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Der Sitzplatz

Der Sitzplatz

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Als alte Häsin weiß ich inzwischen, dass sich Hierarchien in Firmen meist über Sitzplätze abbilden, zumindest in Firmen, wo die Sitzplatzsituation katastrophal ist – so wie in den meisten  start-ups. Der bekloppte Irrglaube, Großraumbüros förderten die Unternehmenskultur und Kommunikation bringt Menschen, die kein ausgesprochen dickes Fell haben, gerne an den Rand des Erträglichen. Ich werde nie vergessen, wie ich bei eBay im Marketingraum arbeiten musste und zwei Kollegen ständig ins Telefon brüllten. Man hört immer mit. Alles. Information overflow. Vertraulichkeit? Fehlanzeige. Privatsphäre? Fehlanzeige. Konzentration? Fehlanzeige. Je älter ich werde, je schlechter kann ich mies belüftete Großraumbüros aushalten. Ich habe zwei Kinder, die nach der Arbeit volle Aufmerksamkeit wollen, komme gefühlt aber selbst am Spätnachmittag aus einer Kneipenumgebung nach Hause. Aber darum soll es hier nicht gehen. Hier geht es um Macht und Ohnmacht.

Als junge Angestellte bekam ich einen neuen Chef und eine neue Sitzinsel zugewiesen, irgendwo reingequetscht. Ein Platz war direkt vor einer Treppe und versperrte den Fluchtweg. Außerdem konnte man kaum 20 cm mit dem Stuhl nach hinten rollen. Es gab drei Plätze, drei Mitarbeiter – inklusive Boss.  Ich dachte nach. Es würde ein starker Typ kommen, der natürlich sofort dafür sorgen würde, dass wir dort nicht sitzen blieben. Er wird nicht wollen, dass der Fluchtweg versperrt wird. Aber konnte ich mich auf den zweiten, irgendwie akzeptablen Platz setzen? Ich war unsicher und fragte eine Kollegin von HR, die heftig nickte und mir zustimmte, auf dem dritten Platz könne man nicht sitzen. Also nahm ich den anderen. Dann fuhr ich an die Ostsee. Dort erreichte mich mein Kollege: „Dein Chef ist stinksauer und hat Deinen Computer schon abgebaut!“

Ich zuckte zusammen. War er nicht das Leittier? Musste er nicht erst einmal für seine Herde sorgen?

Mein Freund sagte: „Jetzt hast Du einen Feind fürs Leben. Wenn er so tickt, bekommst Du bei dem kein Bein mehr auf den Boden.“ Zurück aus dem Urlaub, wurde mir ein moralinsaurer Vortrag gehalten: „Du hast mich enttäuscht! So etwas habe ich noch nicht erlebt!“ Ich fühlte mich nie mehr wohl mit dem Mann, der eigentlich auch viele gute Eigenschaften hatte. Aber ich habe gelernt, dass es Menschen gibt und zwar sehr viele, die Wert auf Status legen und für die Mitarbeiter dafür da sind, an ihrem Status zu arbeiten – so viel zum Thema leiten.

Der Leitwolf geht hinter seiner Gruppe.

Mir fiel das Thema ein, da ich beobachtet habe, wie sich ein Chef in meiner aktuellen Firma ohne den geringsten Umstand auf den schlechtesten Platz im Raum zu seinem Team gesetzt hat – er hatte es nicht nötig, Macht auszuüben. Respekt!

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