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Scharlach-Schilder und das Sinnlos-Attest

Scharlach-Schilder und das Sinnlos-Attest

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Während wir bei einer Tasse Tee so über Kinder und ihre Wehwehchen plaudern, erzählt Annette, die Kinderärztin, was sie gar nicht leiden kann. „Wir haben Scharlach“- Schilder!  Ist Scharlach nicht ganz schlimm? Nein, Scharlach ist nicht ganz schlimm und bricht häufig nicht einmal voll aus. Dann ist es eine simple Streptokokken-Infektion. Wenn zwei Kinder einer Gruppe Scharlach haben, bleiben sie zuhause und werden dort behandelt, deshalb hat aber die Kita noch keinen Scharlach. Annette findet, Kitas sollten nur mit großen Zetteln über Krankheiten informieren, bei denen eine Informationspflicht besteht oder die Schwangere gefährden könnten: Darunter fallen Ringelröteln und Masern.

Ebenfalls informiert werden muss über Läuse. Aber auch hier lacht Annette milde: „Was Eltern alles anstellen, wenn es um Läuse geht, ist verrückt!“ Da wird Wäsche ohne Ende gewaschen, es werden Kuscheltiere weggeworfen oder ins Gefrierfach gesteckt.“ Alles Quatsch. Läuse sterben, wenn sie über vier Stunden kein Blut getrunken haben. Es reicht also, das Kuscheltier einfach mal beiseite zu legen. Betroffen sein werden auch nur Mützen, Kissen und Tiere, die zur Schlafenszeit bei den Kindern am Kopf liegen. Läuse halten sich nämlich in der Regel nur auf Haaren auf und wandern von Kopf zu Kopf, wenn Kinder ihre Köpfe zusammenstecken. Eine Katastrophe ist das nicht.

Während ich das schreibe, sehe ich eine Mutter mit Läusephobie vor mir, die wegen eines Läusealarms jeden Morgen nach dem Aussteigen aus dem Auto  vor der Kita ihre Töchter mit einem Läusespray besprühte, obwohl die Kinder läusefrei waren. Davor ist zu warnen: Es handelt sich bei solchen Mitteln oft um Medizinprodukte, die nicht so streng geprüft werden wie Arzneimittel. Enthalten sind  Pyrethrine, die die Tiere abtöten, aber auch bei Menschen zu Nebenwirkungen führen können. Andere Produkte basieren auf Kokosöl und Silikon und sollen bewirken, dass die Atemöffnungen der Läuse verstopfen. Diese Mittel kann man als Shampoo zur Abtötung benutzen, muss dann aber prüfen, ob wirklich alle Läuse erwischt wurden oder noch Nissen vorhanden sind. Wer das Zeug schon mal in die Haare geschmiert hat, weiß, dass man das Öl tagelang nicht richtig rausbekommt. Eklig, aber halb so wild.

Als bei uns die Maul- und Klauenseuche (aka Hand-Mund-Fuß-Virus) nach einer Woche wieder vorbei war, und ich mit den letzten Pusteln im Mund wieder an meinem Schreibtisch saß und gerade einen Vertrag fertig schreiben wollte, klingelte das Telefon. Es war die Kitaleiterin. Ich möge bitte sofort kommen, Julian wirke „irgendwie krank“. Zuhause war Julian dann putzmunter, und ich pflaumte die Kitaleitung an, mich bitte nicht noch mal anzurufen, wenn mein Kind nichts habe. Ihre Erklärung: Sie habe seinen Schnuller nicht gefunden und konnte ihn nicht beruhigen. Langsam aber sicher wurden wir alle hysterisch: Die Eltern gesunder Kinder verdächtigten die Eltern anderer Kinder, ihre Blagen krank abzugeben, andere verdächtigten die Erzieher, selbst die Viren einzuschleusen, der nächste spricht von mangelnder Hygiene. Ich begann, jedes Kind zu verfluchen, das mit gelb-grüner Rotze unter der Nase durch die Kita lief. Ekelhaft! Und die Kitaleitung versuchte, die berühmte Attest-Regel einzuführen. Kennen Sie die?

Die Attest-Regel besagt, dass Sie mit Ihrem Kind, wenn es endlich wieder gesund ist, zum Arzt gehen müssen und sich die Kitaeignung bestätigen lassen müssen. Das ist natürlich hirnverbrannt. Denn was fragt denn der Arzt die Mami? „Ist Ihr Kind noch krank? Hat es Fieber? Nein? Dann kann es wieder in die Kita gehen!“ Bitte schön, hier ist der Wisch. Manchmal kommt man gar nicht erst vor bis zum Arzt, denn der beschäftigt sich  – und das ist ja auch richtig so – mit den Kindern, die wirklich krank sind. Da macht das dann die Assistentin, und der Arzt unterschreibt nur schnell. Ich habe auch schon von unterzeichneten Vordrucken gehört, auf denen die Eltern nur das Datum nachtragen müssen. Ärztin Annette nickt fortwährend, während ich eine kleine Brandrede wider den Unsinn halte. Das Attest ist sinnlos. Völlig. Ein hilfloser Versuch, Kitakrankheiten im Zaum zu halten. Besonders wichtig finden manche Eltern und Erzieher das Attest bei Durchfällen. Na, toll. Da sage ich dann wahrheitsgemäß zu dem genervten Arzt: „Nein, Emma hat heute noch nicht weich gekackert! Der Durchfall scheint vorbei zu sein!“, bekomme das Schreiben, gebe das Kind in der Kita ab und  – pppffft- rummms- ist die Windel samt Body und Röckchen wieder voll.

Ärzte können nicht hellsehen, sie verlassen sich auf das, was wir Eltern ihnen sagen. Ärzte bekommen pro gesetzlich versichertem Kind und Quartal eine Pauschale und finden es in der Regel nicht witzig, gesunde Kinder vorgeführt zu bekommen. Selbst bei den Läusen ist die Regelung eigentlich albern: Denn, wenn die Mutter eine Laus übersieht, kann das auch dem Arzt  passieren. Wir gehen also mit gesunden Kindern zum Arzt, können immer noch nicht ins Büro, ernten komplettes Unverständnis („Äh, ja, Sina ist gesund, aber ich sitze mit ihr beim Arzt!“) und halten dort den gesamten Betrieb auf.

Annette erzählt aus dem Praxisalltag folgende, geradezu groteske Geschichte: „Da sitzen 20 kranke, wartende Kinder in der Praxis, denen ich helfen möchte, und es stürmen drei aufgeregte Mütter rein: „In unserer Kita gibt es Scharlach! Wir möchten, dass unsere Kinder auf Scharlach getestet werden“! Völlig verdattert fragte die Ärztin die Mütter warum. Die Antwort: „Wir wollen wissen, ob die Kinder auch Scharlach haben, damit sie gleich ein Antibiotikum bekommen!“ Na, geht es noch? Ich glaube, es hackt! Da soll ein Test an einem symptomfreien Kind gemacht werden?“ Annette lacht schallend: „Und dann ist der Test positiv und was mache ich? Ein gesundes Kind behandeln?“ Ganz sicher nicht. Streptokokken hat fast jedes Kind von Zeit zu Zeit oder auch als Dauerbesiedlung in der Mund- und Nasenschleimhaut. Deshalb würde man nicht vorbeugend gegen Scharlach behandeln, zumal die Krankheit sich nicht immer in voller Blüte zeigt. Da fragt man sich doch ein wenig, was sich solche Eltern denken? Wofür ist der Arzt da? Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse? Würde man der Krankenkasse solche Kosten aufbrummen, wäre das ein glatter Kassenbetrug.

Zum Glück sind die Kitas meiner Kinder alle so vernünftig gewesen, dann doch Abstand zu nehmen, von den Blödsinns-Attesten. Sind Ihre Kitas nicht so vernünftig, liebe Eltern, tut Euch zusammen und kämpft gegen den Quatsch an.

Jetzt naht der zweite Kitawinter, und ich denke mit einigem Abstand: Die Seuchenzeit gehört dazu. Ein Kind erwischt es mehr, das andere weniger. Manche Eltern strotzen dem Virenbomardement, andere eben nicht. Manch einer hat verständnisvolle Auftraggeber und Arbeitnehmer („Ja, kennen wir auch!“), mancher kämpft nicht nur mit der Grippe, sondern auch noch mit ausgemachten Arschlöchern („Geben Sie Ihr Kind doch zur Oma!“, „Also, mein Kind/Enkel/Patenkind/Nachbarskind ist nie krank!“). Und alle müssen da durch. Irgendwie.

Und jetzt habe ich noch gar nicht erzählt, dass es noch ganz andere Kitaflüche gibt. Was, Sie denken ich komme ihnen wieder mit Läusen? Haha, das ist gar nichts! Hatten Sie schon mal Würmer? Nein? Dann empfehle ich Ihnen die ersten Seiten des Buchs „Schoßgebete“ von Charlotte Roche.  Juckt es schon? Naja, Sie haben ja bestimmt Tesafilm zuhause. Und wenn Sie immer noch nicht genug haben, schlafen Sie einfach mit Ihren Gören in der Jugendherberge (wahlweise dem Astoria in New York) und bringen Sie ein paar Bettwanzen mit nach Hause – so wie der Papa von Mia, der heute noch davon erzählt wie die ganze Wohnung auf 60 Grad erhitzt werden musste, um das räudige Volk auszuräuchern. Natürlich musste die ganze Familie inklusive Katzen und Hund ausziehen für den Zeitraum.

Als die Seuchenzeit im April vorbei war, gönnte ich mir einen Kinobesuch. Der Kinositz war unbequem. Ich bekam einen Hexenschuss und konnte mich eine Woche lang kaum bewegen. Meinen Arbeitgeber hat es nicht gefreut, denn er hatte gehofft, nun mal eine Weile auf mich zählen zu können. Ich war aber zum ersten Mal krank, ohne dabei noch ein oder zwei Kinder betreuen zu müssen. Da nimmt man die Schmerzen und die täglichen Spritzen in den Rücken ja schon fast als Geschenk an.

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