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Category Archives: Zweitfrau

Ab wann darf es denn ein bisschen Metoo sein?

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Verdammte Hacke, es wird Zeit. Sich zu positionieren. Jetzt, wo Metoo endlich nachlässt. Gut, dass es einige echte Dreckschweine erwischt hat. Traurig, dass wir bald amerikanische Verhältnisse haben – ich möchte flirten und finde es schade, dass es nicht mehr täglich  stattfindet, sondern alle Jubeljahre mal. Bin halt Mutter, bin halt alt. Und wir haben ja alle vom okcupid Gründer und seinen wunderbaren Statistiken gelernt: Männer mögen Frauen am liebsten, die 23 sind. Tja, ich mag Männer am liebsten, die zwischen 30 und 45 sind. Ist so.

Metoo ist schwierig, wenn Männer gedisst werden. Metoo ist richtig, wenn es um Grenzüberschreitungen geht. Erst recht, wenn es es um Gewalt geht.  Die Grenzen des guten Geschmacks sind für einige schnell überschritten, da gibt es schon ein bisschen Metoo – Gejammere, das ich übertrieben finde.

Wie war das bei mir?

Bereits in der Schule gab es nicht einen, sondern drei meiner Lehrer, die Flirten mit Schülerinnen zum Hauptfach machten. Das fand ich amüsant – Grenze nicht berührt.  Mein Mathelehrer – und ich war grottig in Mathe – hat sich auf der Skifahrt immer meinen Labello geliehen. Achja. Lustig irgendwie.

Scheiße fand ich einen heute sehr erfolgreichen Mitschüler, der mir an die Brüste gefasst hat und „Dicke Titten!“ gegrölt hat- Noch beschissener einen Studenten (heute sehr erfolgreicher Anwalt mit großer Familie), der mir erklärt hat: „Frauen meinen „ja“, wenn sie „nein“ sagen“ (und ich blöde Kuh hab mitgemacht). Ekelhaft ein Belästiger bei den Pfadfindern, der sich ins Zelt gepirscht hat (wollte wohl den Pfad zu mir finden und war dabei recht grob).

Und ja, auf einem Richtfest, wo ich kellnerte, eine sabbernde Grenzüberschreitung in Form eines Besoffenen, der mir in die Umkleide folgte. Nichts wie weg bei einem Ausritt mit 16 in der Provence, auf dem der Reitlehrer versuchte, mich vom Pferd zu ziehen.  Meine Bekannten dort trösteten mich mit Nutella. Da gab es den  Mann, der mich gewürgt hat, weil ich „dann doch nicht wollte“. Nein, kein Fremder, sondern der Partner. Angegrabscht von einem eBay- Mitarbeiter im Fahrstuhl. O-Ton: „Du hast aber eine schöne Bluse an heute!“ GRABSCH.

Meine Mutter erwähnte, als ich ein Kind war, dass Männer das halt manchmal machen. Sei halt so. Nein, muss nicht so sein! Wehrt Euch, wenn EURE Grenzen überschritten werden und zwar rechtzeitig – gilt natürlich auch für Jungs!

Ein Freund reagierte neulich ganz verwirrt, als ich ihm erzählte, dass die Männer, die sexuell eher dominant und selbstsicher sind, Grenzen sehr gut erkennen und einhalten können. Es sind die Schlappschwänze, die das nicht können. Männer mit Erfahrung und genug Lust im Leben haben das nicht nötig.

 

 

 

 

 

 

Der Sitzplatz

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Als alte Häsin weiß ich inzwischen, dass sich Hierarchien in Firmen meist über Sitzplätze abbilden, zumindest in Firmen, wo die Sitzplatzsituation katastrophal ist – so wie in den meisten  start-ups. Der bekloppte Irrglaube, Großraumbüros förderten die Unternehmenskultur und Kommunikation bringt Menschen, die kein ausgesprochen dickes Fell haben, gerne an den Rand des Erträglichen. Ich werde nie vergessen, wie ich bei eBay im Marketingraum arbeiten musste und zwei Kollegen ständig ins Telefon brüllten. Man hört immer mit. Alles. Information overflow. Vertraulichkeit? Fehlanzeige. Privatsphäre? Fehlanzeige. Konzentration? Fehlanzeige. Je älter ich werde, je schlechter kann ich mies belüftete Großraumbüros aushalten. Ich habe zwei Kinder, die nach der Arbeit volle Aufmerksamkeit wollen, komme gefühlt aber selbst am Spätnachmittag aus einer Kneipenumgebung nach Hause. Aber darum soll es hier nicht gehen. Hier geht es um Macht und Ohnmacht.

Als junge Angestellte bekam ich einen neuen Chef und eine neue Sitzinsel zugewiesen, irgendwo reingequetscht. Ein Platz war direkt vor einer Treppe und versperrte den Fluchtweg. Außerdem konnte man kaum 20 cm mit dem Stuhl nach hinten rollen. Es gab drei Plätze, drei Mitarbeiter – inklusive Boss.  Ich dachte nach. Es würde ein starker Typ kommen, der natürlich sofort dafür sorgen würde, dass wir dort nicht sitzen blieben. Er wird nicht wollen, dass der Fluchtweg versperrt wird. Aber konnte ich mich auf den zweiten, irgendwie akzeptablen Platz setzen? Ich war unsicher und fragte eine Kollegin von HR, die heftig nickte und mir zustimmte, auf dem dritten Platz könne man nicht sitzen. Also nahm ich den anderen. Dann fuhr ich an die Ostsee. Dort erreichte mich mein Kollege: „Dein Chef ist stinksauer und hat Deinen Computer schon abgebaut!“

Ich zuckte zusammen. War er nicht das Leittier? Musste er nicht erst einmal für seine Herde sorgen?

Mein Freund sagte: „Jetzt hast Du einen Feind fürs Leben. Wenn er so tickt, bekommst Du bei dem kein Bein mehr auf den Boden.“ Zurück aus dem Urlaub, wurde mir ein moralinsaurer Vortrag gehalten: „Du hast mich enttäuscht! So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ Ich fühlte mich nie mehr wohl mit dem Mann, der eigentlich auch viele gute Eigenschaften hatte. Aber ich habe gelernt, dass es Menschen gibt und zwar sehr viele, die Wert auf Status legen und für die Mitarbeiter dafür da sind, an ihrem Status zu arbeiten – so viel zum Thema leiten.

Der Leitwolf geht hinter seiner Gruppe.

Mir fiel das Thema ein, da ich beobachtet habe, wie sich ein Chef in meiner aktuellen Firma ohne den geringsten Umstand auf den schlechtesten Platz im Raum zu seinem Team gesetzt hat – er hatte es nicht nötig, Macht auszuüben. Respekt!

Tampönchen

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Manchmal sehe ich auf Damentoiletten Tampons liegen, die jemand dort netter Weise für Notfälle drapiert  hat. Dann denke ich: Wer hat denn so ein kleines Vötzchen? Die sind ja mini-mini-klein! Für Jungfrauen?

 

Angst

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Angeblich wirke ich nicht ängstlich. Dabei lese ich Melissa Broder „So sad today“ und nicke stumm. Wie kann ein Mensch mutig sein und gleichzeitig  ein Angsthase? Es gibt Tage, da kann ich vor Angst nicht aufstehen, Katastrophieren vom Feinsten. Die Welt erschlägt mich mit ihren Anforderungen. An manchen Tagen mache ich gefühlt zehn Mal mehr als jeder andere Mensch, aus dem Wissen heraus, dass der nächste Tag eine Migränebremse oder eine Angsthemmung bereit halten könnte. Ich packe einen Roman, vier Serienfolgen, zig Verträge, Telefonate, Kinder-Liebhalten, Wohnung putzen, einkaufen, Orga in 18 vollgestopften  Stunden – gab mir als junge Frau den Spitznamen Speedy und macht unbeliebt bei langsamen Zeitgenossen. Aber: Liegen bleiben darf ja nicht. Schon gar kein ungelesenes Buch.

Dann wieder ein paar Tage des Gedankenwälzens und der kompletten Introvertiertheit. Angst legt lahm.

Wer Kinder bekommt, muss sich mit sich auseinandersetzen. Die kleinen Biester spiegeln uns und unsere Stärken, Defizite und Ängste. Was schreibt mir heute ein ehemaliger Kollege? Kindererziehung ist im Kern die Erziehung des eigenen Selbst – ich würde weiter gehen: Es ist die härteste Konfrontation mit dem ICH, die es gibt.

Ich bin  Draufgängerin, Anarchistin, Meisterin im Überkompensieren von Angst. Sich überall Eintritt mit Witz und Charme verschaffen, fast jede Droge einmal probiert haben, alleine durch Indien reisen, jedes Tier anfassen, durch die Pampa mutterseelenallein  auf einem Polopferd reiten – alles kein Problem. Doch vor Angst, einen Zug zu verpassen, tagelang Durchfall haben. Menschenmengen meiden.  Zittern vor einem unwirschen Kollegen. Angst haben, die Kinder könnten sich peinlich benehmen, was sie dann auch auf jeden Fall tun. In große Not geraten, wenn die Luft im Kaufhaus schlecht ist.  Angst haben, mal wieder kein Wort herauszubringen. Angst vor Migräne, dem Schmerz, der das Leben völlig ausbremst.

Sich außerhalb der Norm benehmen und gleichzeitig vor Angst sterben bei dem Gedanken, ein Mensch denkt schlecht über mich. Völlig unabhängig von der Meinung anderer und gleichzeitig so absolut abhängig? Warum ist es mir wichtig, was ein Arschloch von mir hält?

Wie oft habe ich gespürt, nicht zu genügen und bin verstummt?  Wie mache ich meine Kinder fit, solche Glaubenssätze nicht zu übernehmen? Resilient zu sein? Andere nicht einzuladen, ihren Dreck abzuladen? Wie oft habe ich gehört: „Dein Arsch ist zu fett!“ Meist von hässlichen Männern übrigens! Und wie viele Tode bin ich gestorben? Mich meines Körpers geschämt, als er am schönsten war?

Nackig in den See springen, egal, wer dabei ist. Dabei aber bloß den dicken Hintern nicht zeigen – rückwärts ins Wasser war eine Strategie. Keine BHs tragen (außer bei wichtigen Arbeitsterminen) bis vor zehn Jahren – weil´s drückt und alles gut saß -, aber gleichzeitig vor Panik wegrennen wollen, wenn ein ehemaliger Kollege mich an einem schlechten Tag auf dem Spielplatz sieht. Blicke auf sich ziehen und die Bettdecke über den Kopf.

Bei der Führerscheinprüfung zweimal  wegen Panikattacken durchfallen. Beim ersten Mal bin ich gerast  aus Angst („Halten Sie endlich an!!“), beim zweiten Mal habe ich mich lauthals geweigert, auf die Autobahn zu fahren.  Heute knallhart auf der Busspur unterwegs, wenn es sein muss. Keine Angst, mich gegen Windmühlen zu stellen, wenn ich Freunde verteidige oder Schwachen helfen will, aber stottern, wenn mehr als drei Personen im Meeting sitzen oder ich meine, mich rechtfertigen zu müssen.

Nicht schlafen können vor jedem wichtigen Gespräch, aber völlig angstfrei bei einer Rauferei eingreifen. Erste Hilfe leisten, ohne mit der Wimper zu zucken. Total cool mit dem Arzt während einer Bein-OP schnacken, aber Panikattacken, wenn ich unbekannte Strecken mit dem Auto fahren muss (dank Navi etwas besser geworden). Tage vorher müssen die Strecken studiert werden – mit Google Earth.  Vor Prüfungsangst nicht Medizin studiert, stattdessen Jura (wo die Prüfungen viel schwerer sind, aber Angst kennt keine Logik) und dann fast verkackt  wegen Panikattacken und wochenlanger Schlaflosigkeit. Vor großen, sozialen Ereignissen tagelanges Bauchgrummeln. Reisefieber, Flugangst.

Keine Angst, meine Meinung zu sagen, aber große Angst, sie bestimmten Menschen zu sagen. Zum Kleinkind mutieren, wenn man innerhalb der Familie einige klare Grenze ziehen möchte oder die Aufmerksamkeit auf Verdrängung und zementierte Glaubenssätze lenken will. Sich nach wie vor von Dummquatsch zulabern lassen, um bloß gemocht zu werden. Fließend Englisch können, aber am Telefon in der Konferenz keinen Satz herausbringen. Das ist so Ich-Ich. Ich bin ein Zuviel von allem: Melissa Broder´s Toomuchness – Zu laut, zu sensibel, zu störrisch, zu intelligent (verschreckt Männer und Kollegen, stell Dich doof!), zu schnell, zu ambivalent, zu ehrlich, zu extroviertiert und viel zu introviertiert (Mein Buch und ich sind beste Freunde). Wie nehme ich meinen Kindern das Gefühl „ein Zuviel“ zu sein?

Wie sagte mein Französischlehrer, der der Liebling aller schwachen Schüler war, zu mir? „Schüler wie Sie sind der Grund, warum Lehrer sich umbringen!“

Warum will ich geliebt werden und mich gleichzeitig immer verstecken? Sieh mich, aber guck nicht hin.

Wie begräbt man seine Scham? Scham darüber, nicht immer die Mutter zu sein, die man sein will. Scham darüber, Geld aus dem Fenster zu werfen, Scham darüber, das Buch nicht zuende geschrieben zu haben, Scham darüber, nach der Arbeit müde zu sein. Scham darüber, keine Schriftstellerin zu sein, keine Ärztin, den Doktor iur nicht gemacht zu habn,  Scham darüber, neidisch zu sein, Scham darüber, es zu gut zu haben?

Wir müssen uns selbst erkennen und annehmen, um gute Eltern zu sein. Daran glaube ich fest. Die gefährlichsten Eltern sind die, die nicht reflektieren. Und davon gab es ganze Generationen.

 

Am I a pervert? Sexistische Werbung muss bleiben

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Sexistische Werbung soll verboten werden. Soso. Was ist das denn? Es gibt saudumme Werbung, wo sowohl Mann als auch Frau saublöd wegkommen. Manches ist geschmacklos. Aber wann ist eine Werbung sexistisch?

Ist es der Werbespot von AXE, zu finden unter anderem hier: Axe Werbespot von 2011

???

Während Du darüber nachdenkst, wie Du ihn findest, schreibe ich unserem Justizminister.

Lieber Heiko Maas,

vergnüge Dich mit Deiner Schauspielerin, ich brauche Deine Hilfe nicht! Ich bin durchaus eine Feministin. Ich weiß, dass es Millionen von Frauen auf dieser Welt erbärmlich geht, weil sie unterdrückt werden. Ich weiß, dass es uns Frauen in Deutschland gut geht, weil starke Menschen für uns gekämpft haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin verärgert, wenn ich eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen sehe, auch in Deutschland, die ich für nicht gerechtfertigt halte.

Aber Werbung? Fallen wir zurück in die prüden Jahre? Wo Frauen in der Realität und in der Werbung nur hinter dem Herd und vor dem Wickeltisch anzutreffen waren? Das finde ich sexistisch. Und traurig ist auch, dass auch heute noch hauptsächlich die Frauen die Hausarbeit erledigen, oft neben Arbeit und Kind. Dankeschön.

Ein schönes Produkt mit einem heißen Mann oder einer heißen Frau zu bewerben? Klar, ich bin dabei!

Deine

Juliette

 

Und den Axe-Werbespot finde ich geil. Himmlisch geil. Denn Frauen sind nun mal sexy, haben Lust und tragen keinen Heiligenschein. Weg mit der Doppelmoral, weg mit dem Heiligenschein. Danke, Axe.

I am not a pervert, I am a grown-up woman.

 

 

 

Wie mir Mick Jagger entging

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Es muss so ungefähr 1995 gewesen sein, ich weiß es nicht mehr genau. Ich hatte einen Einsatz mit der Johanniter Unfallhilfe im Olympiastadion. Mick Jagger würde auftreten! Ich hatte mich bis dato nie für die rollenden Steine interessiert, aber da alle aufgeregt waren, war ich es auch. Ich war als Sanitätshelferin im Einsatz und trug ein enges weißes Kleid. Da außer ein paar Besoffenen niemand meine Hilfe brauchte, lauschte ich der Musik und wunderte mich sehr: Es war kaum etwas zu verstehen, es schepperte und wackelte, und die Herren auf der Bühne sahen uralt aus. Sie liefen irgendwie aufgeregt hin und her. Sehr cool fand ich das nicht.  Ich war mir sicher, das würde ihr letzter Auftritt sein!

Irgendwann kam ein Ordner auf mich zu und sagte, die Band würde mich und ein paar andere Mädchen gerne backstage willkommen heißen. Das fand ich dann doch sehr spannend, denn was hatte man nicht schon alles über die Jungs gehört! Ich ging zu meinem Einsatzleiter, der mir zwar frei gab, aber warnend sagte: „An Deiner Stelle würde ich das nicht machen. Das ist doch total sexistisch und daneben!“ Ich dummes, dummes Mädchen wollte bei den Johannitern nicht als Flittchen dastehen und hörte auch die strenge Stimme meines Vaters aus einer Ecke meines Unbewussten grollen. Daher sagte ich dem Ordner,  der schon mit einem Ausweis wedelte, brav und stolz ab.

Hinterher habe ich mir in den Arsch gebissen! Die Rolling Stones! Backstage!! Wie blöd muss man sein! Was wäre das für eine Story gewesen! Was für ein Erlebnis!

Kurze Zeit später erfuhr man über die Presse, dass Mick Jagger noch mal Vater würde. Die Frau und das Kind wurden mit Kohle gepampert. Kurz dachte ich, mmh, was wäre, wenn ich das jetzt gewesen wäre? Nee, der war mir zu alt.

Esmeralda und Blue Note

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1994. Irgendetwas fehlte noch in unserer kleinen WG. Ich ging in die Zoohandlung und kaufte ein kleines Rattenbaby. Das war der Tag, an dem die dramatische Geschichte von Esmeralda und Blue Note begann. Obwohl Blue Note an jenem Tag wahrscheinlich noch gar nicht geboren war. Esmeralda war also ein äußerst putziges kleines Nagetier. Wim und Janine beäugten es zwar zunächst mit leichtem Ekel; freundeten sich jedoch schnell mit dem kleinen Wesen an. Esmeralda war ein erstaunliches Tier. Weil Wim immer vergaß, ihren Käfig zu schließen, nachdem er mit ihr gespielt hatte, waren wir regelmäßig auf der Suche nach dem kleinen Monster. Ja, eigentlich war sie häufiger unsichtbar auf der Pirsch, als in ihrer mit einem kleinen Holzhäuschen versehenen Behausung. Einmal suchten wir sie über eine Woche und fanden sie unter der Spüle, wo sie in sämtliche Müllbeutel große Löcher gebissen hatte. Beim nächsten Mal hatte sie sich in Janines Unterhosen ein warmes Nest gebaut. Als sie zuletzt über zwei Wochen verschwunden blieb, weinte ich bittere Tränen, weil ich die kleine Esmi in den Tiefen der Abflussrohre vermutete. Beim Saubermachen blickte ich hinter den Kühlschrank. Ich konnte es nicht fassen: Dort krallte das kleine Biest an den metallenen Stäben. Die Stäbe waren warm, und Esmi schien sich äußerst wohl zu fühlen. Es war gar nicht einfach, sie dort zu entfernen. Als sie wieder im Käfig saß, beschlossen Wim, Janina und ich, der Ratte eine Freundin zu schenken. Vielleicht würde sie häuslicher werden, wenn wir ihr eine zweite Ratte in den Käfig setzten. Da wir am Vorabend im Blue Note an der Urania Uli Setzermanns Klavierspiel gelauscht hatten, wurde unser schwarz-brauner Neuzugang Blue Note getauft. Blue Note und Esmi hatten sich eigentlich nicht viel zu sagen. Esmi machte sich im Häuschen breit, und Blue Note klebte den ganzen Tag an den Gitterstäben. Wim mutmaßte, dass die Tiere mehr Abwechslung brauchten. Also trug ich Esmi den ganzen Tag auf der Schulter durch die Wohnung.

Blue Note war für derartige Ausflüge noch zu klein. Esmeralda wurde ein guter Kumpel und gewöhnte sich an mich als Aussichtsplattform. Meistens ließ sie ihr Schnupperschnäuzchen kess in alle Richtungen vibrieren uns schlenderte lässig von einer Schulter zu anderen. An einem herrlichen Sommertag sagte ich zu Esmeralda: „Es ist Zeit, dass Du nach draußen kommst!“ Ich kramte ein Handtuch aus dem Schrank und hüpfte mit Esmi auf der Schulter das Treppenhaus hinunter. In dem großen Garten der ehemaligen Aliiertensiedlung ließ ich mich in der Sonne nieder. Esmeralda nahm Platz auf meinem Bauch. Ungefähr eine Sekunde lang. Dann ging ein Zucken durch ihren Körper, und sie galoppierte in einer Art Ratten-Schweinsgalopp davon. Ich hinterher, chancenlos. Esmi schlug Haken und verschwand in einem Heizungsschacht in ewiger Finsternis. Ich konnte es nicht fassen. Ich war soeben von meiner Ratte verlassen worden.

Blieb uns noch Blue Note. Blue Note wollte und wollte nicht wachsen. Wim meinte, es fehle ihr an frischer Luft. Ich zeigte ihm einen Vogel. Noch eine Ratte würde mich nicht im Schweinsgalopp verlassen. Als Wim zur HDK aufgebrochen war, dachte ich über seine Worte nach und entschied, dass Blue Note ja ein wenig bei geöffnetem Fenster auf dem Fensterbrett flanieren könnte. Ratten sind ja schließlich schlau genug, sich nicht in den Tod zu stürzen. Blue Note spazierte stundenlang auf dem Brett entlang, und ich bildete mir ein, dass sie jede Menge Spaß hatte. Gegen Nachmittag polterte Wim die Treppen hoch, riss die Tür zum Wohnzimmer auf – knall! Das Fenster war durch den Windstoß zugeknallt. Zwischen Fenster und Rahmen eine zuckende Blue Note. Mit gebrochenem Rückrat. Das Tierchen hatte keine Chance, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Ich brüllte wie am Spieß: „Wiiiiiim! Du musst sie tot machen. Sie leidet!“ Wim stolperte zum Fenster. „Ich, ich schmeiße sie ru-ru-nter – ok?“, stotterte er. So etwas macht man schließlich nicht alle Tage. Ich nickte. Ein Sturz aus dem fünften Stock würde ihr Gnadentod sein. War es aber nicht. Blue Note zuckte unten weiter. Ich schrie auf und lief mit Wim im Schlepptau die Treppe runter. „Mach sie endlich tot“, brüllte ich ihn an. Wim fuhr mit seinem Jetta über die arme Blue Note. Ein trauriges Kapitel. Ich schäme mich dafür.

 

Wandelhallen-Muse

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Ich war eine Wandelhallen-Muse (nicht Möse, bitte!).

Am Jurafachbereich der FU in Berlin gibt es vor der Bibliothek einen langen, sehr breiten Gang mit Schließfächern und einigen Abzweigungen zu verschiedenen Sälen. Die Wandelhalle.

Ich hatte immer ein Faible für Schönheit, und dort gab es so viele attraktive Menschen auf einen Haufen, dass man Tage nur mit Gucken und Staunen verbringen konnte. Es tat gut, Oberflächen zu betrachten, dabei verbergend, wie unsicher es unter der eigenen aussah. Wo man hinschaute, Schönheit, die sich präsentierte:

Röcke so kurz, das sie kaum den Hintern bedeckten, Brüste prall und fest und garantiert BH-los, Männer mit schwarzen Locken und tiefblauen Augen, eine Halbasiatin, die man auf Plakaten des Fotografen Jim Rakete sah. Madame Céline, halb französisch-jüdisch-deutsch, die auf Französisch die ganze Halle auf charmanteste Weise unterhielt. Ein TV-Serien-Jüngling. Blonde Jungs mit wohl geformten Muskeln. Irgendwie waren wir alle Models oder präsentierten uns zumindest so. Manchmal sah es so aus, als würde nur flaniert, nicht studiert. Der Blick in die Bibliothek offenbarte dann die vielen Fleißigen. Und weil das Examen näher rückte, stiegen Angst und Adrenalin.

Es wurde sich verpaart, geliebt, entliebt, gehasst, im Sommer draußen in der Sonne, im Winter in der Halle. Bänke wurden innen wie außen von den immer gleichen Hähnen besetzt, während die Hühner über den Laufsteg liefen. In der Bibliothek wurden Bücher gewälzt, Papiere beschrieben, Prüfungsschemata gelernt und Blicke ausgetauscht.

Ich stelle mir manchmal vor, wie ich die Treppe heruntergehe in das Café und dort meine alten Freunde und Bekanntschaften treffe. Die Brüder M. und L., mit denen mich das Interesse zur Literatur und ausschweifende Verliebtheiten verband. Die Gruppe der Tennisasse. Der große Ivan, der mir Angst machte. Arne, der sagte, wenn er so einen großen Hintern hätte wie ich, würde er sich nicht in die Uni trauen. Nun, das war gemein. C., der mein E-Mail-Brieffreund wurde und mich durchs zweite Staatsexamen gezogen hat mit seiner tiefen Zuneigung und Furchtlosigkeit. Die Mädelsgang bestehend aus fünfen, die täglich wetteiferte, wer mehr Männer zum Sabbern bringen würde. Lange Nägel, derbe Sprüche, garantiert Achselhaarfrei und glattrasiert. Nichts war jugendfrei, vieles ordinär. Von wandelnden Feuchtzonen war die Rede und von nimmermüden Schwänzen. Gleichzeitig immer wieder von der großen Angst vor der Prüfung aller Prüfungen. Vielleicht muss das so sein zwischen 19 und 24.

Mein Jurastudium war ein Hormonbad (oder richtiger: Hormon-Neurotransmitter-Bad). Oxytocin, Serotonin, Testosteron, Dopamin, Adrenalin.

Mit mir badete Klara, meine Hand haltend, mich vor den größten Spritzern schützend. Klara war mein Halt, meine Ratgeberin, meine Verschworene. Wir konnten uns gestehen, wie groß unsere Angst vor dem Scheitern war. An der Liebe, dem Examen, dem Leben. Wie schüchtern es im Inneren der Wandelhallenmusen aussah.

Nachdem Klara ihr 1. Staatsexamen bestanden und ihre Schulden zurückgezahlt hatte, hat sie sich erhängt. Zuhause im Fenster mit 27 Jahren. Die Wandelhalle wurde grau. Seither habe ich den Jurafachbereich nicht mehr betreten.

Heute, nach 16 Jahren frage ich mich, welche Hähne heute dort stolzieren. Welche Mädchen kurze Röckchen tragen, wer die Bank in der ersten Reihe in Beschlag genommen hat. Und wer in der Bibliothek schwitzt.

Dirty Minds

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Amerika, Du verlogen schönes Land! Mein Vater kaufte 1987 zur 750-Jahr-Feier in Berlin 750 DM teure Tickets nach New York. Gerade 13 teilte ich mir mit meinem großen Bruder ein Zimmer. Der ging sich draußen den Jet Lag vertreiben, während ich zu schlafen versuchte und scheitere. Ich zappte mich durch die Fernsehkanäle und landete, ohne Dekodierung betreiben zu müssen, im Pornokanal. Innerhalb von 20 Minuten lernte ich, wie man es in Schwestern- und Arztkostümen treibt, sich mit kleinen Paddeln den Hintern versohlt und, dass es neben der Vagina noch andere penetrierbare Löcher gib. Ich zuckte mit den Achseln. Schaltete aus und schlief ein.

Zwei Tage später flogen wir nach L.A. Am Strand wollte ich meine Badesachen anziehen. Da kam eine Strandaufsicht, grüßte freundlich und untersagte mir das öffentliche Umziehen. Das hatte ich in einem Häuschen zu besorgen.

Sie haben wirklich einen Knall, die Amis.

Nutten gucken

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Meine Eltern legten viel Wert auf Bildung. Sie gingen mit mir in Opern, Konzerte und Theaterstücke. Da ich gut lesen konnte, wusste ich früh, was eine Nutte ist. Mein Interesse für die Halb- und Schattenwelt war geweckt. Wenn wir spät abends mit Papas Auto durch West Berlin fuhren, bat ich meinen Vater immer, die schöne Straße des 17. Juni entlang zu fahren. Dann schaute ich aus dem Fenster und staunte: Diese Damen, diese Strapse! Die Torpedofrisuren! Diese Schuhe, Mama Mia! Verzückt-angeekelt-verzaubert-juchzend brauste ich mit meinen Eltern durchs Dunkle und sah die Damen unter den Laternen. Eben: Nutten gucken!

Ich glaube, ich wäre eine gute Puffmutter.