientel anziehen, nämlich Kinder wohlhabender Leute, die durchs Abitur geschleust werden sollen, obwohl sie vielleicht gar nicht besonders klug sind. Das war schon vor 30 Jahren so und hat sich nicht geändert. Dann viele schwierige Kinder, was immer das heißt, die in der staatlichen Schule Probleme haben. Und zu guter Letzt werden die Lehrer schlechter bezahlt als auf den staatlichen Schulen, so dass die besseren auch eher an staatlichen Schulen unterrichten (gilt ja schon bei den Kitas). Allerdings bieten private Schulen oft eine bilingulale Ausbildung an, was ich sehr erstrebenswert finde.

Und jetzt bin ich beim Thema:

Wenn ich in Berlin mein Kind ab der fünften Klasse auf ein Gymnasium geben möchte, das nicht allzu weit entfernt ist, wird es mit Latein UND Altgriechisch zugeballert. Wie altmodisch und gestrig ist das denn? Verstaubtes Bildungsbürgertum! Ich fand schon Latein furchtbar, da man sich nicht unterhalten konnte. Ich gebe zu, dass mir Latein hilft, Französisch, Spanisch und andere romanische Sprachen leicht erschließen zu können. Was mir aber wirklich fehlt im Leben, sind Bilingualität und weitere „lebendige“ Sprachen – absehen von Englisch, etwas Spanisch und Schulfranzösisch.

Ich verstehe nicht, dass wir im Jahr 2018 leben und staatliche Schulen kein Englisch ab der ersten Klasse anbieten, dass bilinguale staatliche Schulen in Berlin der Einzelfall sind und dass grundständige Gymnasien Altgriechisch hochhalten.

Werden wir mal ein bisschen modern?

Der E-Mail-Verteiler

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Mein Freund  Pièrre erzählt:

Ich habe mit meiner Lebenspartnerin drei Kinder, von denen alle nun in die Schule gehen. Ich arbeite selbstständig als Programmierer und meine Arbeitstage haben in der Regel zehn Stunden. Für die Korrespondenz mit der Kita war ich immer zuständig, da meine ebenfalls berufstätige Partnerin sich standhaft und wohl auch zu recht weigert, all die Mails zu lesen. Ich kann mir immer wieder nur an den Kopf fassen, wenn ich an all die Mails denke, die wir zu Kitazeiten bekommen haben. Leider muss ich zugeben, dass es dann mit der Schule noch schlimmer wurde. Nun kamen sogar whatsapp-Gruppen hinzu.

Ich schätze es sehr, dass grundsätzlich alle Eltern zustimmen, dass ihre Adressen – auch die E-Mail-Adressen –bekannt gegeben werden. Auch finde ich es gut, dass es einen Kitaverteiler gibt.

Nun ist es aber so, dass wir drei Kinder haben, die zeitweise in verschiedenen Einrichtungen untergebracht waren. Dort gab es dann jeweils Elternvertreter, die Anfragen von Eltern eigentlich bündeln und klären sollen. Was aber geschieht?

Man erhält pro Woche bis zu zwanzig E-Mails zu völlig belanglosen Themen, über die sich Eltern, die wohl zu viel Zeit haben, austauschen. Das beginnt damit, dass die Elternvertreterin aus der Gruppe meiner Tochter fragt, ob man nicht der Erzieherin ein  Geschenk machen möchte. Statt nun nur der Elternvertreterin zu antworten, antworten überschwängliche Eltern an den ganzen Verteiler: „Ja, wir sind dabei!“, „Ok, total super, ich schlage vor, Du kaufst…..“, „Nein, das finde ich zu kommerziell! Ich finde, die Kinder sollen etwas basteln!“ Daraufhin entspinnt sich ein nicht enden wollender Dialog zu dem Thema, ob ein gekauftes Geschenk besser als ein gebasteltes ist oder umgekehrt. Die Elternvertreterin wendet ein: „Aber die Katharina ist doch gerade erst umgezogen, da kann sie doch einen Kochtopf gebrauchen!“ Ich sitze derweil bei einem Kunden, der von jetzt auf gleich möchte, dass sein Netzwerk wieder funktioniert. Darüber korrespondiere ich per Mail mit einem Kollegen.

Ständig blinkt mein Smartphone und mit Krawumm kommt eine neue Kitamail hinein: „Wir haben Katharina doch erst zu Ostern etwas geschenkt! Warum muss das jetzt wieder sein?“ Fünf aufgeregte Frauen (ja, es sind meist die Frauen!) antworten gleich, drei später.

Herrgott, habt Ihr alle nichts zu tun?! Damit mich niemand missversteht: Ich habe gar nichts dagegen, etwas zu verschenken und hierfür ein paar Euro abzugeben. Aber es muss doch möglich sein, die Entscheidung über das Wie und Was von einer Person treffen zu lassen, ohne dass zig aufgeregte Hühner so tun, als sei das Ganze ein Staatsakt? Zwei Tage später kommt die E-Mail rein, dass Klein-Boris sein nagelneues Fußballtrikot (Bayern) in der Kita verloren (?) hat. Mehrere Mütter fühlen sich bemüßigt, an den Verteiler zu schreiben, dass ihnen das für Klein-Boris sehr leid tut. Drei schreiben, dass das Hemd nicht bei ihnen sei. Ich bin genervt und schreibe, dass Bayern eh ein Mistverein ist. Daraufhin schreibt die Mutter von Klein-Fritz, dass ich unmöglich sei und den Schmerz von Klein-Boris und seiner Familie bitte etwas ernster nehmen sollte. Ich kapituliere.

Munter geht es weiter über das Jahr verteilt mit Spendenaufrufen für Kitaerzieher, Abschiedsgeschenkauswahlplanungen, der Diskussion darüber, ob Dinkel als Reisersatz schon für Kleinkinder geeignet ist oder zu Blähungen führt, dem Aufruf an einem Trödelbasar teilzunehmen, Aufrufen zu wärmerer/leichterer Kleidung je nach Jahreszeit, den hysterischen Mails einiger Mamas, doch kranke Kinder bitte zuhause zu lassen, den Antworten voll berufstätiger Mütter, dass ihr Kind doch nur einen Schnupfen hat, der Erklärung von Klein-Hannas-Mama, dass sie sich gerade trennt und man doch bitte den Vater von Klein-Hanna nicht erwähnen möge, und, und, und.

Wie ging das nur früher? So ohne Mail und Smartphone?

Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

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Angaben zur Personalausstattung einer Kita finden sich im KitaföG in § 11 Absatz II. Dieser besagt aktuell noch Folgendes:

 

 

2) Bei der Personalbemessung für das sozialpädagogische Fachpersonal sollen folgende Grundsätze gelten:

 

1

38,5 Wochenarbeitsstunden pädagogischen Fachpersonals sind vorzusehen

a)

bei Kindern vor Vollendung des zweiten Lebensjahres

  • für jeweils fünf Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sechs Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils acht Kinder bei Halbtagsförderung;

b)

bei Kindern nach Vollendung des zweiten und vor Vollendung des dritten Lebensjahres

  • für jeweils sechs Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sieben Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils neun Kinder bei Halbtagsförderung;

c)

bei Kindern nach Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt

  • für jeweils neun Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils elf Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils 14 Kinder bei Halbtagsförderung.

Für Kinder, die länger als neun Stunden gefördert werden, sind Personalzuschläge zu gewähren.

 

Das heißt, dass für Kinder zwischen 0 und zwei Jahren eine Erzieherin für fünf Kinder, die Ganztagsförderung „gebucht“ haben, zur Verfügung stehen muss. Je nachdem, wie der Gutschein aussieht, lautet der Schlüssel dann aber eben auch 1 : 6 oder 1 : 8.  In Berlin soll er laut Berliner Morgenpost vom 01.03.2016 in Zukunft 1 auf 4,6 lauten. Dann mal los.

Meiner Erfahrung nach sind Kitas ganz scharf auf Eltern mit Gutschein über Ganztagsbetreuung, weil sie sich dann eventuell eine oder eine halbe Erzieherin mehr leisten können und ein Ausfall von Erziehern durch Urlaub oder Krankheit besser abgefedert werden kann. Ich  glaube, dass allein die Erwähnung von voller Berufstätigkeit beider Eltern bei der Bewerbung um einen Kitaplatz, die Wahrscheinlichkeit, den Platz zu bekommen, um einiges steigen lässt. Vollzeit arbeitende Eltern laufen beim Wettlauf um den Kitaplatz sogar Kuchenback-Müttern den Rang ab. Jedes Ganztagskind ist Gold wert, auch für die anderen Kinder, die dann ebenso in den Genuss von mehr Arbeitskraft kommen.

Ich kenne Familien mit Ganztagsplätzen, die zwei bis vier Monate verreist waren nach Geburt des nächsten Kindes – ich spreche hier vom luxuriösen Elterngeld-Urlaub (über den auch schon Bücher geschrieben wurden). Da sponsert der Staat neben dem Urlaub dann auch gleich noch das Freihalten des Kitaplatzes mit. Denn glauben Sie mal nicht, dass das Kind zwischenzeitlich von der Kita abgemeldet wird.

Einen Ganztags-Betreuungsgutschein bekommen Sie übrigens schon dann, wenn zum Beispiel der Vater voll arbeitet, die Mutter aber geltend machen kann, an drei Tagen in der Woche bis in den späten Nachmittag zu arbeiten oder besonders lange Wege zur Arbeit und nach Hause zu haben. Die pure Anzahl an Arbeitsstunden ist hierbei nicht entscheidend. Ich kenne allerdings sehr viele Eltern, die lieber auf den Ganztagsplatz verzichten, um 730 Uhr im Büro stehen (während der Partner das Kind zur Kita bringt) und ihr Kind völlig abgehetzt und fix und fertig um 15 Uhr abholen, weil sie den zusätzlichen Eigenanteil für den längeren Gutschein einsparen wollen. Im Grunde genommen führt der Geiz an dieser Stelle dazu, dass Kitas bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei unflexiblen Öffnungszeiten und einem Personalminimum bleiben können. Besonders schön wird es, wenn die Kinder in der Krippe drei Jahre alt werden und die Erzieher plötzlich Arbeitstunden abgezogen bekommen, da sich der Personalschlüssel ad hoc zuungunsten der nun schon dreijährigen Mäuse ändert. Ein dreijähriges Kind braucht also weniger Aufmerksamkeit als ein zweijähriges?

Ich empfehle hier, sich zu erkundigen, wie viel mehr denn tatsächlich bezahlen müsste für den Ganztagsgutschein. Es verbietet einem ja trotzdem niemand, sein Kind manchmal auch um 15 Uhr abzuholen, doch die eigene Flexibilität wird deutlich größer und der Missmut manch einer Mutter (oder eines Vaters) vielleicht etwas geringer.

Wie sieht es nun tatsächlich aus in Berlin?

Der Tagesspiegel vom 16.01.2015 spricht bezogen auf Berliner Krippen von einem „Personaldebakel“: Die Hauptstadt habe die schlechteste Betreuungsstatistik im Bundesgebiet für die unter Dreijährigen. Auf knapp sieben Kinder gibt es nur einen Erzieher laut Autorin Vieth-Entus. Die Klagen wiederholen sich, man verfolge nur die Artikel der Autorin im Internet. Ganz euphorisch, aber auch unglaubhaft, kommen nun die neuen Versprechen 2016 bis 2018 daher. Ob das Abschaffen des Kitabeitrags der richtige Weg ist? Ich finde, Mittelschichtseltern zahlen heute viel zu viel, nämlich gerne denselben Beitrag wie die Millionärsgattin. Meiner Meinung nach sollte man die Mittelschicht entlasten, die Bedürftigen weiter freistellen (bis auf den Essensbeitrag) und den echten Gutverdienern, sagen wir mal ab einem Familieneinkommen von 100.000 EUR brutto (ausgehend von einem Angstelltenverhältnis), weiterhin den vollen Beitrag zahlen lassen. Ab dem dritten Kind kann dann meinetwegen der Mehrfachkind-Bonus greifen.

Zurück zum Personaldebekal:  Das deckt sich mit unseren Erlebnissen und lässt sich auch mit dem oben zitierten Paragrafen in Einklang bringen. Und nun aufgepasst  – alle lustigen Geschichten und kleinen Pannen, die in diesem Buch Erwähnung finden, beiseite: Das ist das wahre Drama deutscher Kitas und insbesondere Berliner Kitas: ein verdammt schlechter Personalschlüssel! Das beste Betreuungsverhältnis besteht laut Tagesspiegel in Baden-Württemberg. Kein Wunder, dort sollen ja auch die Schulen besser sein als in Berlin. Wer jetzt denkt, dass in anderen Bundesländern mehr Geld ausgegeben wird für Kitas, wird eines besseren belehrt, so schreibt der Tagesspiegel, dass Berlin ungeachtet des schlechten Personalschlüssels mit seinen Ausgaben von 4.600 EUR pro Jahr und Kitaplatz vorne liege. Der bundesweite  Schnitt liege bei 3500 EUR. Das mag daran liegen, dass in Berlin  schon jetzt für die letzten drei Kitajahre die Elternbeiträge entfallen.

Wer es auch bitter findet, wenn kleine Kinder über Stunden ab Tag um die Aufmerksamkeit der wenigen Erzieher buhlen müssen, für den lohnt sich dann eventuell doch wieder ein Blick auf eine Kita mit Zuzahlungen, wenn diese Zuzahlungen eindeutig zu einem besseren Personalschlüssel führen. Kleiner Tipp: Viele Kitas halten sich mit Praktikanten über Wasser, informieren Sie sich also, wer zum Fachpersonal gehört und wer nicht.

Fachpersonal sind staatlich anerkannte Erzieher, Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagogen, Bachelor-Frühpädagogen/Kindheitspädagogen, Erzieher mit Mono-Bachelor in Erziehungswissenschaft und im Einzelfall durch die Kitaaufsicht anerkannte Fachkräfte. Im Bereich der Betreuung von Kindern mit Behinderungen kommen weitere Fachkräfte wie zum Beispiel Heilpädagogen hinzu.

Das Land Berlin beteiligt sich an den Kosten und der Einrichtung neuer Kitas, deshalb sind Neugründungen in Berlin gerade beliebt. Mein Rat lautet, man möge sich genau nachweisen lassen, wofür Zusatzbeiträge genutzt werden, sie sind nämlich nicht dazu da, die Kita einzurichten, es sei denn, von den Eltern wird die Finanzierung außergewöhnlicher Dinge gewünscht und geklärt, dass dies über Zusatzbeiträge bewältigt werden soll. Ich sehe hier gerade zehn nackte Hosenscheißer schwitzend in der Sauna sitzen.

Erzieher, die in den staatlichen Kita-Eigenbetrieben angestellt sind, werden in Berlin nach dem Tarifvertrag TV-L vergütet. In der Regel verdienen Erzieher in nicht staatlichen Kitas eher weniger– oft ist von 15 % Gehaltsunterschied die Rede, was aber unter Umständen durch großzügige Renten, Weihnachtsgeld oder andere Leistungen wettgemacht wird. Mir sind auch Erzieherinnen bekannt, die sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln – lassen wir einmal außen vor, dass eine Befristung ohne Sachgrund grundsätzlich nur für die Dauer von zwei Jahren möglich (innerhalb dieser zwei Jahre darf dann drei Mal erneut befristet werden) ist – und weit unter dem verdienen, was jeder vernünftig denkende Mensch für angemessen hält. Daher finde ich, dass es durchaus dazu gehört, sich nach den Erziehergehältern zu erkundigen, wenn man auf der Suche nach einer Kita ist und nicht gerade in einem Kitamangelgebiet lebt. Niedrige Gehälter stellen einen Hauptgrund für hohe Personalfluktuationen bei – und ganz ehrlich: Es werden nicht immer die besten Erzieher in den Einrichtungen mit den niedrigsten Gehältern arbeiten.  Eine Kita wird ihnen aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen dürfen, was die einzelne Erzieherin oder der Erzieher verdient, aber selbstverständlich kann eine Kita problemlos ein Durchschnittsgehalt angeben.  Schauen Sie auch darauf, ob die Kita sich mit Praktikanten durchschlägt, die wie Vollzeitarbeitskräfte mitarbeiten müssen oder ob Praktika tatsächlich der Ausbildung dienen.

Wenn Sie  Zuzahlungen leisten, wird die Frage nach den Gehältern natürlich besonders interessant, denn ich denke, es ist Ihnen lieber, dass die freundliche Erzieherin am Ende des Monats mehr in der Tasche hat, als dass sich Kitagründer besonders teure Taschen leisten können.

 

Sprachlerntagebuch und Co

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Kitas, die vom Land Berlin öffentlich finanziert werden, treten alle der QVTAG bei. Das bedeutet, dass sie ihre pädagogische Arbeit nach den Vorgaben des Berliner Bildungsprogramms entwickeln. Als Eltern werden Sie mit Begriffen wie Sprachlerntagebuch, Sprachstandsfeststellung und Statuserhebung konfrontiert. Alles halb so wild und eigentlich ein Versuch zu gewährleisten, dass Schulanfänger der deutschen Sprache mächtig sind. Wer ganz böse ist, könnte sagen, es handelt sich um eine Schnüffelvereinbarung, denn die Kita übermittelt in anonymisierter Form den Status der Spracherhebung an die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Ich bin an dieser Stelle manchmal ein bisschen arrogant und wage zu behaupten, dass leider manche Erzieherinnen und Erzieher selbst nicht besonders gut sprechen, so bildete Kind 1 nach Kontakt mit einer Erzieherin plötzlich und penetrant falsche „Weilsätze“  (Bsp.: „Ich komme zu Dir, weil ich habe Dich so lieb“ statt: „Ich komme zu Dir, denn ich habe Dich so lieb“ oder: „Ich komme zu Dir, weil ich Dich so lieb habe.“) Mein Mann, der bei so etwas sonst sehr zurückhaltend ist, und ich haben dies mehrfach vorsichtig angemerkt, aber die Erzieherin schien dies nicht weiter zu interessieren. Kaum war das Kind nicht mehr in der Kita, war der Spuk vorbei. Also auch hier meine ketzerische Anmerkung: Nicht immer fördert die Kita die Sprachentwicklung. Natürlich geht es um ein Politikum, mit wichtigem und richtigem  Hintergrund: Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen möglichst früh auffallen und entsprechend gefördert werden. Hierzu dient dann auch die Meldung von Kindern mit Sprachförderbedarf beim Jugendamt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Sprachlerntagebuch von Kind 1 aus einigen eher hingeschmierten Kommentaren diverser Erzieherinnen besteht und einige krakelige Bilder und wenige hübsche Fotos enthält. Ich selbst habe für meinen Sohn noch verschiedene Bilder eingeklebt, damit er später eine Erinnerung an seine Kitazeit hat. Was man dem Buch an wichtigen Informationen entnehmen können soll, ist mir ein Rätsel, daher habe ich es auch nicht in der Schule abgegeben. Denken Sie dran: Sie müssen nicht immer alles tun, was man von Ihnen verlangt!

Bei Kind 2 sieht es schon ganz anders aus: Hier schreiben die Erzieherinnen regelmäßig Tagebuch über die Entwicklung meines Sonnenscheins. Mir kamen die Tränen vor Rührung, als ich die lieben Worte und die schönen Fotos angesehen habe, allerdings sehe ich keinerlei Grund dieses schon privat anmutende Buch je in einer Schule abzugeben.

 

Sprachlerntagebuch

Kita – Recht und Ordnung

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Laut Berliner Senat gibt es in Berlin 2.411 Kindertageseinrichtungen (Stand: 05.10.2015), in denen rund 142.000 Kinder betreut werden. Fast alle Kitas treten wegen der öffentlichen Finanzierung inzwischen der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen bei.

Das bedeutet, dass die Kita nach Beitritt Kita-Gutscheine annehmen kann und staatlich finanziert wird. Darüber hinaus können Zusatzbeiträge für besondere Leistungen erhoben werden. Die Kita ist nach dem Beitritt zur Rahmenvereinbarung in Berlin an verschiedene Gesetze gebunden:

 

  • Kindertagesbetreuungsförderungsgesetz (KitaFöG)
  • Kindertagesförderungsverordnung (VOKitaFöG)
  • Qualitätsvereinbarung Tageseinrichtungen (QVTAG)

 

Ich rate allen Berliner Eltern, sich ein wenig mit dem KitaFöG auseinanderzusetzen. Eltern aus anderen Bundesländern müssen die Entsprechung zur Hand nehmen. Es gibt nämlich Abweichungen! Das Gesetz ist sehr leicht verständlich und regelt unter anderem die Mitbestimmungsrechte der Eltern und schränkt Kitas in ihren Handlungsmöglichkeiten ein. Wer ins KitaFöG schaut, liest:

Eine wesentliche Aufgabe kommt der  Elternbeteiligung zu. Es ist gesetzlich vorgesehen, dass die Eltern eine Elternvertretung wählen und diese eine Stellvertretung für den jeweiligen Bezirkselternausschuss. Mir ist die Erwähnung wichtig, denn es gibt Kitas, die Eltern gar keine Möglichkeit geben, sich zur Wahl zu stellen, weil sie keine Einmischung wünschen. In so einem Fall können Sie meckern und auf § 14 KitaFöG verweisen.

Der  Paragraf, um den sich jede Menge Aufregung dreht, wenn es einmal wirklich Ärger mit einer Kita gibt, ist § 16, der die Ausgestaltung des Betreuungsvertrages regelt. Und jetzt wird es wirklich wichtig: Ich habe mehrere Berliner Betreuungsverträge gelesen, die ein Kündigungsrecht der Kita binnen Monatsfrist vorsehen. Das ist unzulässig, und die entsprechende Klausel ist nichtig, wenn die Kita mit öffentlichen Mitteln finanziert wird! Mir sind Fälle bekannt, in denen Kitas Eltern, die sich über die Ernährung der Kinder, die Schließzeiten und ähnliche Dinge beschwert hatten, mit Kündigung gedroht wurde oder sogar gekündigt wurde. So ein Verhalten ist rechtswidrig.

Nach

  • 16 KitaFöG darf eine Kita Ihnen nur aus wichtigem Grund kündigen. Das Gesetz führt als Beispiel für einen wichtigen Grund unter anderem die Einstellung der platzbezogenen Finanzierung oder die Nichtleistung der Kostenbeteiligung (gemeint ist die nach Gutschein!) an. Lassen Sie sich nicht einreden, ein wichtiger Grund liege vor, weil es eine Auseinandersetzung gegeben hat. Auseinandersetzungen, die angemessen geführt werden, gehören zum Leben dazu und sind von einer Kitaleitung und einem Träger zu führen und auszuhalten. Ich möchte es mal ganz salopp formulieren: Eine Kita kann nicht auf der einen Seite öffentliche Gelder einsammeln und auf der anderen Seite wie ein Verein nach Gutdünken entscheiden, wer Mitglied sein darf und wen man rausschmeißt.

Und dann versteckt sich in § 23 Absatz III,  unter 3. im Kita FöG noch ein weiteres Bonbon, das vielen Eltern, die eine Kita mit Zuzahlungen auswählen, verborgen bleibt, obwohl der Berliner Senat verschiedene Informationen im Internet hierzu bereitstellt. Wenn Sie eine Kita gewählt haben oder auswählen wollen, die für Zusatzleistungen wie zum Beispiel Englischunterricht, Flöten, Chinesisch für Kleinkinder und Trampolinspringen Zuzahlungen verlangt – also mehr als das, was Sie laut Gutschein entrichten müssen – gilt nämlich:

Zuzahlungen sind nur zulässig, wenn sie aufgrund von besonderen Leistungen des Trägers erhoben werden, die von den Eltern gewünscht werden und die Verpflichtung zur Zuzahlung von den Eltern jederzeit einseitig aufgehoben werden kann, ohne dass sich daraus ein Kündigungsgrund ergibt. Eltern können darüber hinaus einen zuzahlungsfreien Platz verlangen.

Das kann im Einzelfall Verschiedenes bedeuten: Wenn Sie eine Kita wählen, die Ihnen nachweist, dass sie für den Englischunterricht, den Sie sich für Ihr Kind dringend wünschen, pro Monat und Kind 100 EUR extra ausgibt, ist das sicher völlig in Ordnung. Wenn Sie allerdings einen Wisch unterzeichnen sollen, der verschiedene wage Leistungen aufführt und Sie nicht wissen, wann und von wem diese erbracht werden, können Sie verlangen, dass genau erläutert wird, wie Ihr Geld verwendet werden soll. Ich würde Abstand nehmen von einer Kita, die mir nicht wie aus der Pistole geschossen sagen kann, wofür meine Beiträge verwendet werden. Doch auch, wenn Sie erst später merken, dass die 600 EUR Zusatzbeitrag unmöglich an die Englischlehrerin gehen, da diese fast nie da ist und außerdem selbst nur gebrochen Englisch kann, können Sie ohne weitere Begründung die Zuzahlung einstellen. Die Kita darf Ihnen deshalb nicht kündigen. Ich möchte hier keineswegs Unruhe stiften oder zum Boykott aufrufen, sondern an Ihren gesunden Menschenverstand appellieren: Leistet Ihre Kita Außergewöhnliches, zahlen Sie bitte auch dafür, damit die Kita weiterhin besondere Leistungen anbieten kann.  Sind Sie unsicher, verlangen Sie Nachweise. Werden Sie veräppelt, sprechen Sie andere Eltern an und kürzen Sie gegebenenfalls die Zuzahlung. Das Verlangen eines zuzahlungsfreien Platzes bei einer „Bezahlkita“, halte ich für vergebliche Liebesmüh, die Kita wird Ihnen schlicht sagen, dass für Ihren kleinen Ben oder ihre kleine Susi leider, leider kein Platz mehr frei ist. Umgekehrt kann Sie aber die Kita nicht rausschmeißen, wenn Sie Zuzahlungen  mindern oder einstellen. Ich finde es gut, wenn Kitas hier transparent handeln und für einzelne Angebote Einzelpreise aufrufen, die Eltern buchen können. So ist es bei Freunden von uns: Es gibt Preislisten mit Zusatzangeboten, die man buchen kann, wie zum Beispiel Flötenunterricht für 30 EUR im Monat oder einen Schwimmkurs für 40 EUR im Monat. Wenn Eltern das dann nicht wollen, nimmt Klein-Greta halt nicht am Flötenkurs teil.

Wir haben unser kleinstes Kind in einer Kita mit einem sehr kleinen Zuzahlungsbeitrag von nur 25 EUR. Allein von diesem Geld, das ca. 60 Elternpaare über einige Jahre eingezahlt haben, ist ein großer Geldpott im fünfstelligen Bereich entstanden, über den der Förderverein  transparent informiert. Leider habe ich da auch ganz anderes erlebt und frage mich, ob ich vielleicht auch die ein oder andere Handtasche von 300 EUR Zusatzbeitrag finanziert habe.

Wenn Sie nicht in Berlin leben, beachten Sie bitte, dass für Ihre Kita ggf. andere Kündigungsregelungen gelten!

In § 10 steht, dass  das Personal von Tageseinrichtungen in öffentlicher Trägerschaft bei Erfüllung seiner Aufgaben auf weltanschaulich-religiöse Neutralität achten muss. Das heißt, dass auch eine evangelische oder katholische Kita akzeptieren muss, dass Ihr Kind nicht an Gott oder an einen anderen Gott glaubt. Man mag es kaum glauben, aber damit tut sich manch eine Kita in kirchlicher Trägerschaft schwer.

Wenn Sie selbst mit diesen Themen konfrontiert sind und unsicher sind und Gespräche mit ihrer Kita und dem jeweiligen Träger nicht weiterhelfen, können Sie sich immer an die Kitaaufsicht bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft wenden (einfach googeln!). Hier geht man nach meiner Erfahrung Beschwerden schnell nach und gibt Ratschläge wie verschiedene Konflikte zu lösen sind. Sie müssen auch keine Angst haben, dass Ihre Kita nach einer Beschwerde sofort die öffentlichen Zuschüsse verliert oder gar geschlossen wird: Alle sind in Berlin sehr daran interessiert, die bestehenden Kitas zu erhalten. Denn – wohin mit den Kindern?

Und jetzt warten wir mal alle ab, was aus den neuen Plänen wird, weitere 14.000 Kitaplätze in Berlin bis 2018 bereit zu stellen und den Erzieherschlüssel zu verbessern. Zu guter Letzt und wird Berlin wohl bis 2018 in zwei Schritten die Beitragsfreiheit für alle Kinder ab einem Jahr einführen. Juchuh, denkt das persönliche Portemonnaie (für meines ist es zu spät).

 

Die rechtlichen Informationen stammen von Kanzlei Julia Kull, Weddigenweg 61, 12205 Berlin, Impressum: http://juliakull.com/impressum/ und ersetzen keine Rechtsberatung.

Kitarecht

 

Kindergeburtstag, hurra?

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Kindergeburtstag – kontroverses Thema! Ich weiß, dass Sie vielleicht ganz anders denken als ich, denn ich habe das Thema mehrfach gegoogelt, und die Meinungen der Eltern prallen beim Thema Kindergeburtstag aufeinander. Ich schreibe hier über Feiern von Kindern im Alter von vier bis vielleicht acht Jahren.

Ich bin in einer Straße in Berlin groß geworden, in der ungefähr acht gleichaltrige Kinder wohnten, von denen nur zwei in andere Kitas und Schulen gingen. Ich war ein unangepasstes, sensibles Kind. Ich war bestimmt nicht das beliebteste aller Kinder. Und dennoch wurde ich immer zu den Kindergeburtstagen in der Straße oder aus der Kitagruppe eingeladen. Niemand hätte damals ein Kind ausgeladen, das durch die Nähe und die Kita in enger Verbindung stand. Meine Mutter und viele andere Eltern trafen zusätzlich noch eine Art Sozialauswahl: Welche Eltern trennen sich gerade? Wo haben es die Kinder  besonders schwer, in der Schule oder Kita Fuß zu fassen, oder wer ist erst gerade zugezogen? Sie bestimmten in Absprache mit ihren Kindern, aber auch manchmal über den Kopf des noch sehr kleinen Kindes hinweg, wer eingeladen wurde. Heute wird diese – wie ich finde – auch soziale Verantwortung abgegeben. Ans Kind. Auch, wenn es erst drei Jahre alt ist.

Bei uns sind Kindergeburtstage Feiern, zu denen irgendwie jeder kommen kann, auch das Kind von nebenan, das zufällig sieht, das gefeiert wird. Damit liegen wir aber nicht im Trend. Trend ist, ebenso viele Kinder einzuladen wie das Kind alt ist. Punkt aus. Denn alles andere ist für Ludwig, Karlchen oder Mia zu ansprengend. Ehrlich gesagt? Ich glaube, alles andere ist eher den Eltern zu anstrengend. Mein Sohn spielte eine Zeitlang fast einmal wöchentlich mit einem Kindergartenfreund bei uns zuhause. Als das Kind, nennen wir es gemeiner Weise hier mal Egon, vier Jahre alt wurde, kam Leonard aus der Kita und weinte, weil er keine Einladung in der Garderobe hatte. Egons Mutter meinte lapidar im Supermarkt zu mir: „Egon hat entschieden, dass nur Frida, Wilhelm, Jack und Helene kommen dürfen. Er mag Leonard gerade nicht so.“ Zwei Wochen später war Egon wieder unser vergnügter Gast. Die Mutter hat, finde ich, einen Knall. Ich kann doch nicht Kinder ausladen, nur weil mein Sohn an dem Tag, an dem ich ihn frage, sagt: „Nö, der ist gerade nicht mein Freund!“ Doch, kann ich doch – höre ich etwa Dreiviertel der Mütter sagen, die  hier mitlesen.

Ich kann Sie auch verstehen! Kindergeburtstage sind anstrengend, die will man limitieren. Und sie kosten Geld. Vor allem, wenn man noch diese blöden Tütchen machen muss, die die Kinder dann wieder mit nach Hause nehmen. Ehrlich, ich bin nicht der größte Kindernarr und schon gar kein Fan von zertrampelten Rosenbüschen, Müll im Garten, Flecken an den Wänden und Kinderkotze im Bad. Aber ich mag es noch viel weniger, die Gefühle von so kleinen Geschöpfen zu verletzten. Nennt mich Helikopter-Mama, haut drauf und sagt, mein Kind müsse lernen, mit Frust umzugehen, aber hört weiter zu: Als Leonard seine Kita gewechselt hatte, wurde er ein ganzes Jahr zu keinem einzigen Geburtstag eingeladen. Es gab fast nur Mädchen in seiner Gruppe und die luden eben keine Jungs ein. Etwas, das mir meine eigene Fehlentscheidung, die Einrichtung zu wechseln, noch mal sehr deutlich machte. Mir ist es ein Rätsel, dass man einen Neuankömmling nicht integriert.

Wir Deutschen sind im Grunde keine gastfreundlichen Menschen (abgesehen von unserer aktuellen Flüchtlingspolitik und dem ehrenamtlichen Engagement so vieler). Das wird jeder bestätigen können, der schon mal in Asien oder in arabischen Ländern unterwegs war oder an einer Grillparty in den USA vorbeigelaufen ist und selbstverständlich zur Tafel gebeten wurde. Ihr nicht? Ich immer, auf vielen Reisen.

Hier höre ich oft, dann und dann passt es nicht, da kommt schon der und der. Hallo? Ja, und? Ist dann die Wohnung zu voll? Vielleicht waren es ja besonders glückliche Zeiten, aber diese Limitierungen kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht. Zur Not hat unsere Mutter alle auf die Straße oder in den Garten zum Spielen geschickt. Aber die Tür zugelassen, weil schon ein Gast da ist? Das Motto war eher „the more the merrier“.  Hier höre ich auf dem Spielplatz wie Mütter zu ihren Kindern sagen: „Nein, spiel jetzt nicht mit Sara, Du bist mit Sina hier!“ Ich staune leise, denn wie wäre es denn, wenn alle miteinander spielten?

Wenn also alleine Janine, Claire, Ida und Max entscheiden dürfen, wer zur Party kommt,  kann es natürlich sein, dass neue zugezogene oder unangepasste Kinder durchs Raster fallen. Das werden Ihnen  einige Mütter bestätigen. Mein Sohn jedenfalls suchte im Alter zwischen fünf und sechs meist vergeblich nach dem Einladungskärtchen in der Kita. Ich sagte mir, er müsse damit klarkommen.

Mein Mann und ich laden lieber fünf Kinder mehr ein, als eines vor den Kopf zu stoßen. Wir können und wollen uns da auch gar nicht immer so festlegen. Das wird sich ändern, wenn meine Kinder groß genug sind, enge Freundschaften zu pflegen und wirklich allein entscheiden zu können. Eltern bestätigen: „Zurück-Einladen ist nicht. Mein Kind ist einfach so beliebt!“ Na, dann hoffe ich mal für die Kinder, dass das immer so bleibt!

Eine Mutter machte sogar nicht mal davor halt, Kinder wieder auszuladen. Ihre kleine Tochter hatte Leonard mehrfach mündlich zu ihrer Feier eingeladen. Ich traute dem Braten nicht und fragte die Mutter daher selbst. Sie antwortete: „Ja, Leni lädt alle Kinder aus der Gruppe ein!“ Leonard freute sich, und wir suchten ein Geschenk aus. Tage später fehlte seine Einladung im Fach. Leo suchte sie überall. Nur: Es gab keine!  Er überlegte, ob Leni sie verloren habe, ein anderes Kind sie mitgenommen habe oder sie hinter die Gaderobe gerutscht sei.

Ich fragte – ein wenig beschämt – die Mutter. Diese antwortete lächelnd: „Wir laden  jetzt doch keine Jungs ein, es werden zu viele Gäste!“ Die drei Jungs der Gruppe waren also wieder ausgeladen worden. Leonard war entsetzt, und ich sagte zu ihm: „Das ist sehr seltsam von der Mutter, und Leni kann nichts dafür!“

Bevor Sie mir jetzt kleine Einladungsbriefchen schicken zu den Feiern Ihrer Kinder oder mir ein Seminar zur Verarbeitung posttraumatischer Belastungen anbieten:  Nein, danke, wir sind bedient!  Letzten Sommer ging mir fast das Geld für Geburtstagsgeschenke aus.  Zu viele Feiern sollten es dann auch nicht sein.

Hilfe, Desinfektionsspray!

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Jetzt wird es noch mal ein bisschen medizinisch. An einem Tag im November schaffte ich es nicht rechtzeitig an mein Telefon und hörte die Nachricht einer Erzieherin ab: „Julian ist von Anna gebissen worden. Es ist nicht schlimm, aber es blutet. Daher muss ich Sie anrufen. Also, es blutet.“ Ich war mir nicht ganz klar darüber, was der Anruf nun bedeutet. Man hatte angerufen, also musste etwas sein. Es war aber „nicht schlimm“. Ich beschloss, gar nichts zu tun. Am Nachmittag traf ich auf dem Weg zur Kita eine der Erzieherinnen von Julian auf der Straße. Sie fragte mich, warum ich mich nach dem Vorfall nicht gemeldet habe. Ich sagte, es sei doch nicht schlimm gewesen, und man habe doch die Wunde sicher gleich desinfiziert. „Nein!“, sagte Julians Erzieherin bestimmt  und fuhr fort: „Wir dürfen kein Spray auf Wunden auftragen! Sie müssen selbst in die Kita kommen, das machen und können dann wieder gehen!“ Ich dachte, sie macht einen Scherz. Ein Desinfektions- oder wenigstens Wundspray aus der Apotheke oder der Drogerie erschien mir nichts Verwerfliches zu sein. Einen Vater oder eine Mutter aber wegen einer Lappalie zur Kita zu holen und somit ihren Arbeitstag mit großer Sicherheit frühzeitig enden zu lassen, schien mir vollkommen unangemessen zu sein. Doch unsere Erzieherin beharrte darauf: „Es ist verboten, dass wir ein Spray benutzen.“ Eine andere Mutter erzählte mir dann abends, sie musste schon zwei Mal aus Mitte 40 Minuten quer durch die Stadt fahren, um eine Bisswunde zu desinfizieren. Ja, kann denn das wahr sein? Ich musste mich erst einmal über Menschenbisse schlau machen.  Kinderärztin Annette verblüfft mich:

Menschenbisse gehören zu den infektiösesten Bissen überhaupt. Die Bisse gelten als gefährlicher als zum Beispiel Hundebisse – wohl, wenn der Hund nicht gerade Tollwut hat.  Daher rät Annette, Menschenbissverletzungen mit Verletzung der Hautoberfläche immer zu desinfizieren mit einem  Schleimhautdesinfektionsmittel aus der Apotheke, zum Beispiel Octenisept. Ist die Verletzung tief, muss der Arzt eine so genannte chirurgische Spülung vornehmen und dem Kind ein Breitbandantibiotikum verordnen. Annette empfiehlt Desinfektionsspray übrigens auch für Hautabschürfungen, die mehr als  1 x 1  cm flächig sind. Sie hat noch keine allergischen Reaktionen oder Probleme bei der Anwendung von Octenisept erlebt, erwähnt aber, dass es für den Bauchnabel von Neugeborenen nicht mehr benutzt werden soll.

Ok. Nun haben wir also einen leicht blutigen Menschenbiss und die Kita möchte diesen nicht desinfizieren. Warum nicht?

Sobald wir uns mit der Frage beschäftigen, betreten wir vermintes Gebiet. Da ist dann die Rede von der Heilsalbe aus der Apotheke, die nicht aufgetragen werden darf, da sie ein Medikament ist oder im schlimmsten Fall sind wir bei einer Kita, die die Aufnahme eines Kindes verweigert, weil es Diabetiker ist oder einen Notfall-Allergiker-Pin benötigt. Aber wie hängt das alles zusammen?

Erzieher sagen oft: „ Es gibt ein Gesetz, und das verbietet uns, Medikamente zu benutzen!“ Das ist so nicht ganz richtig. Zunächst einmal gilt, dass jeder Erzieher verpflichtet ist, 1. Hilfe zu leisten. Was dann dazu gehört, kann Auslegungssache sein.

Jedes Kitakind ist unfallversichert. Bei Tagesmüttern gilt dies nur, wenn diese anerkannt sind durch das Jugendamt gemäß § 23 SGB VIII, nicht aber, wenn sie eine Tagesmutter privat und eventuell schwarz bezahlen.

Diese Versicherung bedeutet, dass die Kosten, die entstehen, wenn das Kind in der Kita einen Unfall erleidet, in der Regel von der Unfallkasse getragen werden. Die Versicherung umfasst auch die direkten Wege von und zur Kita (aber nicht, wenn die Eltern Home Office machen), zu einer externen Veranstaltung und zurück zur Kita. Umwege sind nur dann mitversichert, wenn Eltern noch ein anderes Kind aus einer Kita abholen oder bringen müssen. Eltern müssen ihr Kind bei der zuständigen Unfallkasse nicht anmelden, dies geschieht automatisch.  Greift  die Unfallkasse in Ausnahmefälle nicht, muss die Krankenversicherung des Kindes die Kosten tragen. Wegen der Haftungsprivilegierung der §§ 104, 105 SGB V (5.  Sozialgesetzbuch) können Erzieher gar nicht so viel falsch machen wie sie vielleicht denken:  Ein Regress ist nur möglich, wenn ein Erzieher vorsätzlich (also absichtlich!) einen Schaden herbeiführt oder grob fahrlässig handelt. So eine Regelung ist notwendig und wichtig, um einen reibungslosen Ablauf in einer Kita zu gewährleisten.

Die DGVU  (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bemüht sich sehr, Erzieher und Eltern zu informieren, es gibt Flyer und am Telefon berät man freundlich. Allerdings scheint es dennoch an Informationen zu fehlen. Oder die Ängste sind einfach zu groß.

Man kann dem Flyer „Medikamentengabe in Kindertageseinrichtungen“ entnehmen, wie es leicht möglich gemacht werden kann, dass eine Kita einem zum Beispiel chronisch kranken Kind ein Medikament regelmäßig verabreicht. Hier spricht man dann von einer Teilübertragung der Personensorge. Eine solche liegt vor, wenn es eine ausdrückliche mündliche oder schriftliche Absprache mit den Eltern gibt oder sich die Übertragung aus den konkreten Umständen des Einzelfalls ergibt (Eltern sind nicht erreichbar, etc.). Wenn dem Kind durch eine fehlerhafte Medikamenteneingabe ein Gesundheitsschaden entsteht, greift grundsätzlich trotzdem der Versicherungsschutz der Unfallversicherung. Anders sieht es aber aus, wenn die gebotene und vereinbarte Medikamentengabe unterlassen wurde! Dann übernimmt jedoch die Krankenkasse des Kindes die Behandlung. Für die Erzieher gelten auch dann die Haftungsbeschränkungen nach §§ 104 ff Sozialgesetzbuch.

(Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. )

Grundsätzlich gilt, dass die Gabe von Medikamenten, also Arzneimitteln, nicht unter 1. Hilfe fällt und daher auch nicht von der Unfallversicherung abgedeckt ist. Dies ändert sich immer dann, wenn eine tatsächliche oder mutmaßliche Einwilligung der Eltern vorliegt.

Hieraus erschließt sich auch, dass ein einfaches Medikament, wie die Wundsalbe aus der Apotheke für das Windelkind immer mit Genehmigung der Eltern aufgetragen werden darf. Eine mündliche Genehmigung reicht hier aus, aber – wie immer in unserer komplizierten Welt – geht man auf Nummer sicher, wenn man sich alles schriftlich geben lässt. Dies macht natürlich auch den Alltag von Erziehern, die dann in Listen schauen müssen, welche Creme bei welchem Kind zulässig ist, nicht einfacher.

Aber nun zurück zum Biss durch ein anderes Kind:

Hier finden sich bei Recherchen unterschiedliche Handlungsanweisungen: Die einen raten zum Verbinden und Arzt aufsuchen, die anderen zunächst zum Ausspülen und die nächsten zum Besprühen mit Desinfektionsspray. Ich selbst bin überrascht, dass in den Unterlagen der DGUV empfohlen wird, Wunden nicht einmal auszuspülen – auf Kinderbisse im Speziellen wird hierbei allerdings leider nicht eingegangen.  Der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte eV empfiehlt wiederum auf seiner Internetseite das Desinfizieren der Bisswunde. Die gängigen Wunddesinfektionssprays wie Octenisept, die man nur in der Apotheke erwerben kann, haben  eine Arzneimittelzulassung.

Der Einsatz des Desinfektionssprays kann selbstverständlich von Eltern gewünscht oder genehmigt werden wie der Einsatz anderer Medikamente auch (Nasenspray gegen Schnupfen, Antibiotikum, Insulin, Allergie-Notfallset mit Adrenalin-Fertigspritze). Verpflichtet werden kann eine Kita nicht zur Gabe von Medikamenten. Ich persönlich würde aus Praktikabilitätsgründen und um eine die Gefahr einer späteren Entzündung zu minimieren, immer ein Spray in der Kita bereithalten. Hier sprechen wir aber nur über die Spitze des Eisbergs, denn es gibt auch Kinder, die chronisch krank sind und mehrfach täglich Medikamente brauchen.

Deshalb sollte schon aus sozialen Erwägungen bedacht werden, dass nur durch eine klare Absprache mit der Kita eine Teilnahme kranker Kinder im normalen Kitabetrieb möglich ist. Bei chronisch kranken Kindern  sollte dann allerdings genau schriftlich festgehalten werden wie ein Medikament anzuwenden ist.

Es gibt sogar Anwälte, die empfehlen, dass das genaue Procedere und eine Haftungsfreistellung notariell beurkundet werden sollten. Ich denke in solchen Fällen, dass wir in Deutschland einen Vollknall haben. Punkt. Als im Sommer die Flüchtlinge kamen, haben wir im Freundeskreis all unsere Medikamente zusammengesammelt und abgegeben. Ja, bitte, korrekt war da sicher auch nicht. Überkorrektheit bedeuet oft auch am Leben vorbei zu denken.

Bei Kindern mit Krankheiten, die täglich eine Überwachung und/oder Medikamenteneinnahme erfordern während der Kitazeiten, können Eltern beim zuständigen Jugendamt die Anerkennung eines zusätzlichen Betreuungsbedarfs beantragen. Wird der Antrag bewilligt, kann die Kita ihr Personal, bzw. die Arbeitszeiten der vorhandenen Mitarbeiter aufstocken. Eltern können außerdem in schwerwiegenden Fällen einen  Antrag auf Integrationshilfe beim zuständigen Integrationsamt stellen. Dann kann eine Begleit- oder Pflegeperson für das Kind abgestellt werden und das Kind so den Regelkindergarten besuchen. Als Beispiel mag der vierjährige Junge gelten, der wegen einer schweren Erdnussallergie die Kita nicht besuchen durfte: Die Kita des Jungen konnte und wollte nicht sicherstellen, dass das Kind nicht in Berührung kommt mit Erdnüssen bzw. Spuren von Erdnüssen kommt. Der kleine Junge wurde zuhause betreut, bis seine Eltern vor dem Landessozialgericht Niedersachen-Bremen Hilfe bekamen: Der Bub bekam eine persönliche Assistenz, also jemanden, der ihn während des Kindergartenalltags begleitet. Seine Allergie wurde als Behinderung anerkannt.

Noch einmal kurz zurück zum Thema Biss:

Bei Zeckenbissen wird die DGUV deutlich und empfiehlt klar die  Entfernung, da die Risiken einer Infektion mit FSME und Borreliose mit dem Verbleib der Zecke in der Haut steigen. Sprecht mit Euren KiTas über diese Dinge!!

Siehe hierzu unter anderem auch: UK RLP Unfallkasse Rheinland-Pfalz, „Zecken lauern nicht nur im Gras“ – zu finden im Internet

 

 

Scharlach-Schilder und das Sinnlos-Attest

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Während wir bei einer Tasse Tee so über Kinder und ihre Wehwehchen plaudern, erzählt Annette, die Kinderärztin, was sie gar nicht leiden kann. „Wir haben Scharlach“- Schilder!  Ist Scharlach nicht ganz schlimm? Nein, Scharlach ist nicht ganz schlimm und bricht häufig nicht einmal voll aus. Dann ist es eine simple Streptokokken-Infektion. Wenn zwei Kinder einer Gruppe Scharlach haben, bleiben sie zuhause und werden dort behandelt, deshalb hat aber die Kita noch keinen Scharlach. Annette findet, Kitas sollten nur mit großen Zetteln über Krankheiten informieren, bei denen eine Informationspflicht besteht oder die Schwangere gefährden könnten: Darunter fallen Ringelröteln und Masern.

Ebenfalls informiert werden muss über Läuse. Aber auch hier lacht Annette milde: „Was Eltern alles anstellen, wenn es um Läuse geht, ist verrückt!“ Da wird Wäsche ohne Ende gewaschen, es werden Kuscheltiere weggeworfen oder ins Gefrierfach gesteckt.“ Alles Quatsch. Läuse sterben, wenn sie über vier Stunden kein Blut getrunken haben. Es reicht also, das Kuscheltier einfach mal beiseite zu legen. Betroffen sein werden auch nur Mützen, Kissen und Tiere, die zur Schlafenszeit bei den Kindern am Kopf liegen. Läuse halten sich nämlich in der Regel nur auf Haaren auf und wandern von Kopf zu Kopf, wenn Kinder ihre Köpfe zusammenstecken. Eine Katastrophe ist das nicht.

Während ich das schreibe, sehe ich eine Mutter mit Läusephobie vor mir, die wegen eines Läusealarms jeden Morgen nach dem Aussteigen aus dem Auto  vor der Kita ihre Töchter mit einem Läusespray besprühte, obwohl die Kinder läusefrei waren. Davor ist zu warnen: Es handelt sich bei solchen Mitteln oft um Medizinprodukte, die nicht so streng geprüft werden wie Arzneimittel. Enthalten sind  Pyrethrine, die die Tiere abtöten, aber auch bei Menschen zu Nebenwirkungen führen können. Andere Produkte basieren auf Kokosöl und Silikon und sollen bewirken, dass die Atemöffnungen der Läuse verstopfen. Diese Mittel kann man als Shampoo zur Abtötung benutzen, muss dann aber prüfen, ob wirklich alle Läuse erwischt wurden oder noch Nissen vorhanden sind. Wer das Zeug schon mal in die Haare geschmiert hat, weiß, dass man das Öl tagelang nicht richtig rausbekommt. Eklig, aber halb so wild.

Als bei uns die Maul- und Klauenseuche (aka Hand-Mund-Fuß-Virus) nach einer Woche wieder vorbei war, und ich mit den letzten Pusteln im Mund wieder an meinem Schreibtisch saß und gerade einen Vertrag fertig schreiben wollte, klingelte das Telefon. Es war die Kitaleiterin. Ich möge bitte sofort kommen, Julian wirke „irgendwie krank“. Zuhause war Julian dann putzmunter, und ich pflaumte die Kitaleitung an, mich bitte nicht noch mal anzurufen, wenn mein Kind nichts habe. Ihre Erklärung: Sie habe seinen Schnuller nicht gefunden und konnte ihn nicht beruhigen. Langsam aber sicher wurden wir alle hysterisch: Die Eltern gesunder Kinder verdächtigten die Eltern anderer Kinder, ihre Blagen krank abzugeben, andere verdächtigten die Erzieher, selbst die Viren einzuschleusen, der nächste spricht von mangelnder Hygiene. Ich begann, jedes Kind zu verfluchen, das mit gelb-grüner Rotze unter der Nase durch die Kita lief. Ekelhaft! Und die Kitaleitung versuchte, die berühmte Attest-Regel einzuführen. Kennen Sie die?

Die Attest-Regel besagt, dass Sie mit Ihrem Kind, wenn es endlich wieder gesund ist, zum Arzt gehen müssen und sich die Kitaeignung bestätigen lassen müssen. Das ist natürlich hirnverbrannt. Denn was fragt denn der Arzt die Mami? „Ist Ihr Kind noch krank? Hat es Fieber? Nein? Dann kann es wieder in die Kita gehen!“ Bitte schön, hier ist der Wisch. Manchmal kommt man gar nicht erst vor bis zum Arzt, denn der beschäftigt sich  – und das ist ja auch richtig so – mit den Kindern, die wirklich krank sind. Da macht das dann die Assistentin, und der Arzt unterschreibt nur schnell. Ich habe auch schon von unterzeichneten Vordrucken gehört, auf denen die Eltern nur das Datum nachtragen müssen. Ärztin Annette nickt fortwährend, während ich eine kleine Brandrede wider den Unsinn halte. Das Attest ist sinnlos. Völlig. Ein hilfloser Versuch, Kitakrankheiten im Zaum zu halten. Besonders wichtig finden manche Eltern und Erzieher das Attest bei Durchfällen. Na, toll. Da sage ich dann wahrheitsgemäß zu dem genervten Arzt: „Nein, Emma hat heute noch nicht weich gekackert! Der Durchfall scheint vorbei zu sein!“, bekomme das Schreiben, gebe das Kind in der Kita ab und  – pppffft- rummms- ist die Windel samt Body und Röckchen wieder voll.

Ärzte können nicht hellsehen, sie verlassen sich auf das, was wir Eltern ihnen sagen. Ärzte bekommen pro gesetzlich versichertem Kind und Quartal eine Pauschale und finden es in der Regel nicht witzig, gesunde Kinder vorgeführt zu bekommen. Selbst bei den Läusen ist die Regelung eigentlich albern: Denn, wenn die Mutter eine Laus übersieht, kann das auch dem Arzt  passieren. Wir gehen also mit gesunden Kindern zum Arzt, können immer noch nicht ins Büro, ernten komplettes Unverständnis („Äh, ja, Sina ist gesund, aber ich sitze mit ihr beim Arzt!“) und halten dort den gesamten Betrieb auf.

Annette erzählt aus dem Praxisalltag folgende, geradezu groteske Geschichte: „Da sitzen 20 kranke, wartende Kinder in der Praxis, denen ich helfen möchte, und es stürmen drei aufgeregte Mütter rein: „In unserer Kita gibt es Scharlach! Wir möchten, dass unsere Kinder auf Scharlach getestet werden“! Völlig verdattert fragte die Ärztin die Mütter warum. Die Antwort: „Wir wollen wissen, ob die Kinder auch Scharlach haben, damit sie gleich ein Antibiotikum bekommen!“ Na, geht es noch? Ich glaube, es hackt! Da soll ein Test an einem symptomfreien Kind gemacht werden?“ Annette lacht schallend: „Und dann ist der Test positiv und was mache ich? Ein gesundes Kind behandeln?“ Ganz sicher nicht. Streptokokken hat fast jedes Kind von Zeit zu Zeit oder auch als Dauerbesiedlung in der Mund- und Nasenschleimhaut. Deshalb würde man nicht vorbeugend gegen Scharlach behandeln, zumal die Krankheit sich nicht immer in voller Blüte zeigt. Da fragt man sich doch ein wenig, was sich solche Eltern denken? Wofür ist der Arzt da? Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse? Würde man der Krankenkasse solche Kosten aufbrummen, wäre das ein glatter Kassenbetrug.

Zum Glück sind die Kitas meiner Kinder alle so vernünftig gewesen, dann doch Abstand zu nehmen, von den Blödsinns-Attesten. Sind Ihre Kitas nicht so vernünftig, liebe Eltern, tut Euch zusammen und kämpft gegen den Quatsch an.

Jetzt naht der zweite Kitawinter, und ich denke mit einigem Abstand: Die Seuchenzeit gehört dazu. Ein Kind erwischt es mehr, das andere weniger. Manche Eltern strotzen dem Virenbomardement, andere eben nicht. Manch einer hat verständnisvolle Auftraggeber und Arbeitnehmer („Ja, kennen wir auch!“), mancher kämpft nicht nur mit der Grippe, sondern auch noch mit ausgemachten Arschlöchern („Geben Sie Ihr Kind doch zur Oma!“, „Also, mein Kind/Enkel/Patenkind/Nachbarskind ist nie krank!“). Und alle müssen da durch. Irgendwie.

Und jetzt habe ich noch gar nicht erzählt, dass es noch ganz andere Kitaflüche gibt. Was, Sie denken ich komme ihnen wieder mit Läusen? Haha, das ist gar nichts! Hatten Sie schon mal Würmer? Nein? Dann empfehle ich Ihnen die ersten Seiten des Buchs „Schoßgebete“ von Charlotte Roche.  Juckt es schon? Naja, Sie haben ja bestimmt Tesafilm zuhause. Und wenn Sie immer noch nicht genug haben, schlafen Sie einfach mit Ihren Gören in der Jugendherberge (wahlweise dem Astoria in New York) und bringen Sie ein paar Bettwanzen mit nach Hause – so wie der Papa von Mia, der heute noch davon erzählt wie die ganze Wohnung auf 60 Grad erhitzt werden musste, um das räudige Volk auszuräuchern. Natürlich musste die ganze Familie inklusive Katzen und Hund ausziehen für den Zeitraum.

Als die Seuchenzeit im April vorbei war, gönnte ich mir einen Kinobesuch. Der Kinositz war unbequem. Ich bekam einen Hexenschuss und konnte mich eine Woche lang kaum bewegen. Meinen Arbeitgeber hat es nicht gefreut, denn er hatte gehofft, nun mal eine Weile auf mich zählen zu können. Ich war aber zum ersten Mal krank, ohne dabei noch ein oder zwei Kinder betreuen zu müssen. Da nimmt man die Schmerzen und die täglichen Spritzen in den Rücken ja schon fast als Geschenk an.

Kitakrankheiten oder: Die Hölle ist los!

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Huhu, jetzt möchte ich Ihnen mal so richtig Angst einjagen! Setzen Sie sich lieber hin oder halten Sie sich am nächstbesten Türrahmen fest:

Haben Sie eine Arbeit, die Sie lieben? Wollen Sie Ihr Kind mit einem Jahr in die Krippe geben? Passen Sie auf, die Strafe folgt auf den Fuß! Oder besser: Auf die Hand, den Mund und den Fuß!

Na, gut, es gibt verschiedene Ausprägungen der Hölle: Als wir Kind 1, also Leonard, in den Kindergarten gaben, war er neun Monate alt, und er mag hier und da ein wenig verschnupft gewesen sein, sehr viel mehr passierte nicht. Bei ihm! Es ging mir zeitweise so dreckig, dass mein Partner mich am liebsten auf die Straße gesetzt hätte: Rotze, Husten, Heiserkeit in einem Ausmaß wie ich es noch nicht gekannt hatte. Dazu eine immerwährende Nasennebenhöhlenentzündung und eitrige Seitenstränge (das ist da hinten im Hals und tut weh beim Schlucken, gerne bei Leuten, die keine Mandeln mehr haben). Ich schluckte fleißig Antibiotika und Aspirin Complex (da ist wenigstens ein bisschen Ephedrin-Wachmacher drin), um überhaupt mein Kind in die Kita bringen zu können. Da musste es schließlich hin, damit ich mich mal ins Bett legen konnte.  Meine Ärztin wollte mich an den Vitamintropf legen, aber ich hatte keine Kraft, überhaupt dort hinzufahren. Denn entweder arbeitete ich irgendwie, oder ich lag im Bett. Arbeiten musste ich verdammt viel, denn es fehlte Geld, und mein Mann war gerade dabei, sein Geschäft aufzubauen.

Bevor ich ein eigenes Kind bekam, hatte ich mit Kindern wenig am Hut. Es scheint, dass mein Körper seit der eigenen Kindergartenzeit keinerlei Kontakt zu den Viren- und Bakterienmonstern mehr gehabt hatte, die mein – erstaunlich gesundes – Kind bevölkerten. Mein Sohn war bis auf einen Schnupfen fit, und ich lief herum wie der Tod auf Socken. Natürlich dachte ich, dass ich Krebs, Multiple Sklerose oder Aids habe, aber alle Tests waren negativ. Irgendwann traf ich auf eine Mutter, die mir sagte, bei ihr seien die ersten beiden Kitawinter ihrer Tochter auch ein einziger Totalausfall gewesen – für sie.

Das reicht Ihnen schon? Jetzt geht es aber munter weiter: Als Kind Nr. 2 kam, also Julian, war ich angestellt. Um nicht allzu lange in der Firma auszufallen, kam Julian mit elf Monaten in die Krippe. Dort wurden nach und nach alle Kinder eingewöhnt, da die Einrichtung neu gegründet worden war. Morgens fuhren wir den Großen in Kita 1 und den Kleinen in Kita 2. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Nicht-Eltern gar nicht wissen, dass Eltern morgens schon  90 % ihrer Energie verbraucht haben, bevor sie ins Büro kommen. Stimmt. Bis Kind 1 seine Anziehsachen angezogen hat, ist Kind 2 wieder eingeschlafen. Ich weiß nicht, wie Eltern mit drei oder noch mehr Kindern das machen, wenn beide arbeiten. Aber zurück zu dem eigentlichen Thema – sitzen Sie endlich?

Der vergangene Winter, also der 1. Winter von Julian in der Krippe, war ein Seuchenwinter. Julian war – ohne Witz – eine Woche halbwegs gesund und daraufhin wieder zwei Wochen krank, eine Woche gesund, zwei Wochen kränklich. Julians Papa hatte fast durchgehend Aufträge und verwies mich gerne darauf, ich sei ja angestellt und könne „ja wohl mal fehlen“, woraufhin ich ihm stets erklärte, „er sei schließlich selbstständig und könne flexibel auf die Krankheiten seines Kindes eingehen“. Wir hatten alles. Und dieses Mal erwischte es sogar zwei Mal den Großen. Ich kann gar nicht so genau sagen, was es war, aber es war alles eklig, schleimig, pickelig und langwierig, manches stank bestialisch, und die meisten Nächte betrugen weniger als drei Schlafstunden am Stück. Kein Wunder, dass viele Mütter (und auch Väter) ständig krank sind, heißt es doch, Schlaf sei neben gesunder Ernährung  und Sport das wichtigste, um das Immunsystem zu stärken. Wann schlafen wir denn, wenn wir arbeiten und gleichzeitig nachts ständig wach sind? Da landen wir dann ganz schnell bei dem Buch „Die Alles-ist-möglich-Lüge“ von Susanne Garoffsky und Britta Sembach, das sie lesen sollten, wenn sie sich als Mutter oder Vater ständig am Rande oder mitten in der Erschöpfungsdepression bewegen, aber das ist eine andere Geschichte…

Also, da ich nun also angestellt war, konnte ich mich tagsüber nicht mehr hinlegen, wenn ich nachts wach war. Ich ging am Stock. Julian wurde und wurde nicht richtig fit. Wir mieden unsere liebe Kinderärztin, wo wir nur konnten, denn die meisten Krankheiten können Eltern wohl auch ohne Arzt richtig einschätzen, und wenn man irgendwo krank wird, dann wohl erst recht beim Kinderarzt. Wenn wir dann aber doch mal zum Arzt gingen, trafen wir meist die halbe Kita im Wartezimmer. Die andere Hälfte der Kinder hing bleich in der Kita herum, wo dann – passend – die Hälfte der Erzieher fehlte. Traf man sich im Supermarkt, konnte man schon an den Gesichtern erkennen, wo Grippevirus und Magen-Darm jetzt gerade angekommen waren. Wir erzählten uns von Kotze, durchgekackten Windeln, nächtlichen Erstickungsanfällen (Krupp), zeigten uns gegenseitig eigenartige Fotos der Ausschläge unserer Kinder und verglichen Hustenarten. Am schlimmsten traf es einen Vater, bei dem sich das Hand-Mund-Fuß-Virus tatsächlich auf seine Füße und Fußnägel gesetzt hatte und dort so fröhlich feierte, dass er im Krankenhaus vorstellig wurde. Dabei sind Erwachsene sonst meist gefeit vor dem Zeug.

Per Mail schrieb ich ins Büro die Textbausteine: „Kind 2 ist krank.“, „Ich bin krank.“ oder, seltener: „Kind 1  ist auch krank.“  Gerne auch alles gleichzeitig. Manchmal mit Tränen der Scham in den Augen. Ich habe mich noch nie so unwohl bei der Arbeit gefühlt, wie in diesem ersten Kitawinter. Ich dachte jeden Tag, meiner Vorgesetzten und meinen Kollegen würde der Geduldsfaden reißen. Erleichternd wirkten ein ebenfalls sehr oft hustender Vater und eine Mutter mit häufig krankem Kind. Zur Weißglut brachten mich Menschen, die mich ansahen und sagten:  „Also, wir/ich/unsere Kinder sind/bin nie krank!“ Schön für Dich!! Toll! Also, wir waren im Eimer.

Ich organisierte zwei Babysitterinnen zum Preis meines Teilzeitgehalts, die auch vormittags konnten, und auf mein krankes Kind (wahlweise auch auf das zweite oder auf mich) aufpassten. Die waren dann natürlich auch dauernd krank, halten ja nichts mehr aus, die jungen Leute! Am robustesten erwies sich noch die 80jährige, schlecht sehende Oma der beiden Jungs.

Mein Mann und ich diskutierten mit den Erzieherinnen um jede Minute Kindergartenzeit. „Krank?! Nein, nein, Julian ist nicht krank!!! Er tut nur so!“ Ich erinnere ich an einen Tag als ich flehte, man möge Julian nehmen trotz der „Drei-Mal-Weiches-Kacka-Regel“, weil die Babysitter krank waren, die Großmutter im Krankenhaus und der Kindsvater im Studio. In der Firma hatten sich die Wirtschaftsprüfer angekündigt. Die Kacka-Regel besagt, dass man sein Kind zuhause lassen muss, wenn es drei Mal an einem Tag Durchfall hat. Während die eine Erzieherin bereits von Durchfall spricht, wenn der Stuhl weich ist, ruft die andere erst an, wenn es durchsuppt. Ehrlich. Und bevor mich nun jemand in die Rabenmutterecke stecken möchte: Nein, ich habe keines meiner Kinder je mit Fieberzäpfchen versehen in die Kita gesteckt. Das sollen aber angeblich andere Eltern machen, erzählt man sich so. Ich kenne das aus Frankreich. Dort knallte man jahrelang schon Kleinkindern bei leichten Erkältungen ein Antibiotikum rein, weil es eben selbstverständlich ist, dass Frau arbeitet. Also gibt man Kindern schnell Medikamente, um sie um Himmelswillen in die Krippe bringen  zu können. Auch nicht alles gut, bei den Nachbarn, im Gegenteil! Vielleicht ist man dort inzwischen aber so wie hier in Deutschland wesentlich zurückhaltender bei der Verschreibung von Antibiotika geworden.

Eine befreundete Berliner Kinderärztin, nennen wir sie hier Annette, sagt deutlich: „Ein Kind, das sich nicht wohlfühlt, bleibt zuhause. Ein Kind, das eine Temperatur von über 38,5 Grad hat, bleibt zuhause und zwar bis 24 Stunden nach dem letzten Fieber.“  „Es sei denn“, fügt sie hinzu, „das Fieber hielt nur wenige Stunden an.“ Durchfall betrachtet sie eher gelassen: „Wenn der Durchfall nicht zu häufig und sehr, sehr flüssig ist, kann ein Kind mit Durchfall auch in die Kita. Der Durchfall ist, wenn kein Fieber besteht, meist kein Krankheitszeichen mehr, sondern nur noch eine sekundäre Reaktion auf die Krankheitskeime, die den Darm gereizt haben.“ Das heißt, oft klingt eine Kinderkrankheit mit Durchfall aus, und es besteht gar keine Ansteckungsgefahr mehr.

Als bei uns in der Kita   Hand-Mund-Fuß ausbrach, blieb ich ruhig, denn im Netz kann man überall lesen, dass es halb so schlimm ist und oft nach drei Tagen vorbei. Als Julian erste Bläschen im Mund hatte, wiegelte ich ab. Nein, das kann nicht sein. Nicht mein Kind. Die Erzieherin, deren Mund auch schon Blasen schlug, schickte mich zum Kinderarzt. Der konnte nichts erkennen und schickte Julian zurück in die Krippe. Ich triumphierte! Nachts machte mein Kind kein Auge zu: Der ganze Mund war  nun voll von dem Dreck! Vorwurfsvoll führte ich mein  Kind wieder in der Kinderarztpraxis vor. Man überdachte die Diagnose von gestern und attestierte meinem Baby „Coxsackie“. Toll, ich saß wieder zuhause und schmierte mir – da waren jetzt auch Pusteln am Zahnfleisch –  und meinem Kind eine grüne Paste in den Mund, die überhaupt nicht half. Das Schmieren wurde mit Schreien quittiert.

Annette, die selbst drei kleine Kinder hat, erklärte mir: „Ich kläre alle Eltern auf, dass es bei  kleinen Kindern zwei Hauptdiagnosen gibt und die lauten „erstes Kitajahr“ und „zweites Kitajahr“. Die Diagnosen stehen symbolisch dafür, dass sich Kinder nach Eintritt in die Kita mit neuen Keimen auseinandersetzen und  sich das Immunsystem mit allen Keimen auseinandersetzt, was sehr positiv gegen die Entstehung von Allergien wirkt. „Eltern, die darauf vorbereitet sind, denen geht es besser. Denn Arbeitgeber geben Eltern ja gerne mal das Gefühl, dass nur ihr Kind dauernd krank ist. Normal ist durchaus, dass ein Kind eine Woche gesund und eine Woche krank und die nächste noch schlapp ist und das über den ganzen Winter.“ Man könne es nicht oft betonen, da das schlechte Gewissen schon so manche Mutter in den burn-out gejagt hat:   NORMAL! ALLES VÖLLIG NORMAL!     Tja, und was ist mit den Eltern? Die Ärztin sagt: „Eltern selbst stecken sich heute leicht an, da wir nicht mehr in Großfamilien leben, wo seit Jahren die Keime zwischen den Familienmitgliedern zirkulieren, sondern wir Erwachsenen werden mit dem Eintritt unserer Kinder in die Kita oft das erste Mal selbst wieder mit der wilden Welt der Keime konfrontiert werden.“ Das heißt: Abends küsst uns das Baby und es hat eine neue Überraschung mitgebracht.

Bezüglich Coxsackie gruselt uns  Annette dann jetzt ein bisschen. Das Virus weist sehr viele Unterstämme auf, und man kann sich  mit jedem einzelnen davon anstecken. Die Krankheit tritt bei manchen Kindern als Herpangina im Mundraum auf, bei anderen Kindern befällt sie eher Hände und Füße, aber auch die Genitalien. Oder alles zusammen. In seltenen Fällen kann die Krankheit bei Erwachsenen Böses bewirken kann: Nägel können ausfallen, oder man verschleppt den Infekt, weil man wochenlang schlapp und mit Bläschen im Mund zur Arbeit rennt, und bekommt wohlmöglich eine Myokarditis. Während sie mir das erzählt, und ich nach Luft schnappe, sagt sie: „Ok, wir wollen den Eltern mal keine Angst machen. Normaler Weise ist das alles nicht weiter schlimm.“ Sie empfiehlt aber allen Eltern, auf ihre eigene Gesundheit zu achten und Vorwürfe des Arbeitgebers („Gerade war noch ihre Tochter krank und jetzt Sie??!?“) so gut wie möglich zu ignorieren. Es hilft niemandem, wenn aus der Erkältung eine Lungenentzündung, eine Herzmuskelentzündung oder Asthma wird. Sowohl die Ärztin als auch ich berichten hier aus eigener leidvoller Erfahrung. So denn: Wer sich bei seinem Kind ansteckt, ist oft schlimmer dran als das Kind und schone sich!

Andererseits warnt Annette davor,  dass Kinder aus der Kita genommen werden, weil Kitaleitungen das so anordnen, obwohl es ihnen gut geht. Selbst mit einem Cocksackibläschen und ohne Fieber kann ein Kind am Kitatag teilnehmen, wenn es nicht beeinträchtigt ist. Die Viren sind zwar hochansteckend, wenn das Kind aber die ersten Bläschen bekommt, war es vorher bereits tagelang als Virenschleuder unterwegs. Wer dann noch nicht verseucht ist, wird es wohl auch nicht mehr.

 

Das Gras auf der anderen Seite

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Meinen Humor in Sachen Kita habe ich einmal verloren, und ich habe dann eine Entscheidung getroffen, vor der ich andere Eltern warnen möchte. Mein Mann und ich verstanden uns mit der Leiterin einer Einrichtung nicht, mochten allerdings die Erzieherinnen sehr. Dann gab es zwei Ereignisse, die zu einem nicht reparablen Bruch führten: Leonard, der schon mit zwei Jahren in die mittlere Gruppe kam, durfte mit vier Jahren nicht zu den Großen (4-6) wechseln. Man war hier strikt nach dem Geburtsdatum gegangen, so dass mein Sohn hinten runter fiel und bei den Kleinen verbleiben musste. Da ich, wie viele Eltern, meinen Sohn für recht aufgeweckt halte, ging ich mit einer anderen Mutter auf die Barrikaden. Man redete sich mechanisch mit dem Geburtsdatum heraus. Die Argumente lauteten plötzlich ganz anders als zwei Jahre zuvor, als der kleine Pups mit nicht mal zwei Jahren in die Gruppe der Dreijährigen kam.

Vielleicht hätte ich als Kitaleitung genauso gehandelt, denn der Platz reichte hinten und vorne nicht aus für die 4-6 Jährigen. Doch wir waren entgeistert. Unser intelligentes, tolles Kind bei diesen halben Babys! Man versprach uns und der anderen Mutter, unsere Kinder hoch zu holen, sobald ein Platz frei werde. Als dann einer frei wurde, wurde ein Kind einer Familie, die gerade zugezogen war, in die Gruppe aufgenommen. Angeblich war Vitamin B im Spiel. Wir schäumten. Sollte  Ihnen das passieren, bleiben Sie gelassen: Das passiert hunderten von Eltern jeden Tag!

Glauben Sie noch an Wartelisten? Dann glauben Sie auch an den Weihnachtsmann. Ich weiß von Familien, die sofort einen Platz an einer Kita nahe unserer bekommen haben, während andere jahrelang nur einen Platz auf der Warteliste ihr Eigen nennen konnten. In diesem Fall schien sich das Muster herauszukristallisieren, dass meist die Eltern die Zusage bekamen, bei denen sich allein der Vater im Wochentakt die Kita mit freundlichen Anrufen überzogen hatte. In anderen Fällen sind es immer die Alleinerziehenden, weil die Leiterin selbst alleinerziehend ist, im nächsten Fall sind es die Kinder der großen, attraktiven Managergatten – da springt vielleicht auch die ein oder andere Spende heraus. Sympathie und Kontakte sind wie immer und überall im Leben die halbe Miete. Zurück zu uns:

Wieder zog eine Familie weg, deren Kind bei den Großen war. Nun hatte man ja zwei Eltern versprochen, ihr Kind sei an der Reihe, und es konnten nicht zwei Kinder hochgehen. Also hieß es, nein, beide Kinder bleiben aus pädagogischen Gründen unten. Ich kochte. Pädagogische Gründe? War mein Kind plötzlich zu blöd, zu klein, zu unsozial, die Gruppe zu wechseln? Warum sagte man uns nicht ehrlich, dass man sich mit den Zusagen verrannt hatte?  Hinzu kam noch, dass ich meinte, deutlich vernommen zu haben, für meinen kleinen Sohn Julian stünde im nächsten Sommer ein Platz zu Verfügung. Diese Aussage hatte dann niemand mehr gemacht. Missverständnisse, alles Missverständnisse…

Ich drohte zu explodieren – zumal ich hoch schwanger war und sich mein Bauch bedrohlich wölbte. Ich saß im Büro in Berlin Mitte und brach vor zwei Kolleginnen in Tränen aus.  Sie wissen schon: Die Hormone! Meine Panik nach einem Jahr keinen Kitaplatz zu haben und nicht arbeiten zu können, war unfassbar groß. Ich fühlte mich in meiner beruflichen Existenz bedroht. Als ich dann  noch eine Familie im Café traf, die sagte, dass sie wisse, dass sie einen Platz für den nächsten Sommer sicher habe, schoss ich die Kita auf den Mond.

Ich rief eine bilinguale Kita an, meldete nach einem Gespräch mein Kind dort an, legte eine Unsumme Zuzahlungsbeiträge für 18 Monate bis zum Schulbeginn beiseite und sandte einen Brandbrief an den Träger der alten Kita meines Sohnes. Wutschnaubend verließen wir die Kita.

Zwei Jahre später weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich hatte vor Wut zum einen mein Kind aus dem Auge verloren, und zum anderen hatte ich außer Acht gelassen, dass all diese idiotischen Situationen nur entstehen, weil alle Seiten unter Beschuss stehen. Die Kitaleitung darf keine Zusagen über Plätze machen, damit Eltern nicht auf die Idee kommen, hier etwas einklagen zu wollen. Sie steht mit dem Rücken zur Wand, wenn der Trägerverein ein bestimmtes Kind aufnehmen möchte oder zwei Eltern denselben Platz einfordern. In dem Sommer, in dem mein kleiner Sohn Julian dann tatsächlich in die Kita kommen sollte, waren in der Kita, die wir verlassen hatten, noch genug Plätze frei, zwei andere Kitas boten uns Plätze an, wir hatten die Auswahl. Ruhig Blut, rate ich allen Eltern! Oder, um meine Mutter zu zitieren: „Kind, warte doch einfach erst mal ab!“

Leonard war glücklich in seiner alten Kita, und er wäre nicht verblödet, noch ein paar Monate mit den jüngeren Kindern zu verbringen, zumal einige Gleichaltrige ebenfalls bei den Jüngeren geblieben waren. Es ist schon komisch, wie wichtig wir hier in Deutschland manchmal solche unwesentlichen Dinge sehen. Als würde die Karriere unseres Nachwuchses davon abhängen, ob die Kinder in der Gruppe alle das ABC beherrschen oder nicht.  Die Kitaleitung von Leonards Kita gab sich Mühe, das Ärgernis auszugleichen, indem die in den Augen meines Sohnes „tolleren“ Spielsachen der Großen auch nach unten gegeben wurden.  Doch nichts konnte mich besänftigen.  Ich fühle mich als einigermaßen verständige Person schnell veräppelt, wenn ich mit langen Ausführungen statt mit einer knappen Entschuldigung bedacht werde.  Und so habe ich dann aus Verärgerung und Unverständnis für ein System gehandelt, dessen komisches Herausgerede mir auf die Nerven ging.

Heute würde ich jedem raten, die eigenen Befindlichkeiten ganz hinten an zu stellen und genau zu gucken, ob woanders das Gras grüner ist. Die bilinguale Kita hat sehr viel Geld gekostet für Leistungen, die für uns zum Großteil nicht ersichtlich waren oder die wir völlig uninteressant fanden. Die neue Kita hatte große Personalprobleme, sodass sie am Anfang versprochene Ausflüge gar nicht leisten konnte, dass mein Sohn plötzlich mit noch kleineren Kindern in einer Gruppe war und die Kita drei oder vier Mal, als mein Job als Angestellte äußerst angespannt war, statt um 18 Uhr um 15 Uhr schloss und sogar mit der Schließung für einen Tag drohte.  Die personelle Fluktuation der Erzieher war gerade in der neuen Kita sehr hoch, die Leiterin schnell pampig oder gar beleidigt. Es gab lange Zeit keine Elternsprecher, keine Telefonlisten, nichts.

Wir fühlten uns traurig und isoliert, mein Kind fasste nie richtig Fuß. Allein seine beiden guten Erzieher, ein Mann und eine Frau, konnten die Zeit dann doch noch zu einem für ihn vertretbaren Erlebnis machen. Insbesondere unser männlicher Erzieher war einfach spitze. Er handelte nicht professionell, sondern intuitiv und locker, was uns gefiel. Daher einfach mal ein paar Vorschusslorbeeren an alle Männer, die sich in dieser Frauendomäne bewegen!!

Was ich Ihnen aber auch sagen kann: Trauen Sie sich, auf Verbesserungen zu drängen, wenn diese wichtig sind. Sprechen Sie mit anderen Eltern, oft fühlen viele dasselbe, manche trauen sich nur nicht, von sich aus darüber zu reden.  Ich höre oft, dass Eltern Angst haben, ihren Kitaplatz zu verlieren (was in Berlin nicht so einfach möglich ist). Deshalb wird ganz viel hinter vorgehaltener Hand geflüstert – zielführend ist das nicht. Und mal ganz ehrlich: Ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass mein Sohn schlecht behandelt wurde in einer Kita, ganz gleich, was ich als Mutter gesagt habe. Auch als ich Zuzahlungen gekürzt hatte, wurde mein Sohn so liebevoll behandelt wie vorher. Die meisten Kitaleitungen und Erzieher mögen Ihre Kinder nämlich wirklich.