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Keine Blume von Leonard

Keine Blume von Leonard

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Als mein großer Sohn, nennen wir ihn Leonard, knapp zwei Jahre alt war, wechselte er auf Bitten der Kitaleitung, aber mit unserem vollen Einverständnis, in die mittlere Gruppe der 3-4 Jährigen. Dies hing damit zusammen, dass es mehr jüngere als ältere Kinder zu diesem Zeitpunkt in der Kita gab. Uns wurde es allerdings angepriesen mit der Erklärung, unser Kind sei besonders weit. Das hört man ja immer gern. So war Leonard also der kleinste Pupser unter 16 Pupsern und wurde von seiner Erzieherin Hanna besonders aufmerksam behandelt.

Eines Morgens kam ich in die Kita und Hanna sprach mich mit ernster Miene an: „Leonard malt keine Sonnenblume.“ Ich hatte es eilig, verstand nur die Hälfte und antwortete wahrscheinlich: „Ja, ja.“  Danach vergaß ich die Angelegenheit. Einige Tage später sprach mich Leonards Erzieherin wieder an: „Leonard hat immer noch keine Sonnenblume gemalt!“ Ich muss schon etwas verdutzt geguckt haben und sagte dieses Mal vielleicht: „Ach ja?“ Abends sprach ich meinen Mann an: „Schatz, müssen wir uns Gedanken machen? Leonard malt keine Sonnenblume. Ist das jetzt schlimm?“ Mein Mann guckte irritiert und verwies auf die drei großen Kinder, die ganz ohne Sonnenblumenzwang groß geworden waren. Ich war kurz davor, das Thema zu googeln, beruhigte mich dann aber damit, dass Zweijährige ja nun wirklich weder Sonnenblumen malen können, noch müssen.

Am nächsten Tag kam die Erzieherin erneut auf mich zu: „Es ist nichts zu machen. Leonard hat keine Sonnenblume!“ Da müssen mir wohl die Gesichtszüge entglitten sein, denn plötzlich fühlte ich mich schuldig. Hatte ich in der Erziehung völlig versagt?  „Ist das jetzt schlimm..?“, fragte ich. Hanna schaute mich streng an: „Also, Frau Mozer, in diesem Alter kann das schon mal vorkommen. Das ist nicht schlimm, das ist sogar normal. Er will einfach nicht.“ Daraufhin sagte ich erleichtert: „Na, dann ist doch alles gut.“ Nun  sah Hanna verdutzt aus und fragte: „ Es stört Sie also nicht?“ „Nein, gar nicht“, versicherte ich. Daraufhin nahm mich die Erzieherin zur Seite und flüsterte: „Ich bin so froh, dass Sie das sagen! Manche Eltern fragen mich, warum bei ihrem Kind keine Sonnenblume in der Bastelmappe liegt.“ Jetzt hatte ich verstanden. Es ging nicht um mein Kind, es ging um uns, die Eltern!

Unsere wunderbare Erzieherin machte sich tatsächlich Gedanken darüber, ob wir sauer auf die Kita sein könnten, weil unser Kind keine Sonnenblume malt. Darauf muss man erst mal kommen. Einige Monate später erlebte ich mit derselben Erzieherin die Situation, dass ich als einzige Mutter meinem Kind keine Mütze mitgegeben hatte. Wieder sprach mich Hanna streng an. Ich antwortete: „Eine Mütze gibt es bei uns, wenn es kalt ist. So ab 0 Grad oder bei Sturm.“ Hannas Gesicht hellte sich auf: „Da bin ich aber froh, dass ich einem Kind weniger eine Mütze aufsetzen muss!“

Im Laufe der Kitajahre merkte ich, dass es Eltern gibt, die alles Mögliche verlangen und alles Mögliche bestimmen möchten:

  • Natürlich muss das Kleinkind im Kindergarten einen Helm tragen, auch, wenn es sein Laufrad nur durch den Garten schiebt!
  • Die Apfelschnitzchen dürfen nicht breiter als einen Zentimeter sein, sonst verschluckt sich Emmi!
  • Salami könnte meinem einjährigen Kind nicht bekommen!
  • Warum lassen die Erzieher zu, dass einjährige Kinder mit echtem Besteck in ihrer Kinderecke spielen?
  • Könnte es statt Bulgur nicht mal wieder Couscous geben?
  • Caspar braucht mittags Popocreme!
  • Till  möchte nur Pampers!
  • Warum hat Helene Sophies Schal an!
  • Ina muss Mittagschlaf machen, aber Jasper soll geweckt werden!
  • Johanna braucht drei Kuscheltiere und zwei Schnuffeltüchter!
  • Merten darf kein Schwein!
  • Wenn Lukas sich den falschen Schnuller in den Mund steckt, ist die Hölle los!

Da passt es dann ganz gut, dass einige Erzieher einstimmig sagen: „Das Problem sind nicht die Kinder, das Problem sind die Eltern!“ So schreibt mir Erzieherin Nadja aus Schöneberg:

„Mein Beruf macht mir großen Spaß. Aber die Eltern werden immer schwieriger. Am wenigsten Spaß macht dann die Arbeit mit den Eltern, die immer mehr von einem verlangen, dabei aber ihre eigenen Kinder und deren Bedürfnisse außer Acht lassen.“

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