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Esmeralda und Blue Note

Esmeralda und Blue Note

| 4 Kommentare

1994. Irgendetwas fehlte noch in unserer kleinen WG. Ich ging in die Zoohandlung und kaufte ein kleines Rattenbaby. Das war der Tag, an dem die dramatische Geschichte von Esmeralda und Blue Note begann. Obwohl Blue Note an jenem Tag wahrscheinlich noch gar nicht geboren war. Esmeralda war also ein äußerst putziges kleines Nagetier. Wim und Janine beäugten es zwar zunächst mit leichtem Ekel; freundeten sich jedoch schnell mit dem kleinen Wesen an. Esmeralda war ein erstaunliches Tier. Weil Wim immer vergaß, ihren Käfig zu schließen, nachdem er mit ihr gespielt hatte, waren wir regelmäßig auf der Suche nach dem kleinen Monster. Ja, eigentlich war sie häufiger unsichtbar auf der Pirsch, als in ihrer mit einem kleinen Holzhäuschen versehenen Behausung. Einmal suchten wir sie über eine Woche und fanden sie unter der Spüle, wo sie in sämtliche Müllbeutel große Löcher gebissen hatte. Beim nächsten Mal hatte sie sich in Janines Unterhosen ein warmes Nest gebaut. Als sie zuletzt über zwei Wochen verschwunden blieb, weinte ich bittere Tränen, weil ich die kleine Esmi in den Tiefen der Abflussrohre vermutete. Beim Saubermachen blickte ich hinter den Kühlschrank. Ich konnte es nicht fassen: Dort krallte das kleine Biest an den metallenen Stäben. Die Stäbe waren warm, und Esmi schien sich äußerst wohl zu fühlen. Es war gar nicht einfach, sie dort zu entfernen. Als sie wieder im Käfig saß, beschlossen Wim, Janina und ich, der Ratte eine Freundin zu schenken. Vielleicht würde sie häuslicher werden, wenn wir ihr eine zweite Ratte in den Käfig setzten. Da wir am Vorabend im Blue Note an der Urania Uli Setzermanns Klavierspiel gelauscht hatten, wurde unser schwarz-brauner Neuzugang Blue Note getauft. Blue Note und Esmi hatten sich eigentlich nicht viel zu sagen. Esmi machte sich im Häuschen breit, und Blue Note klebte den ganzen Tag an den Gitterstäben. Wim mutmaßte, dass die Tiere mehr Abwechslung brauchten. Also trug ich Esmi den ganzen Tag auf der Schulter durch die Wohnung.

Blue Note war für derartige Ausflüge noch zu klein. Esmeralda wurde ein guter Kumpel und gewöhnte sich an mich als Aussichtsplattform. Meistens ließ sie ihr Schnupperschnäuzchen kess in alle Richtungen vibrieren uns schlenderte lässig von einer Schulter zu anderen. An einem herrlichen Sommertag sagte ich zu Esmeralda: „Es ist Zeit, dass Du nach draußen kommst!“ Ich kramte ein Handtuch aus dem Schrank und hüpfte mit Esmi auf der Schulter das Treppenhaus hinunter. In dem großen Garten der ehemaligen Aliiertensiedlung ließ ich mich in der Sonne nieder. Esmeralda nahm Platz auf meinem Bauch. Ungefähr eine Sekunde lang. Dann ging ein Zucken durch ihren Körper, und sie galoppierte in einer Art Ratten-Schweinsgalopp davon. Ich hinterher, chancenlos. Esmi schlug Haken und verschwand in einem Heizungsschacht in ewiger Finsternis. Ich konnte es nicht fassen. Ich war soeben von meiner Ratte verlassen worden.

Blieb uns noch Blue Note. Blue Note wollte und wollte nicht wachsen. Wim meinte, es fehle ihr an frischer Luft. Ich zeigte ihm einen Vogel. Noch eine Ratte würde mich nicht im Schweinsgalopp verlassen. Als Wim zur HDK aufgebrochen war, dachte ich über seine Worte nach und entschied, dass Blue Note ja ein wenig bei geöffnetem Fenster auf dem Fensterbrett flanieren könnte. Ratten sind ja schließlich schlau genug, sich nicht in den Tod zu stürzen. Blue Note spazierte stundenlang auf dem Brett entlang, und ich bildete mir ein, dass sie jede Menge Spaß hatte. Gegen Nachmittag polterte Wim die Treppen hoch, riss die Tür zum Wohnzimmer auf – knall! Das Fenster war durch den Windstoß zugeknallt. Zwischen Fenster und Rahmen eine zuckende Blue Note. Mit gebrochenem Rückrat. Das Tierchen hatte keine Chance, jemals wieder auf die Beine zu kommen. Ich brüllte wie am Spieß: „Wiiiiiim! Du musst sie tot machen. Sie leidet!“ Wim stolperte zum Fenster. „Ich, ich schmeiße sie ru-ru-nter – ok?“, stotterte er. So etwas macht man schließlich nicht alle Tage. Ich nickte. Ein Sturz aus dem fünften Stock würde ihr Gnadentod sein. War es aber nicht. Blue Note zuckte unten weiter. Ich schrie auf und lief mit Wim im Schlepptau die Treppe runter. „Mach sie endlich tot“, brüllte ich ihn an. Wim fuhr mit seinem Jetta über die arme Blue Note. Ein trauriges Kapitel. Ich schäme mich dafür.

 

4 Kommentare

  1. 21. März 2016  11:35   |   vonJohanna

    Das sollte man wohl seinen Kindern vorlesen, wenn sie Haustiere haben wollen. OMG. Und Jetta schreibt an wohl mit zwei t. Was dem ganzen dann auch gleich noch so was endgültiges verleiht.

    1. 21. März 2016  13:50   |   vonJuliette

      Hallo Johanna, natürlich habe ich Deine Kommentare jetzt öffentlich gemacht. Und danke, dass Du mich auf den Fehler mit dem Jetta aufmerksam gemacht hat. Ohje, ich hoffe, niemand liest seinem Kind die Geschichte mit der Ratte vor. Tiere bedeuten einfach jede Menge Verantwortung. Ich habe meine Seite heute vor ca. drei Stunden freigeschaltet und Du bist wohl die ersten, die kommentiert. Insofern: Willkommen.

  2. 21. März 2016  11:41   |   vonJohanna

    Wieso übrigens 0 Kommentare. Da ist doch einer?

    1. 21. März 2016  11:42   |   vonJohanna

      Weil er noch nicht freigegeben worden ist! Got it!

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