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Das Gras auf der anderen Seite

Das Gras auf der anderen Seite

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Meinen Humor in Sachen Kita habe ich einmal verloren, und ich habe dann eine Entscheidung getroffen, vor der ich andere Eltern warnen möchte. Mein Mann und ich verstanden uns mit der Leiterin einer Einrichtung nicht, mochten allerdings die Erzieherinnen sehr. Dann gab es zwei Ereignisse, die zu einem nicht reparablen Bruch führten: Leonard, der schon mit zwei Jahren in die mittlere Gruppe kam, durfte mit vier Jahren nicht zu den Großen (4-6) wechseln. Man war hier strikt nach dem Geburtsdatum gegangen, so dass mein Sohn hinten runter fiel und bei den Kleinen verbleiben musste. Da ich, wie viele Eltern, meinen Sohn für recht aufgeweckt halte, ging ich mit einer anderen Mutter auf die Barrikaden. Man redete sich mechanisch mit dem Geburtsdatum heraus. Die Argumente lauteten plötzlich ganz anders als zwei Jahre zuvor, als der kleine Pups mit nicht mal zwei Jahren in die Gruppe der Dreijährigen kam.

Vielleicht hätte ich als Kitaleitung genauso gehandelt, denn der Platz reichte hinten und vorne nicht aus für die 4-6 Jährigen. Doch wir waren entgeistert. Unser intelligentes, tolles Kind bei diesen halben Babys! Man versprach uns und der anderen Mutter, unsere Kinder hoch zu holen, sobald ein Platz frei werde. Als dann einer frei wurde, wurde ein Kind einer Familie, die gerade zugezogen war, in die Gruppe aufgenommen. Angeblich war Vitamin B im Spiel. Wir schäumten. Sollte  Ihnen das passieren, bleiben Sie gelassen: Das passiert hunderten von Eltern jeden Tag!

Glauben Sie noch an Wartelisten? Dann glauben Sie auch an den Weihnachtsmann. Ich weiß von Familien, die sofort einen Platz an einer Kita nahe unserer bekommen haben, während andere jahrelang nur einen Platz auf der Warteliste ihr Eigen nennen konnten. In diesem Fall schien sich das Muster herauszukristallisieren, dass meist die Eltern die Zusage bekamen, bei denen sich allein der Vater im Wochentakt die Kita mit freundlichen Anrufen überzogen hatte. In anderen Fällen sind es immer die Alleinerziehenden, weil die Leiterin selbst alleinerziehend ist, im nächsten Fall sind es die Kinder der großen, attraktiven Managergatten – da springt vielleicht auch die ein oder andere Spende heraus. Sympathie und Kontakte sind wie immer und überall im Leben die halbe Miete. Zurück zu uns:

Wieder zog eine Familie weg, deren Kind bei den Großen war. Nun hatte man ja zwei Eltern versprochen, ihr Kind sei an der Reihe, und es konnten nicht zwei Kinder hochgehen. Also hieß es, nein, beide Kinder bleiben aus pädagogischen Gründen unten. Ich kochte. Pädagogische Gründe? War mein Kind plötzlich zu blöd, zu klein, zu unsozial, die Gruppe zu wechseln? Warum sagte man uns nicht ehrlich, dass man sich mit den Zusagen verrannt hatte?  Hinzu kam noch, dass ich meinte, deutlich vernommen zu haben, für meinen kleinen Sohn Julian stünde im nächsten Sommer ein Platz zu Verfügung. Diese Aussage hatte dann niemand mehr gemacht. Missverständnisse, alles Missverständnisse…

Ich drohte zu explodieren – zumal ich hoch schwanger war und sich mein Bauch bedrohlich wölbte. Ich saß im Büro in Berlin Mitte und brach vor zwei Kolleginnen in Tränen aus.  Sie wissen schon: Die Hormone! Meine Panik nach einem Jahr keinen Kitaplatz zu haben und nicht arbeiten zu können, war unfassbar groß. Ich fühlte mich in meiner beruflichen Existenz bedroht. Als ich dann  noch eine Familie im Café traf, die sagte, dass sie wisse, dass sie einen Platz für den nächsten Sommer sicher habe, schoss ich die Kita auf den Mond.

Ich rief eine bilinguale Kita an, meldete nach einem Gespräch mein Kind dort an, legte eine Unsumme Zuzahlungsbeiträge für 18 Monate bis zum Schulbeginn beiseite und sandte einen Brandbrief an den Träger der alten Kita meines Sohnes. Wutschnaubend verließen wir die Kita.

Zwei Jahre später weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich hatte vor Wut zum einen mein Kind aus dem Auge verloren, und zum anderen hatte ich außer Acht gelassen, dass all diese idiotischen Situationen nur entstehen, weil alle Seiten unter Beschuss stehen. Die Kitaleitung darf keine Zusagen über Plätze machen, damit Eltern nicht auf die Idee kommen, hier etwas einklagen zu wollen. Sie steht mit dem Rücken zur Wand, wenn der Trägerverein ein bestimmtes Kind aufnehmen möchte oder zwei Eltern denselben Platz einfordern. In dem Sommer, in dem mein kleiner Sohn Julian dann tatsächlich in die Kita kommen sollte, waren in der Kita, die wir verlassen hatten, noch genug Plätze frei, zwei andere Kitas boten uns Plätze an, wir hatten die Auswahl. Ruhig Blut, rate ich allen Eltern! Oder, um meine Mutter zu zitieren: „Kind, warte doch einfach erst mal ab!“

Leonard war glücklich in seiner alten Kita, und er wäre nicht verblödet, noch ein paar Monate mit den jüngeren Kindern zu verbringen, zumal einige Gleichaltrige ebenfalls bei den Jüngeren geblieben waren. Es ist schon komisch, wie wichtig wir hier in Deutschland manchmal solche unwesentlichen Dinge sehen. Als würde die Karriere unseres Nachwuchses davon abhängen, ob die Kinder in der Gruppe alle das ABC beherrschen oder nicht.  Die Kitaleitung von Leonards Kita gab sich Mühe, das Ärgernis auszugleichen, indem die in den Augen meines Sohnes „tolleren“ Spielsachen der Großen auch nach unten gegeben wurden.  Doch nichts konnte mich besänftigen.  Ich fühle mich als einigermaßen verständige Person schnell veräppelt, wenn ich mit langen Ausführungen statt mit einer knappen Entschuldigung bedacht werde.  Und so habe ich dann aus Verärgerung und Unverständnis für ein System gehandelt, dessen komisches Herausgerede mir auf die Nerven ging.

Heute würde ich jedem raten, die eigenen Befindlichkeiten ganz hinten an zu stellen und genau zu gucken, ob woanders das Gras grüner ist. Die bilinguale Kita hat sehr viel Geld gekostet für Leistungen, die für uns zum Großteil nicht ersichtlich waren oder die wir völlig uninteressant fanden. Die neue Kita hatte große Personalprobleme, sodass sie am Anfang versprochene Ausflüge gar nicht leisten konnte, dass mein Sohn plötzlich mit noch kleineren Kindern in einer Gruppe war und die Kita drei oder vier Mal, als mein Job als Angestellte äußerst angespannt war, statt um 18 Uhr um 15 Uhr schloss und sogar mit der Schließung für einen Tag drohte.  Die personelle Fluktuation der Erzieher war gerade in der neuen Kita sehr hoch, die Leiterin schnell pampig oder gar beleidigt. Es gab lange Zeit keine Elternsprecher, keine Telefonlisten, nichts.

Wir fühlten uns traurig und isoliert, mein Kind fasste nie richtig Fuß. Allein seine beiden guten Erzieher, ein Mann und eine Frau, konnten die Zeit dann doch noch zu einem für ihn vertretbaren Erlebnis machen. Insbesondere unser männlicher Erzieher war einfach spitze. Er handelte nicht professionell, sondern intuitiv und locker, was uns gefiel. Daher einfach mal ein paar Vorschusslorbeeren an alle Männer, die sich in dieser Frauendomäne bewegen!!

Was ich Ihnen aber auch sagen kann: Trauen Sie sich, auf Verbesserungen zu drängen, wenn diese wichtig sind. Sprechen Sie mit anderen Eltern, oft fühlen viele dasselbe, manche trauen sich nur nicht, von sich aus darüber zu reden.  Ich höre oft, dass Eltern Angst haben, ihren Kitaplatz zu verlieren (was in Berlin nicht so einfach möglich ist). Deshalb wird ganz viel hinter vorgehaltener Hand geflüstert – zielführend ist das nicht. Und mal ganz ehrlich: Ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass mein Sohn schlecht behandelt wurde in einer Kita, ganz gleich, was ich als Mutter gesagt habe. Auch als ich Zuzahlungen gekürzt hatte, wurde mein Sohn so liebevoll behandelt wie vorher. Die meisten Kitaleitungen und Erzieher mögen Ihre Kinder nämlich wirklich.

 

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