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Kindergeburtstag, hurra?

Kindergeburtstag, hurra?

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Kindergeburtstag – kontroverses Thema! Ich weiß, dass Sie vielleicht ganz anders denken als ich, denn ich habe das Thema mehrfach gegoogelt, und die Meinungen der Eltern prallen beim Thema Kindergeburtstag aufeinander. Ich schreibe hier über Feiern von Kindern im Alter von vier bis vielleicht acht Jahren.

Ich bin in einer Straße in Berlin groß geworden, in der ungefähr acht gleichaltrige Kinder wohnten, von denen nur zwei in andere Kitas und Schulen gingen. Ich war ein unangepasstes, sensibles Kind. Ich war bestimmt nicht das beliebteste aller Kinder. Und dennoch wurde ich immer zu den Kindergeburtstagen in der Straße oder aus der Kitagruppe eingeladen. Niemand hätte damals ein Kind ausgeladen, das durch die Nähe und die Kita in enger Verbindung stand. Meine Mutter und viele andere Eltern trafen zusätzlich noch eine Art Sozialauswahl: Welche Eltern trennen sich gerade? Wo haben es die Kinder  besonders schwer, in der Schule oder Kita Fuß zu fassen, oder wer ist erst gerade zugezogen? Sie bestimmten in Absprache mit ihren Kindern, aber auch manchmal über den Kopf des noch sehr kleinen Kindes hinweg, wer eingeladen wurde. Heute wird diese – wie ich finde – auch soziale Verantwortung abgegeben. Ans Kind. Auch, wenn es erst drei Jahre alt ist.

Bei uns sind Kindergeburtstage Feiern, zu denen irgendwie jeder kommen kann, auch das Kind von nebenan, das zufällig sieht, das gefeiert wird. Damit liegen wir aber nicht im Trend. Trend ist, ebenso viele Kinder einzuladen wie das Kind alt ist. Punkt aus. Denn alles andere ist für Ludwig, Karlchen oder Mia zu ansprengend. Ehrlich gesagt? Ich glaube, alles andere ist eher den Eltern zu anstrengend. Mein Sohn spielte eine Zeitlang fast einmal wöchentlich mit einem Kindergartenfreund bei uns zuhause. Als das Kind, nennen wir es gemeiner Weise hier mal Egon, vier Jahre alt wurde, kam Leonard aus der Kita und weinte, weil er keine Einladung in der Garderobe hatte. Egons Mutter meinte lapidar im Supermarkt zu mir: „Egon hat entschieden, dass nur Frida, Wilhelm, Jack und Helene kommen dürfen. Er mag Leonard gerade nicht so.“ Zwei Wochen später war Egon wieder unser vergnügter Gast. Die Mutter hat, finde ich, einen Knall. Ich kann doch nicht Kinder ausladen, nur weil mein Sohn an dem Tag, an dem ich ihn frage, sagt: „Nö, der ist gerade nicht mein Freund!“ Doch, kann ich doch – höre ich etwa Dreiviertel der Mütter sagen, die  hier mitlesen.

Ich kann Sie auch verstehen! Kindergeburtstage sind anstrengend, die will man limitieren. Und sie kosten Geld. Vor allem, wenn man noch diese blöden Tütchen machen muss, die die Kinder dann wieder mit nach Hause nehmen. Ehrlich, ich bin nicht der größte Kindernarr und schon gar kein Fan von zertrampelten Rosenbüschen, Müll im Garten, Flecken an den Wänden und Kinderkotze im Bad. Aber ich mag es noch viel weniger, die Gefühle von so kleinen Geschöpfen zu verletzten. Nennt mich Helikopter-Mama, haut drauf und sagt, mein Kind müsse lernen, mit Frust umzugehen, aber hört weiter zu: Als Leonard seine Kita gewechselt hatte, wurde er ein ganzes Jahr zu keinem einzigen Geburtstag eingeladen. Es gab fast nur Mädchen in seiner Gruppe und die luden eben keine Jungs ein. Etwas, das mir meine eigene Fehlentscheidung, die Einrichtung zu wechseln, noch mal sehr deutlich machte. Mir ist es ein Rätsel, dass man einen Neuankömmling nicht integriert.

Wir Deutschen sind im Grunde keine gastfreundlichen Menschen (abgesehen von unserer aktuellen Flüchtlingspolitik und dem ehrenamtlichen Engagement so vieler). Das wird jeder bestätigen können, der schon mal in Asien oder in arabischen Ländern unterwegs war oder an einer Grillparty in den USA vorbeigelaufen ist und selbstverständlich zur Tafel gebeten wurde. Ihr nicht? Ich immer, auf vielen Reisen.

Hier höre ich oft, dann und dann passt es nicht, da kommt schon der und der. Hallo? Ja, und? Ist dann die Wohnung zu voll? Vielleicht waren es ja besonders glückliche Zeiten, aber diese Limitierungen kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht. Zur Not hat unsere Mutter alle auf die Straße oder in den Garten zum Spielen geschickt. Aber die Tür zugelassen, weil schon ein Gast da ist? Das Motto war eher „the more the merrier“.  Hier höre ich auf dem Spielplatz wie Mütter zu ihren Kindern sagen: „Nein, spiel jetzt nicht mit Sara, Du bist mit Sina hier!“ Ich staune leise, denn wie wäre es denn, wenn alle miteinander spielten?

Wenn also alleine Janine, Claire, Ida und Max entscheiden dürfen, wer zur Party kommt,  kann es natürlich sein, dass neue zugezogene oder unangepasste Kinder durchs Raster fallen. Das werden Ihnen  einige Mütter bestätigen. Mein Sohn jedenfalls suchte im Alter zwischen fünf und sechs meist vergeblich nach dem Einladungskärtchen in der Kita. Ich sagte mir, er müsse damit klarkommen.

Mein Mann und ich laden lieber fünf Kinder mehr ein, als eines vor den Kopf zu stoßen. Wir können und wollen uns da auch gar nicht immer so festlegen. Das wird sich ändern, wenn meine Kinder groß genug sind, enge Freundschaften zu pflegen und wirklich allein entscheiden zu können. Eltern bestätigen: „Zurück-Einladen ist nicht. Mein Kind ist einfach so beliebt!“ Na, dann hoffe ich mal für die Kinder, dass das immer so bleibt!

Eine Mutter machte sogar nicht mal davor halt, Kinder wieder auszuladen. Ihre kleine Tochter hatte Leonard mehrfach mündlich zu ihrer Feier eingeladen. Ich traute dem Braten nicht und fragte die Mutter daher selbst. Sie antwortete: „Ja, Leni lädt alle Kinder aus der Gruppe ein!“ Leonard freute sich, und wir suchten ein Geschenk aus. Tage später fehlte seine Einladung im Fach. Leo suchte sie überall. Nur: Es gab keine!  Er überlegte, ob Leni sie verloren habe, ein anderes Kind sie mitgenommen habe oder sie hinter die Gaderobe gerutscht sei.

Ich fragte – ein wenig beschämt – die Mutter. Diese antwortete lächelnd: „Wir laden  jetzt doch keine Jungs ein, es werden zu viele Gäste!“ Die drei Jungs der Gruppe waren also wieder ausgeladen worden. Leonard war entsetzt, und ich sagte zu ihm: „Das ist sehr seltsam von der Mutter, und Leni kann nichts dafür!“

Bevor Sie mir jetzt kleine Einladungsbriefchen schicken zu den Feiern Ihrer Kinder oder mir ein Seminar zur Verarbeitung posttraumatischer Belastungen anbieten:  Nein, danke, wir sind bedient!  Letzten Sommer ging mir fast das Geld für Geburtstagsgeschenke aus.  Zu viele Feiern sollten es dann auch nicht sein.

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