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Kitakrankheiten oder: Die Hölle ist los!

Kitakrankheiten oder: Die Hölle ist los!

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Huhu, jetzt möchte ich Ihnen mal so richtig Angst einjagen! Setzen Sie sich lieber hin oder halten Sie sich am nächstbesten Türrahmen fest:

Haben Sie eine Arbeit, die Sie lieben? Wollen Sie Ihr Kind mit einem Jahr in die Krippe geben? Passen Sie auf, die Strafe folgt auf den Fuß! Oder besser: Auf die Hand, den Mund und den Fuß!

Na, gut, es gibt verschiedene Ausprägungen der Hölle: Als wir Kind 1, also Leonard, in den Kindergarten gaben, war er neun Monate alt, und er mag hier und da ein wenig verschnupft gewesen sein, sehr viel mehr passierte nicht. Bei ihm! Es ging mir zeitweise so dreckig, dass mein Partner mich am liebsten auf die Straße gesetzt hätte: Rotze, Husten, Heiserkeit in einem Ausmaß wie ich es noch nicht gekannt hatte. Dazu eine immerwährende Nasennebenhöhlenentzündung und eitrige Seitenstränge (das ist da hinten im Hals und tut weh beim Schlucken, gerne bei Leuten, die keine Mandeln mehr haben). Ich schluckte fleißig Antibiotika und Aspirin Complex (da ist wenigstens ein bisschen Ephedrin-Wachmacher drin), um überhaupt mein Kind in die Kita bringen zu können. Da musste es schließlich hin, damit ich mich mal ins Bett legen konnte.  Meine Ärztin wollte mich an den Vitamintropf legen, aber ich hatte keine Kraft, überhaupt dort hinzufahren. Denn entweder arbeitete ich irgendwie, oder ich lag im Bett. Arbeiten musste ich verdammt viel, denn es fehlte Geld, und mein Mann war gerade dabei, sein Geschäft aufzubauen.

Bevor ich ein eigenes Kind bekam, hatte ich mit Kindern wenig am Hut. Es scheint, dass mein Körper seit der eigenen Kindergartenzeit keinerlei Kontakt zu den Viren- und Bakterienmonstern mehr gehabt hatte, die mein – erstaunlich gesundes – Kind bevölkerten. Mein Sohn war bis auf einen Schnupfen fit, und ich lief herum wie der Tod auf Socken. Natürlich dachte ich, dass ich Krebs, Multiple Sklerose oder Aids habe, aber alle Tests waren negativ. Irgendwann traf ich auf eine Mutter, die mir sagte, bei ihr seien die ersten beiden Kitawinter ihrer Tochter auch ein einziger Totalausfall gewesen – für sie.

Das reicht Ihnen schon? Jetzt geht es aber munter weiter: Als Kind Nr. 2 kam, also Julian, war ich angestellt. Um nicht allzu lange in der Firma auszufallen, kam Julian mit elf Monaten in die Krippe. Dort wurden nach und nach alle Kinder eingewöhnt, da die Einrichtung neu gegründet worden war. Morgens fuhren wir den Großen in Kita 1 und den Kleinen in Kita 2. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Nicht-Eltern gar nicht wissen, dass Eltern morgens schon  90 % ihrer Energie verbraucht haben, bevor sie ins Büro kommen. Stimmt. Bis Kind 1 seine Anziehsachen angezogen hat, ist Kind 2 wieder eingeschlafen. Ich weiß nicht, wie Eltern mit drei oder noch mehr Kindern das machen, wenn beide arbeiten. Aber zurück zu dem eigentlichen Thema – sitzen Sie endlich?

Der vergangene Winter, also der 1. Winter von Julian in der Krippe, war ein Seuchenwinter. Julian war – ohne Witz – eine Woche halbwegs gesund und daraufhin wieder zwei Wochen krank, eine Woche gesund, zwei Wochen kränklich. Julians Papa hatte fast durchgehend Aufträge und verwies mich gerne darauf, ich sei ja angestellt und könne „ja wohl mal fehlen“, woraufhin ich ihm stets erklärte, „er sei schließlich selbstständig und könne flexibel auf die Krankheiten seines Kindes eingehen“. Wir hatten alles. Und dieses Mal erwischte es sogar zwei Mal den Großen. Ich kann gar nicht so genau sagen, was es war, aber es war alles eklig, schleimig, pickelig und langwierig, manches stank bestialisch, und die meisten Nächte betrugen weniger als drei Schlafstunden am Stück. Kein Wunder, dass viele Mütter (und auch Väter) ständig krank sind, heißt es doch, Schlaf sei neben gesunder Ernährung  und Sport das wichtigste, um das Immunsystem zu stärken. Wann schlafen wir denn, wenn wir arbeiten und gleichzeitig nachts ständig wach sind? Da landen wir dann ganz schnell bei dem Buch „Die Alles-ist-möglich-Lüge“ von Susanne Garoffsky und Britta Sembach, das sie lesen sollten, wenn sie sich als Mutter oder Vater ständig am Rande oder mitten in der Erschöpfungsdepression bewegen, aber das ist eine andere Geschichte…

Also, da ich nun also angestellt war, konnte ich mich tagsüber nicht mehr hinlegen, wenn ich nachts wach war. Ich ging am Stock. Julian wurde und wurde nicht richtig fit. Wir mieden unsere liebe Kinderärztin, wo wir nur konnten, denn die meisten Krankheiten können Eltern wohl auch ohne Arzt richtig einschätzen, und wenn man irgendwo krank wird, dann wohl erst recht beim Kinderarzt. Wenn wir dann aber doch mal zum Arzt gingen, trafen wir meist die halbe Kita im Wartezimmer. Die andere Hälfte der Kinder hing bleich in der Kita herum, wo dann – passend – die Hälfte der Erzieher fehlte. Traf man sich im Supermarkt, konnte man schon an den Gesichtern erkennen, wo Grippevirus und Magen-Darm jetzt gerade angekommen waren. Wir erzählten uns von Kotze, durchgekackten Windeln, nächtlichen Erstickungsanfällen (Krupp), zeigten uns gegenseitig eigenartige Fotos der Ausschläge unserer Kinder und verglichen Hustenarten. Am schlimmsten traf es einen Vater, bei dem sich das Hand-Mund-Fuß-Virus tatsächlich auf seine Füße und Fußnägel gesetzt hatte und dort so fröhlich feierte, dass er im Krankenhaus vorstellig wurde. Dabei sind Erwachsene sonst meist gefeit vor dem Zeug.

Per Mail schrieb ich ins Büro die Textbausteine: „Kind 2 ist krank.“, „Ich bin krank.“ oder, seltener: „Kind 1  ist auch krank.“  Gerne auch alles gleichzeitig. Manchmal mit Tränen der Scham in den Augen. Ich habe mich noch nie so unwohl bei der Arbeit gefühlt, wie in diesem ersten Kitawinter. Ich dachte jeden Tag, meiner Vorgesetzten und meinen Kollegen würde der Geduldsfaden reißen. Erleichternd wirkten ein ebenfalls sehr oft hustender Vater und eine Mutter mit häufig krankem Kind. Zur Weißglut brachten mich Menschen, die mich ansahen und sagten:  „Also, wir/ich/unsere Kinder sind/bin nie krank!“ Schön für Dich!! Toll! Also, wir waren im Eimer.

Ich organisierte zwei Babysitterinnen zum Preis meines Teilzeitgehalts, die auch vormittags konnten, und auf mein krankes Kind (wahlweise auch auf das zweite oder auf mich) aufpassten. Die waren dann natürlich auch dauernd krank, halten ja nichts mehr aus, die jungen Leute! Am robustesten erwies sich noch die 80jährige, schlecht sehende Oma der beiden Jungs.

Mein Mann und ich diskutierten mit den Erzieherinnen um jede Minute Kindergartenzeit. „Krank?! Nein, nein, Julian ist nicht krank!!! Er tut nur so!“ Ich erinnere ich an einen Tag als ich flehte, man möge Julian nehmen trotz der „Drei-Mal-Weiches-Kacka-Regel“, weil die Babysitter krank waren, die Großmutter im Krankenhaus und der Kindsvater im Studio. In der Firma hatten sich die Wirtschaftsprüfer angekündigt. Die Kacka-Regel besagt, dass man sein Kind zuhause lassen muss, wenn es drei Mal an einem Tag Durchfall hat. Während die eine Erzieherin bereits von Durchfall spricht, wenn der Stuhl weich ist, ruft die andere erst an, wenn es durchsuppt. Ehrlich. Und bevor mich nun jemand in die Rabenmutterecke stecken möchte: Nein, ich habe keines meiner Kinder je mit Fieberzäpfchen versehen in die Kita gesteckt. Das sollen aber angeblich andere Eltern machen, erzählt man sich so. Ich kenne das aus Frankreich. Dort knallte man jahrelang schon Kleinkindern bei leichten Erkältungen ein Antibiotikum rein, weil es eben selbstverständlich ist, dass Frau arbeitet. Also gibt man Kindern schnell Medikamente, um sie um Himmelswillen in die Krippe bringen  zu können. Auch nicht alles gut, bei den Nachbarn, im Gegenteil! Vielleicht ist man dort inzwischen aber so wie hier in Deutschland wesentlich zurückhaltender bei der Verschreibung von Antibiotika geworden.

Eine befreundete Berliner Kinderärztin, nennen wir sie hier Annette, sagt deutlich: „Ein Kind, das sich nicht wohlfühlt, bleibt zuhause. Ein Kind, das eine Temperatur von über 38,5 Grad hat, bleibt zuhause und zwar bis 24 Stunden nach dem letzten Fieber.“  „Es sei denn“, fügt sie hinzu, „das Fieber hielt nur wenige Stunden an.“ Durchfall betrachtet sie eher gelassen: „Wenn der Durchfall nicht zu häufig und sehr, sehr flüssig ist, kann ein Kind mit Durchfall auch in die Kita. Der Durchfall ist, wenn kein Fieber besteht, meist kein Krankheitszeichen mehr, sondern nur noch eine sekundäre Reaktion auf die Krankheitskeime, die den Darm gereizt haben.“ Das heißt, oft klingt eine Kinderkrankheit mit Durchfall aus, und es besteht gar keine Ansteckungsgefahr mehr.

Als bei uns in der Kita   Hand-Mund-Fuß ausbrach, blieb ich ruhig, denn im Netz kann man überall lesen, dass es halb so schlimm ist und oft nach drei Tagen vorbei. Als Julian erste Bläschen im Mund hatte, wiegelte ich ab. Nein, das kann nicht sein. Nicht mein Kind. Die Erzieherin, deren Mund auch schon Blasen schlug, schickte mich zum Kinderarzt. Der konnte nichts erkennen und schickte Julian zurück in die Krippe. Ich triumphierte! Nachts machte mein Kind kein Auge zu: Der ganze Mund war  nun voll von dem Dreck! Vorwurfsvoll führte ich mein  Kind wieder in der Kinderarztpraxis vor. Man überdachte die Diagnose von gestern und attestierte meinem Baby „Coxsackie“. Toll, ich saß wieder zuhause und schmierte mir – da waren jetzt auch Pusteln am Zahnfleisch –  und meinem Kind eine grüne Paste in den Mund, die überhaupt nicht half. Das Schmieren wurde mit Schreien quittiert.

Annette, die selbst drei kleine Kinder hat, erklärte mir: „Ich kläre alle Eltern auf, dass es bei  kleinen Kindern zwei Hauptdiagnosen gibt und die lauten „erstes Kitajahr“ und „zweites Kitajahr“. Die Diagnosen stehen symbolisch dafür, dass sich Kinder nach Eintritt in die Kita mit neuen Keimen auseinandersetzen und  sich das Immunsystem mit allen Keimen auseinandersetzt, was sehr positiv gegen die Entstehung von Allergien wirkt. „Eltern, die darauf vorbereitet sind, denen geht es besser. Denn Arbeitgeber geben Eltern ja gerne mal das Gefühl, dass nur ihr Kind dauernd krank ist. Normal ist durchaus, dass ein Kind eine Woche gesund und eine Woche krank und die nächste noch schlapp ist und das über den ganzen Winter.“ Man könne es nicht oft betonen, da das schlechte Gewissen schon so manche Mutter in den burn-out gejagt hat:   NORMAL! ALLES VÖLLIG NORMAL!     Tja, und was ist mit den Eltern? Die Ärztin sagt: „Eltern selbst stecken sich heute leicht an, da wir nicht mehr in Großfamilien leben, wo seit Jahren die Keime zwischen den Familienmitgliedern zirkulieren, sondern wir Erwachsenen werden mit dem Eintritt unserer Kinder in die Kita oft das erste Mal selbst wieder mit der wilden Welt der Keime konfrontiert werden.“ Das heißt: Abends küsst uns das Baby und es hat eine neue Überraschung mitgebracht.

Bezüglich Coxsackie gruselt uns  Annette dann jetzt ein bisschen. Das Virus weist sehr viele Unterstämme auf, und man kann sich  mit jedem einzelnen davon anstecken. Die Krankheit tritt bei manchen Kindern als Herpangina im Mundraum auf, bei anderen Kindern befällt sie eher Hände und Füße, aber auch die Genitalien. Oder alles zusammen. In seltenen Fällen kann die Krankheit bei Erwachsenen Böses bewirken kann: Nägel können ausfallen, oder man verschleppt den Infekt, weil man wochenlang schlapp und mit Bläschen im Mund zur Arbeit rennt, und bekommt wohlmöglich eine Myokarditis. Während sie mir das erzählt, und ich nach Luft schnappe, sagt sie: „Ok, wir wollen den Eltern mal keine Angst machen. Normaler Weise ist das alles nicht weiter schlimm.“ Sie empfiehlt aber allen Eltern, auf ihre eigene Gesundheit zu achten und Vorwürfe des Arbeitgebers („Gerade war noch ihre Tochter krank und jetzt Sie??!?“) so gut wie möglich zu ignorieren. Es hilft niemandem, wenn aus der Erkältung eine Lungenentzündung, eine Herzmuskelentzündung oder Asthma wird. Sowohl die Ärztin als auch ich berichten hier aus eigener leidvoller Erfahrung. So denn: Wer sich bei seinem Kind ansteckt, ist oft schlimmer dran als das Kind und schone sich!

Andererseits warnt Annette davor,  dass Kinder aus der Kita genommen werden, weil Kitaleitungen das so anordnen, obwohl es ihnen gut geht. Selbst mit einem Cocksackibläschen und ohne Fieber kann ein Kind am Kitatag teilnehmen, wenn es nicht beeinträchtigt ist. Die Viren sind zwar hochansteckend, wenn das Kind aber die ersten Bläschen bekommt, war es vorher bereits tagelang als Virenschleuder unterwegs. Wer dann noch nicht verseucht ist, wird es wohl auch nicht mehr.

 

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