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Hilfe, Desinfektionsspray!

Hilfe, Desinfektionsspray!

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Jetzt wird es noch mal ein bisschen medizinisch. An einem Tag im November schaffte ich es nicht rechtzeitig an mein Telefon und hörte die Nachricht einer Erzieherin ab: „Julian ist von Anna gebissen worden. Es ist nicht schlimm, aber es blutet. Daher muss ich Sie anrufen. Also, es blutet.“ Ich war mir nicht ganz klar darüber, was der Anruf nun bedeutet. Man hatte angerufen, also musste etwas sein. Es war aber „nicht schlimm“. Ich beschloss, gar nichts zu tun. Am Nachmittag traf ich auf dem Weg zur Kita eine der Erzieherinnen von Julian auf der Straße. Sie fragte mich, warum ich mich nach dem Vorfall nicht gemeldet habe. Ich sagte, es sei doch nicht schlimm gewesen, und man habe doch die Wunde sicher gleich desinfiziert. „Nein!“, sagte Julians Erzieherin bestimmt  und fuhr fort: „Wir dürfen kein Spray auf Wunden auftragen! Sie müssen selbst in die Kita kommen, das machen und können dann wieder gehen!“ Ich dachte, sie macht einen Scherz. Ein Desinfektions- oder wenigstens Wundspray aus der Apotheke oder der Drogerie erschien mir nichts Verwerfliches zu sein. Einen Vater oder eine Mutter aber wegen einer Lappalie zur Kita zu holen und somit ihren Arbeitstag mit großer Sicherheit frühzeitig enden zu lassen, schien mir vollkommen unangemessen zu sein. Doch unsere Erzieherin beharrte darauf: „Es ist verboten, dass wir ein Spray benutzen.“ Eine andere Mutter erzählte mir dann abends, sie musste schon zwei Mal aus Mitte 40 Minuten quer durch die Stadt fahren, um eine Bisswunde zu desinfizieren. Ja, kann denn das wahr sein? Ich musste mich erst einmal über Menschenbisse schlau machen.  Kinderärztin Annette verblüfft mich:

Menschenbisse gehören zu den infektiösesten Bissen überhaupt. Die Bisse gelten als gefährlicher als zum Beispiel Hundebisse – wohl, wenn der Hund nicht gerade Tollwut hat.  Daher rät Annette, Menschenbissverletzungen mit Verletzung der Hautoberfläche immer zu desinfizieren mit einem  Schleimhautdesinfektionsmittel aus der Apotheke, zum Beispiel Octenisept. Ist die Verletzung tief, muss der Arzt eine so genannte chirurgische Spülung vornehmen und dem Kind ein Breitbandantibiotikum verordnen. Annette empfiehlt Desinfektionsspray übrigens auch für Hautabschürfungen, die mehr als  1 x 1  cm flächig sind. Sie hat noch keine allergischen Reaktionen oder Probleme bei der Anwendung von Octenisept erlebt, erwähnt aber, dass es für den Bauchnabel von Neugeborenen nicht mehr benutzt werden soll.

Ok. Nun haben wir also einen leicht blutigen Menschenbiss und die Kita möchte diesen nicht desinfizieren. Warum nicht?

Sobald wir uns mit der Frage beschäftigen, betreten wir vermintes Gebiet. Da ist dann die Rede von der Heilsalbe aus der Apotheke, die nicht aufgetragen werden darf, da sie ein Medikament ist oder im schlimmsten Fall sind wir bei einer Kita, die die Aufnahme eines Kindes verweigert, weil es Diabetiker ist oder einen Notfall-Allergiker-Pin benötigt. Aber wie hängt das alles zusammen?

Erzieher sagen oft: „ Es gibt ein Gesetz, und das verbietet uns, Medikamente zu benutzen!“ Das ist so nicht ganz richtig. Zunächst einmal gilt, dass jeder Erzieher verpflichtet ist, 1. Hilfe zu leisten. Was dann dazu gehört, kann Auslegungssache sein.

Jedes Kitakind ist unfallversichert. Bei Tagesmüttern gilt dies nur, wenn diese anerkannt sind durch das Jugendamt gemäß § 23 SGB VIII, nicht aber, wenn sie eine Tagesmutter privat und eventuell schwarz bezahlen.

Diese Versicherung bedeutet, dass die Kosten, die entstehen, wenn das Kind in der Kita einen Unfall erleidet, in der Regel von der Unfallkasse getragen werden. Die Versicherung umfasst auch die direkten Wege von und zur Kita (aber nicht, wenn die Eltern Home Office machen), zu einer externen Veranstaltung und zurück zur Kita. Umwege sind nur dann mitversichert, wenn Eltern noch ein anderes Kind aus einer Kita abholen oder bringen müssen. Eltern müssen ihr Kind bei der zuständigen Unfallkasse nicht anmelden, dies geschieht automatisch.  Greift  die Unfallkasse in Ausnahmefälle nicht, muss die Krankenversicherung des Kindes die Kosten tragen. Wegen der Haftungsprivilegierung der §§ 104, 105 SGB V (5.  Sozialgesetzbuch) können Erzieher gar nicht so viel falsch machen wie sie vielleicht denken:  Ein Regress ist nur möglich, wenn ein Erzieher vorsätzlich (also absichtlich!) einen Schaden herbeiführt oder grob fahrlässig handelt. So eine Regelung ist notwendig und wichtig, um einen reibungslosen Ablauf in einer Kita zu gewährleisten.

Die DGVU  (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bemüht sich sehr, Erzieher und Eltern zu informieren, es gibt Flyer und am Telefon berät man freundlich. Allerdings scheint es dennoch an Informationen zu fehlen. Oder die Ängste sind einfach zu groß.

Man kann dem Flyer „Medikamentengabe in Kindertageseinrichtungen“ entnehmen, wie es leicht möglich gemacht werden kann, dass eine Kita einem zum Beispiel chronisch kranken Kind ein Medikament regelmäßig verabreicht. Hier spricht man dann von einer Teilübertragung der Personensorge. Eine solche liegt vor, wenn es eine ausdrückliche mündliche oder schriftliche Absprache mit den Eltern gibt oder sich die Übertragung aus den konkreten Umständen des Einzelfalls ergibt (Eltern sind nicht erreichbar, etc.). Wenn dem Kind durch eine fehlerhafte Medikamenteneingabe ein Gesundheitsschaden entsteht, greift grundsätzlich trotzdem der Versicherungsschutz der Unfallversicherung. Anders sieht es aber aus, wenn die gebotene und vereinbarte Medikamentengabe unterlassen wurde! Dann übernimmt jedoch die Krankenkasse des Kindes die Behandlung. Für die Erzieher gelten auch dann die Haftungsbeschränkungen nach §§ 104 ff Sozialgesetzbuch.

(Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. )

Grundsätzlich gilt, dass die Gabe von Medikamenten, also Arzneimitteln, nicht unter 1. Hilfe fällt und daher auch nicht von der Unfallversicherung abgedeckt ist. Dies ändert sich immer dann, wenn eine tatsächliche oder mutmaßliche Einwilligung der Eltern vorliegt.

Hieraus erschließt sich auch, dass ein einfaches Medikament, wie die Wundsalbe aus der Apotheke für das Windelkind immer mit Genehmigung der Eltern aufgetragen werden darf. Eine mündliche Genehmigung reicht hier aus, aber – wie immer in unserer komplizierten Welt – geht man auf Nummer sicher, wenn man sich alles schriftlich geben lässt. Dies macht natürlich auch den Alltag von Erziehern, die dann in Listen schauen müssen, welche Creme bei welchem Kind zulässig ist, nicht einfacher.

Aber nun zurück zum Biss durch ein anderes Kind:

Hier finden sich bei Recherchen unterschiedliche Handlungsanweisungen: Die einen raten zum Verbinden und Arzt aufsuchen, die anderen zunächst zum Ausspülen und die nächsten zum Besprühen mit Desinfektionsspray. Ich selbst bin überrascht, dass in den Unterlagen der DGUV empfohlen wird, Wunden nicht einmal auszuspülen – auf Kinderbisse im Speziellen wird hierbei allerdings leider nicht eingegangen.  Der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte eV empfiehlt wiederum auf seiner Internetseite das Desinfizieren der Bisswunde. Die gängigen Wunddesinfektionssprays wie Octenisept, die man nur in der Apotheke erwerben kann, haben  eine Arzneimittelzulassung.

Der Einsatz des Desinfektionssprays kann selbstverständlich von Eltern gewünscht oder genehmigt werden wie der Einsatz anderer Medikamente auch (Nasenspray gegen Schnupfen, Antibiotikum, Insulin, Allergie-Notfallset mit Adrenalin-Fertigspritze). Verpflichtet werden kann eine Kita nicht zur Gabe von Medikamenten. Ich persönlich würde aus Praktikabilitätsgründen und um eine die Gefahr einer späteren Entzündung zu minimieren, immer ein Spray in der Kita bereithalten. Hier sprechen wir aber nur über die Spitze des Eisbergs, denn es gibt auch Kinder, die chronisch krank sind und mehrfach täglich Medikamente brauchen.

Deshalb sollte schon aus sozialen Erwägungen bedacht werden, dass nur durch eine klare Absprache mit der Kita eine Teilnahme kranker Kinder im normalen Kitabetrieb möglich ist. Bei chronisch kranken Kindern  sollte dann allerdings genau schriftlich festgehalten werden wie ein Medikament anzuwenden ist.

Es gibt sogar Anwälte, die empfehlen, dass das genaue Procedere und eine Haftungsfreistellung notariell beurkundet werden sollten. Ich denke in solchen Fällen, dass wir in Deutschland einen Vollknall haben. Punkt. Als im Sommer die Flüchtlinge kamen, haben wir im Freundeskreis all unsere Medikamente zusammengesammelt und abgegeben. Ja, bitte, korrekt war da sicher auch nicht. Überkorrektheit bedeuet oft auch am Leben vorbei zu denken.

Bei Kindern mit Krankheiten, die täglich eine Überwachung und/oder Medikamenteneinnahme erfordern während der Kitazeiten, können Eltern beim zuständigen Jugendamt die Anerkennung eines zusätzlichen Betreuungsbedarfs beantragen. Wird der Antrag bewilligt, kann die Kita ihr Personal, bzw. die Arbeitszeiten der vorhandenen Mitarbeiter aufstocken. Eltern können außerdem in schwerwiegenden Fällen einen  Antrag auf Integrationshilfe beim zuständigen Integrationsamt stellen. Dann kann eine Begleit- oder Pflegeperson für das Kind abgestellt werden und das Kind so den Regelkindergarten besuchen. Als Beispiel mag der vierjährige Junge gelten, der wegen einer schweren Erdnussallergie die Kita nicht besuchen durfte: Die Kita des Jungen konnte und wollte nicht sicherstellen, dass das Kind nicht in Berührung kommt mit Erdnüssen bzw. Spuren von Erdnüssen kommt. Der kleine Junge wurde zuhause betreut, bis seine Eltern vor dem Landessozialgericht Niedersachen-Bremen Hilfe bekamen: Der Bub bekam eine persönliche Assistenz, also jemanden, der ihn während des Kindergartenalltags begleitet. Seine Allergie wurde als Behinderung anerkannt.

Noch einmal kurz zurück zum Thema Biss:

Bei Zeckenbissen wird die DGUV deutlich und empfiehlt klar die  Entfernung, da die Risiken einer Infektion mit FSME und Borreliose mit dem Verbleib der Zecke in der Haut steigen. Sprecht mit Euren KiTas über diese Dinge!!

Siehe hierzu unter anderem auch: UK RLP Unfallkasse Rheinland-Pfalz, „Zecken lauern nicht nur im Gras“ – zu finden im Internet

 

 

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