Skip to content

Entspannt oder hektisch? Deutsche Disziplin.

Entspannt oder hektisch? Deutsche Disziplin.

| 0 Kommentare

Die entspannteste unserer Kitas war eine staatliche in Kreuzberg. Diese hat Eltern und Kinder so verwöhnt, dass wir hinterher regelrecht verdorben waren für andere Modelle: Mein großer Sohn kam, da ich selbstständig war, schon mit neun Monaten in die Kinderkrippe. Ich hatte Schuldgefühle. Dann kam unsere polnische Erzieherin Ilona, deren erstes Eingewöhnungskind Leonard war. Sie strahlte keine Professionalität aus, sondern Liebe und Herzlichkeit. Die Krippengruppe bestand aus zwei Kindergruppen und sechs Erziehern. Das Haus war hässlich, die Räume ein wenig abgenutzt, der Garten riesig.

Wir konnten Leonard bringen, wann wir wollten, das heißt, wenn er ausgeschlafen war. Für uns war es als Selbstständige nicht wichtig, um 9 Uhr zu beginnen. Insofern waren wir immer sehr entspannt, wenn wir in der Kita ankamen. Da Ilona und die anderen Erzieherinnen wussten, dass es mir schwer fiel, Leonard abzugeben, erlaubten sie mir, jederzeit in die Kita zu kommen, auch, wenn die Kinder schliefen.  Ich konnte dann neben dem Bettchen meines Kindes sitzen und warten bis es aufwachte. Dies galt natürlich auch für die anderen Eltern! Da saß ich dann manchmal mit einem Vater und schaute Leonard beim Schlafen zu. Geweckt wurden die Kinder nicht, sondern mit einem Babyphone wurde überwacht, ob ein Kind aufgewacht war und dieses dann leise aus der Gruppe der Schläfer geholt.

Wenn mein Sohn schon vormittags müde wurde, holten die Erzieherinnen einen alten Kinderwagen und schoben ihn in den Garten. Um ihn herum tobten die größeren Kinder, andere schliefen ebenso. Das rigide Verhalten, das wir später in anderen Kitas kennenlernten, begegnete uns hier nicht. Als unser Umzug in einen anderen Stadtbezirk nicht so früh von statten ging wie geplant, kümmerte sich die Kita mit dem Senat darum, dass Leonard noch zwei Monate trotz neuem Kitagutschein für eine Steglitzer Kita in Kreuzberg bleiben konnte.

Die Öffnungszeiten reichten von frühmorgens bis abends 1930 Uhr. Wir haben nie von dieser Bandbreite Gebrauch gemacht, aber die Flexibilität war großartig. Nie geriet ich in Panik, nie brach mir der Schweiß aus. Noch heute denke ich:  So muss Kita sein, genau so. Es ist schon interessant, dass nun gerade der oft so gescholtene staatliche Betrieb das Optimum für uns dargestellt hat. Wir kannten gar keine Schließzeiten oder gar Drohungen, die Kita schon nachmittags zu schließen oder gar über Tage wegen Personalmangels, wie wir es später in anderen Kitas erlebten. Hier also mein Rat: Wenn Sie als Eltern beide arbeiten und flexible Zeiten brauchen und sich nicht vorschreiben lassen wollen, wann Sie Urlaub nehmen müssen, wählen sie eine große, staatliche Kita. Wird hier ein Erzieher krank, müssen Sie Ihr Kind nicht früher abholen, sondern die Situation wird vermutlich abgefangen. Anders sieht es natürlich aus, wenn in staatlichen Kitas gestreikt wird. Dann werden Sie mich und meine Ratschläge verfluchen.

Ebenfalls in Frage könnte eine halb-private Kita mit großzügigen Öffnungszeiten kommen, hier habe ich von einigen Eltern viel Positives gehört. Wenn ich halb-privat meine, ist das nicht ganz präzise: Viele Kitas, die vor wenigen Jahren noch rein privat waren und auch aus der eigenen Tasche bezahlt werden mussten, haben sich in Berlin inzwischen der QVATag (Qualitätsentwicklungsvereinbarung Kindertagesstätten) angeschlossen. Das heißt, der Kita-Gutschein kann eingelöst werden, da die Kita öffentliche Gelder bekommt. Allerdings verlangen diese Kitas dann oft Zuzahlungen für Angebote wie Englisch, Musikunterricht, Sackhüpfen unter Anleitung einer Ergotherapeutin oder Essen aus der eigenen Küche.  Aus meiner Erfahrung heraus würde ich jeden  Betreuungsvertrag und  jede Zuzahlungsvereinbarung auf Herz und Nieren prüfen. Ich werde hierzu noch einige Hinweise posten.

Mein Sohn ist in Berlin Kreuzberg wohl in eine Luxussituation hineingeboren worden. Denn von den vier Kitas, auf deren Wartelisten wir standen, sagten alle zu.  Das sieht in anderen Bezirken ganz anders aus. Ein Beispiel ist Berlin Lichterfelde, wo wir aktuell wohnen. Hier findet gerade ein gesellschaftlicher Umbruch statt, da junge Familien in den Bezirk strömen, allerdings sind die Kitas immer noch auf konservative Arbeitsteilung eingerichtet:  Es wird mit Müttern kalkuliert, die höchstens 25 Stunden oder gar nicht arbeiten. Einige Kitas des Bezirks schließen bereits um 15 Uhr, andere um 1630 Uhr. Mir ist schleierhaft, wie eine voll oder auch nur 30 Stunden arbeitende Frau, die vielleicht noch Wege zur Arbeit und vielleicht sogar mehrere Kinder hat (gerne verstreut auf verschiedene Einrichtungen), es schaffen soll, auch nur ein Füßchen auf die Karriereleiter zu setzen, wenn sie jedes Mal um spätestens 1545 Uhr aus dem Meeting rennen muss.

Karriere mit einer Kita, die um 15 Uhr schließt, halte ich für ausgeschlossen!

Ich habe das neulich mal in einem Frauenforum online geäußert, da überfielen mich einige Mütter und äußerten sehr deutlich, sie haben eine Karriere, obwohl sie Ihre Kinder – Achtung! – bereits um 14 Uhr abholen. Sie merken, man muss vorsichtig sein, mit dem Wort Karriere. Für den einen ist Karriere der Verkauf von zehn Paar Socken in der Woche bei DaWanda, für den anderen bedeutet Karriere die Möglichkeit, die ganze Familie auch alleine ernähren zu können.

Der Begriff „Karriere machen“ ist vollkommen relativ und bedeutet für jeden etwas anderes. Deshalb muss ich meinen Satz von oben relativieren. Unabhängigkeit ist meine Form von Feminismus Und bevor mich jemand Rabenmutter oder karrieregeile Kuh nennt: Mein Respekt vor Müttern, die mit ihren Kindern zuhause bleiben, ist sehr groß: Es gibt in meinen Augen kaum eine Aufgabe, die  anstrengender und herausfordernder ist, als den ganzen Tag eine gute Mutter zu sein (gilt auch für Väter). Ich freue mich dann auch wieder, wenn die Feiertage vorbei sind und die Kita beginnt: Arbeiten zu gehen, ist meist einfacher, als den ganzen Tag Kinder zu bespaßen!

Kinder brauchen einen 24 Stunden, jeden Tag. Firmen und Auftraggeber nicht, auch, wenn wir das manchmal gerne glauben wollen (oder diese uns das Gefühl geben wollen). Aber, wenn man arbeiten möchte oder muss, muss auch Raum dafür geschaffen werden.

Ich erlaube mir, mein Wunschdenken laut werden zu lassen:  Wenn ich etwas Kreatives tue, kann das auch mal am Spätnachmittag sein, wenn meine Gedanken besonders gut fließen. Warum muss ich den Vertrag dann morgens um 830 Uhr schreiben, das Bild morgens malen und noch vor dem Kaffee über mein Buch nachdenken und kann nicht später beginnen und morgens Zeit mit meinem Kind verbringen? Deutschland ist so eingetaktet! Ich schreie oft um 1545 Uhr regelrecht wütend durch den Raum, dass ich jetzt eben verdammt noch mal zur Kita muss, obwohl mir gerade die besten Gedanken kommen oder wir in einem Meeting kurz vor einer Entscheidung stehen.  Warum gehen alle davon aus, dass meine Firma oder meine Mandanten permanent Rücksicht auf Kitaöffnungszeiten nehmen können? Ja, können sie. Mal. Aber manchmal wäre es einfach gut, etwas mehr Freiraum in der Ausübung seines Berufes zu haben und nicht Kollegen, Kunden und Arbeitgebern dauernd mit dem 1545 Uhr- Schweißausbruch zu kommen. Wäre das anders, könnte ich dafür morgens länger mit meinen Jungs kuscheln. Wobei das mit dem Kuscheln ja spätestens nach der Einschulung ein jähes Ende findet und in Deutschland alle, ob Eule oder Lerche, anzutreten haben.

Die kurzen Öffnungszeiten, die dünne Personaldecke, die Bezahlung und ein zumindest gefühlt hoher Krankenstand bei Erziehern führen dazu, dass eigentlich ein permanenter Stress herrscht, und alle sich genauestens an die Regeln halten müssen. Da beginnt Schule schon mit einem Jahr:

Wir lernten in Lichterfelde schnell, dass auch von Eltern Einjähriger erwartet wird, diese spätestens um 9 Uhr abzugeben, da alles andere den eng getakteten Kitaalltag stört. Der Morgenkreis, der Morgenkreis, ich kann es nicht mehr hören! Als wäre es für ein einjähriges Kind von Bedeutung, am Morgenkreis teilzunehmen. Da möchten Klein-Ida oder Klein-Ferdinand doch lieber noch eine halbe Stunde mit Mama zuhause im Bett liegen!  Eine Kitaleitung hielt meinem Mann und mir mangelnde Disziplin vor, dabei arbeitete mein Mann zu dieser Zeit meist nachts. Es betrifft aber nicht nur die freiheitsliebenden Selbstständigen, ich habe die Klagen über die Hetzerei auch von Angestellten gehört und als Angestellte erlebt. Von einer unserer Kitas erfuhren wir in der ersten  Eingewöhnungswoche, man möge „den Kleinen darauf einstellen, dass vormittags nicht mehr geschlafen wird. Das störe.“ Basta. Deutschland, Disziplinland.

Ich verstehe nicht, warum es nicht in allen Kitas möglich ist, dass kleinen Kindern Ruhe jederzeit ermöglicht werden kann. Jetzt – in der Kita unseres kleinen Sohnes Julian ist es wieder so, dass auf die Bedürfnisse der Kleinsten Rücksicht genommen wird, indem es Kuschel- und Schlafecken gibt und die Erzieher -genau wie in Leonards erster Kita – den kleinen Kindern bereitwillig auch noch ein Fläschchen für den Mittagschlaf warm machen. Wir sind froh, den militärisch anmutenden Erziehungsvorgaben erst mal wieder entkommen zu sein. Dafür werden aber nicht die Zähne geputzt. Man kann eben nicht alles haben.

Und jetzt ziehe ich mir vielleicht den Zorn einiger Erzieher zu: Erzieher sind Dienstleister; noch bezahlen sogar die meisten Eltern für diese Leistung aus eigener Tasche. Ich selbst muss meine Kunden freundlich und zuvorkommend behandeln, auch, wenn sie mal zu spät kommen oder mir irgendetwas an ihnen nicht in den Kram passt. Ebenso wie manche Eltern manchmal zu viel von Kitas verlangen, so meinen auch manche Kitaleitungen und manche Erzieher, man möge nun täglich vor Dankbarkeit in die Knie gehen. Ich bin sehr dankbar für all die guten Erzieher, die meine Kinder betreut haben. Doch Geschichten wie die, dass Eltern, wenn sie um 10 Uhr nach einem Arzttermin in der Kita gehetzt kommen, um das Kind abzugeben, zu hören bekommen: „Nein, ich kann Ihr Kind so spät nicht mehr nehmen!“, gehören in den Bereich der Märchen verbannt. Ich empfinde das als ein Machtspiel, das sich eine Kita nur aufgrund des Kitamangels leisten kann.  Auch das musste mal raus.

Liebe Eltern, Sie sehen, es gibt überall Vor- und Nachteile, selten ist alles so, wie man es sich erträumt – wie sollte das auch möglich sein, wenn die Gelder hinten und vorne nicht reichen, es zu wenig Erzieherinnen und Erzieher gibt und zehn Eltern zehn unterschiedliche Ideen von dem richtigen Umgang mit ihrem Augenstern haben? Also, bitte, bitte: Den Humor nicht vergessen.

Aber vielleicht gehören Sie auch zu den ganz armen Eltern, die irgendwo wohnen, wo wirklich Kitanot herrscht und Sie froh sind, wenn Sie überhaupt IRGENDWO einen Platz bekommen. Dann werden Sie denken: Na, die Frau hat ja Sorgen?! Aber immerhin  müssen Sie ja bald in Berlin nichts mehr für die Kita zahlen, wenn die Pläne so durchgehen. Ob das eine kluge politische Entscheidung ist und uns den Einsatz der Erzieher schätzen lehrt, mag dahingestellt sein.

Kommentieren

Sie können diese HTML-Tags verwenden.:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.