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Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

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Angaben zur Personalausstattung einer Kita finden sich im KitaföG in § 11 Absatz II. Dieser besagt aktuell noch Folgendes:

 

 

2) Bei der Personalbemessung für das sozialpädagogische Fachpersonal sollen folgende Grundsätze gelten:

 

1

38,5 Wochenarbeitsstunden pädagogischen Fachpersonals sind vorzusehen

a)

bei Kindern vor Vollendung des zweiten Lebensjahres

  • für jeweils fünf Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sechs Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils acht Kinder bei Halbtagsförderung;

b)

bei Kindern nach Vollendung des zweiten und vor Vollendung des dritten Lebensjahres

  • für jeweils sechs Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sieben Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils neun Kinder bei Halbtagsförderung;

c)

bei Kindern nach Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt

  • für jeweils neun Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils elf Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils 14 Kinder bei Halbtagsförderung.

Für Kinder, die länger als neun Stunden gefördert werden, sind Personalzuschläge zu gewähren.

 

Das heißt, dass für Kinder zwischen 0 und zwei Jahren eine Erzieherin für fünf Kinder, die Ganztagsförderung „gebucht“ haben, zur Verfügung stehen muss. Je nachdem, wie der Gutschein aussieht, lautet der Schlüssel dann aber eben auch 1 : 6 oder 1 : 8.  In Berlin soll er laut Berliner Morgenpost vom 01.03.2016 in Zukunft 1 auf 4,6 lauten. Dann mal los.

Meiner Erfahrung nach sind Kitas ganz scharf auf Eltern mit Gutschein über Ganztagsbetreuung, weil sie sich dann eventuell eine oder eine halbe Erzieherin mehr leisten können und ein Ausfall von Erziehern durch Urlaub oder Krankheit besser abgefedert werden kann. Ich  glaube, dass allein die Erwähnung von voller Berufstätigkeit beider Eltern bei der Bewerbung um einen Kitaplatz, die Wahrscheinlichkeit, den Platz zu bekommen, um einiges steigen lässt. Vollzeit arbeitende Eltern laufen beim Wettlauf um den Kitaplatz sogar Kuchenback-Müttern den Rang ab. Jedes Ganztagskind ist Gold wert, auch für die anderen Kinder, die dann ebenso in den Genuss von mehr Arbeitskraft kommen.

Ich kenne Familien mit Ganztagsplätzen, die zwei bis vier Monate verreist waren nach Geburt des nächsten Kindes – ich spreche hier vom luxuriösen Elterngeld-Urlaub (über den auch schon Bücher geschrieben wurden). Da sponsert der Staat neben dem Urlaub dann auch gleich noch das Freihalten des Kitaplatzes mit. Denn glauben Sie mal nicht, dass das Kind zwischenzeitlich von der Kita abgemeldet wird.

Einen Ganztags-Betreuungsgutschein bekommen Sie übrigens schon dann, wenn zum Beispiel der Vater voll arbeitet, die Mutter aber geltend machen kann, an drei Tagen in der Woche bis in den späten Nachmittag zu arbeiten oder besonders lange Wege zur Arbeit und nach Hause zu haben. Die pure Anzahl an Arbeitsstunden ist hierbei nicht entscheidend. Ich kenne allerdings sehr viele Eltern, die lieber auf den Ganztagsplatz verzichten, um 730 Uhr im Büro stehen (während der Partner das Kind zur Kita bringt) und ihr Kind völlig abgehetzt und fix und fertig um 15 Uhr abholen, weil sie den zusätzlichen Eigenanteil für den längeren Gutschein einsparen wollen. Im Grunde genommen führt der Geiz an dieser Stelle dazu, dass Kitas bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei unflexiblen Öffnungszeiten und einem Personalminimum bleiben können. Besonders schön wird es, wenn die Kinder in der Krippe drei Jahre alt werden und die Erzieher plötzlich Arbeitstunden abgezogen bekommen, da sich der Personalschlüssel ad hoc zuungunsten der nun schon dreijährigen Mäuse ändert. Ein dreijähriges Kind braucht also weniger Aufmerksamkeit als ein zweijähriges?

Ich empfehle hier, sich zu erkundigen, wie viel mehr denn tatsächlich bezahlen müsste für den Ganztagsgutschein. Es verbietet einem ja trotzdem niemand, sein Kind manchmal auch um 15 Uhr abzuholen, doch die eigene Flexibilität wird deutlich größer und der Missmut manch einer Mutter (oder eines Vaters) vielleicht etwas geringer.

Wie sieht es nun tatsächlich aus in Berlin?

Der Tagesspiegel vom 16.01.2015 spricht bezogen auf Berliner Krippen von einem „Personaldebakel“: Die Hauptstadt habe die schlechteste Betreuungsstatistik im Bundesgebiet für die unter Dreijährigen. Auf knapp sieben Kinder gibt es nur einen Erzieher laut Autorin Vieth-Entus. Die Klagen wiederholen sich, man verfolge nur die Artikel der Autorin im Internet. Ganz euphorisch, aber auch unglaubhaft, kommen nun die neuen Versprechen 2016 bis 2018 daher. Ob das Abschaffen des Kitabeitrags der richtige Weg ist? Ich finde, Mittelschichtseltern zahlen heute viel zu viel, nämlich gerne denselben Beitrag wie die Millionärsgattin. Meiner Meinung nach sollte man die Mittelschicht entlasten, die Bedürftigen weiter freistellen (bis auf den Essensbeitrag) und den echten Gutverdienern, sagen wir mal ab einem Familieneinkommen von 100.000 EUR brutto (ausgehend von einem Angstelltenverhältnis), weiterhin den vollen Beitrag zahlen lassen. Ab dem dritten Kind kann dann meinetwegen der Mehrfachkind-Bonus greifen.

Zurück zum Personaldebekal:  Das deckt sich mit unseren Erlebnissen und lässt sich auch mit dem oben zitierten Paragrafen in Einklang bringen. Und nun aufgepasst  – alle lustigen Geschichten und kleinen Pannen, die in diesem Buch Erwähnung finden, beiseite: Das ist das wahre Drama deutscher Kitas und insbesondere Berliner Kitas: ein verdammt schlechter Personalschlüssel! Das beste Betreuungsverhältnis besteht laut Tagesspiegel in Baden-Württemberg. Kein Wunder, dort sollen ja auch die Schulen besser sein als in Berlin. Wer jetzt denkt, dass in anderen Bundesländern mehr Geld ausgegeben wird für Kitas, wird eines besseren belehrt, so schreibt der Tagesspiegel, dass Berlin ungeachtet des schlechten Personalschlüssels mit seinen Ausgaben von 4.600 EUR pro Jahr und Kitaplatz vorne liege. Der bundesweite  Schnitt liege bei 3500 EUR. Das mag daran liegen, dass in Berlin  schon jetzt für die letzten drei Kitajahre die Elternbeiträge entfallen.

Wer es auch bitter findet, wenn kleine Kinder über Stunden ab Tag um die Aufmerksamkeit der wenigen Erzieher buhlen müssen, für den lohnt sich dann eventuell doch wieder ein Blick auf eine Kita mit Zuzahlungen, wenn diese Zuzahlungen eindeutig zu einem besseren Personalschlüssel führen. Kleiner Tipp: Viele Kitas halten sich mit Praktikanten über Wasser, informieren Sie sich also, wer zum Fachpersonal gehört und wer nicht.

Fachpersonal sind staatlich anerkannte Erzieher, Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagogen, Bachelor-Frühpädagogen/Kindheitspädagogen, Erzieher mit Mono-Bachelor in Erziehungswissenschaft und im Einzelfall durch die Kitaaufsicht anerkannte Fachkräfte. Im Bereich der Betreuung von Kindern mit Behinderungen kommen weitere Fachkräfte wie zum Beispiel Heilpädagogen hinzu.

Das Land Berlin beteiligt sich an den Kosten und der Einrichtung neuer Kitas, deshalb sind Neugründungen in Berlin gerade beliebt. Mein Rat lautet, man möge sich genau nachweisen lassen, wofür Zusatzbeiträge genutzt werden, sie sind nämlich nicht dazu da, die Kita einzurichten, es sei denn, von den Eltern wird die Finanzierung außergewöhnlicher Dinge gewünscht und geklärt, dass dies über Zusatzbeiträge bewältigt werden soll. Ich sehe hier gerade zehn nackte Hosenscheißer schwitzend in der Sauna sitzen.

Erzieher, die in den staatlichen Kita-Eigenbetrieben angestellt sind, werden in Berlin nach dem Tarifvertrag TV-L vergütet. In der Regel verdienen Erzieher in nicht staatlichen Kitas eher weniger– oft ist von 15 % Gehaltsunterschied die Rede, was aber unter Umständen durch großzügige Renten, Weihnachtsgeld oder andere Leistungen wettgemacht wird. Mir sind auch Erzieherinnen bekannt, die sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln – lassen wir einmal außen vor, dass eine Befristung ohne Sachgrund grundsätzlich nur für die Dauer von zwei Jahren möglich (innerhalb dieser zwei Jahre darf dann drei Mal erneut befristet werden) ist – und weit unter dem verdienen, was jeder vernünftig denkende Mensch für angemessen hält. Daher finde ich, dass es durchaus dazu gehört, sich nach den Erziehergehältern zu erkundigen, wenn man auf der Suche nach einer Kita ist und nicht gerade in einem Kitamangelgebiet lebt. Niedrige Gehälter stellen einen Hauptgrund für hohe Personalfluktuationen bei – und ganz ehrlich: Es werden nicht immer die besten Erzieher in den Einrichtungen mit den niedrigsten Gehältern arbeiten.  Eine Kita wird ihnen aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen dürfen, was die einzelne Erzieherin oder der Erzieher verdient, aber selbstverständlich kann eine Kita problemlos ein Durchschnittsgehalt angeben.  Schauen Sie auch darauf, ob die Kita sich mit Praktikanten durchschlägt, die wie Vollzeitarbeitskräfte mitarbeiten müssen oder ob Praktika tatsächlich der Ausbildung dienen.

Wenn Sie  Zuzahlungen leisten, wird die Frage nach den Gehältern natürlich besonders interessant, denn ich denke, es ist Ihnen lieber, dass die freundliche Erzieherin am Ende des Monats mehr in der Tasche hat, als dass sich Kitagründer besonders teure Taschen leisten können.

 

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