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Tag Archives: Angst

Angst

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Angeblich wirke ich nicht ängstlich. Dabei lese ich Melissa Broder „So sad today“ und nicke stumm. Wie kann ein Mensch mutig sein und gleichzeitig  ein Angsthase? Es gibt Tage, da kann ich vor Angst nicht aufstehen, Katastrophieren vom Feinsten. Die Welt erschlägt mich mit ihren Anforderungen. An manchen Tagen mache ich gefühlt zehn Mal mehr als jeder andere Mensch, aus dem Wissen heraus, dass der nächste Tag eine Migränebremse oder eine Angsthemmung bereit halten könnte. Ich packe einen Roman, vier Serienfolgen, zig Verträge, Telefonate, Kinder-Liebhalten, Wohnung putzen, einkaufen, Orga in 18 vollgestopften  Stunden – gab mir als junge Frau den Spitznamen Speedy und macht unbeliebt bei langsamen Zeitgenossen. Aber: Liegen bleiben darf ja nicht. Schon gar kein ungelesenes Buch.

Dann wieder ein paar Tage des Gedankenwälzens und der kompletten Introvertiertheit. Angst legt lahm.

Wer Kinder bekommt, muss sich mit sich auseinandersetzen. Die kleinen Biester spiegeln uns und unsere Stärken, Defizite und Ängste. Was schreibt mir heute ein ehemaliger Kollege? Kindererziehung ist im Kern die Erziehung des eigenen Selbst – ich würde weiter gehen: Es ist die härteste Konfrontation mit dem ICH, die es gibt.

Ich bin  Draufgängerin, Anarchistin, Meisterin im Überkompensieren von Angst. Sich überall Eintritt mit Witz und Charme verschaffen, fast jede Droge einmal probiert haben, alleine durch Indien reisen, jedes Tier anfassen, durch die Pampa mutterseelenallein  auf einem Polopferd reiten – alles kein Problem. Doch vor Angst, einen Zug zu verpassen, tagelang Durchfall haben. Menschenmengen meiden.  Zittern vor einem unwirschen Kollegen. Angst haben, die Kinder könnten sich peinlich benehmen, was sie dann auch auf jeden Fall tun. In große Not geraten, wenn die Luft im Kaufhaus schlecht ist.  Angst haben, mal wieder kein Wort herauszubringen. Angst vor Migräne, dem Schmerz, der das Leben völlig ausbremst.

Sich außerhalb der Norm benehmen und gleichzeitig vor Angst sterben bei dem Gedanken, ein Mensch denkt schlecht über mich. Völlig unabhängig von der Meinung anderer und gleichzeitig so absolut abhängig? Warum ist es mir wichtig, was ein Arschloch von mir hält?

Wie oft habe ich gespürt, nicht zu genügen und bin verstummt?  Wie mache ich meine Kinder fit, solche Glaubenssätze nicht zu übernehmen? Resilient zu sein? Andere nicht einzuladen, ihren Dreck abzuladen? Wie oft habe ich gehört: „Dein Arsch ist zu fett!“ Meist von hässlichen Männern übrigens! Und wie viele Tode bin ich gestorben? Mich meines Körpers geschämt, als er am schönsten war?

Nackig in den See springen, egal, wer dabei ist. Dabei aber bloß den dicken Hintern nicht zeigen – rückwärts ins Wasser war eine Strategie. Keine BHs tragen (außer bei wichtigen Arbeitsterminen) bis vor zehn Jahren – weil´s drückt und alles gut saß -, aber gleichzeitig vor Panik wegrennen wollen, wenn ein ehemaliger Kollege mich an einem schlechten Tag auf dem Spielplatz sieht. Blicke auf sich ziehen und die Bettdecke über den Kopf.

Bei der Führerscheinprüfung zweimal  wegen Panikattacken durchfallen. Beim ersten Mal bin ich gerast  aus Angst („Halten Sie endlich an!!“), beim zweiten Mal habe ich mich lauthals geweigert, auf die Autobahn zu fahren.  Heute knallhart auf der Busspur unterwegs, wenn es sein muss. Keine Angst, mich gegen Windmühlen zu stellen, wenn ich Freunde verteidige oder Schwachen helfen will, aber stottern, wenn mehr als drei Personen im Meeting sitzen oder ich meine, mich rechtfertigen zu müssen.

Nicht schlafen können vor jedem wichtigen Gespräch, aber völlig angstfrei bei einer Rauferei eingreifen. Erste Hilfe leisten, ohne mit der Wimper zu zucken. Total cool mit dem Arzt während einer Bein-OP schnacken, aber Panikattacken, wenn ich unbekannte Strecken mit dem Auto fahren muss (dank Navi etwas besser geworden). Tage vorher müssen die Strecken studiert werden – mit Google Earth.  Vor Prüfungsangst nicht Medizin studiert, stattdessen Jura (wo die Prüfungen viel schwerer sind, aber Angst kennt keine Logik) und dann fast verkackt  wegen Panikattacken und wochenlanger Schlaflosigkeit. Vor großen, sozialen Ereignissen tagelanges Bauchgrummeln. Reisefieber, Flugangst.

Keine Angst, meine Meinung zu sagen, aber große Angst, sie bestimmten Menschen zu sagen. Zum Kleinkind mutieren, wenn man innerhalb der Familie einige klare Grenze ziehen möchte oder die Aufmerksamkeit auf Verdrängung und zementierte Glaubenssätze lenken will. Sich nach wie vor von Dummquatsch zulabern lassen, um bloß gemocht zu werden. Fließend Englisch können, aber am Telefon in der Konferenz keinen Satz herausbringen. Das ist so Ich-Ich. Ich bin ein Zuviel von allem: Melissa Broder´s Toomuchness – Zu laut, zu sensibel, zu störrisch, zu intelligent (verschreckt Männer und Kollegen, stell Dich doof!), zu schnell, zu ambivalent, zu ehrlich, zu extroviertiert und viel zu introviertiert (Mein Buch und ich sind beste Freunde). Wie nehme ich meinen Kindern das Gefühl „ein Zuviel“ zu sein?

Wie sagte mein Französischlehrer, der der Liebling aller schwachen Schüler war, zu mir? „Schüler wie Sie sind der Grund, warum Lehrer sich umbringen!“

Warum will ich geliebt werden und mich gleichzeitig immer verstecken? Sieh mich, aber guck nicht hin.

Wie begräbt man seine Scham? Scham darüber, nicht immer die Mutter zu sein, die man sein will. Scham darüber, Geld aus dem Fenster zu werfen, Scham darüber, das Buch nicht zuende geschrieben zu haben, Scham darüber, nach der Arbeit müde zu sein. Scham darüber, keine Schriftstellerin zu sein, keine Ärztin, den Doktor iur nicht gemacht zu habn,  Scham darüber, neidisch zu sein, Scham darüber, es zu gut zu haben?

Wir müssen uns selbst erkennen und annehmen, um gute Eltern zu sein. Daran glaube ich fest. Die gefährlichsten Eltern sind die, die nicht reflektieren. Und davon gab es ganze Generationen.

 

Wandelhallen-Muse

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Ich war eine Wandelhallen-Muse (nicht Möse, bitte!).

Am Jurafachbereich der FU in Berlin gibt es vor der Bibliothek einen langen, sehr breiten Gang mit Schließfächern und einigen Abzweigungen zu verschiedenen Sälen. Die Wandelhalle.

Ich hatte immer ein Faible für Schönheit, und dort gab es so viele attraktive Menschen auf einen Haufen, dass man Tage nur mit Gucken und Staunen verbringen konnte. Es tat gut, Oberflächen zu betrachten, dabei verbergend, wie unsicher es unter der eigenen aussah. Wo man hinschaute, Schönheit, die sich präsentierte:

Röcke so kurz, das sie kaum den Hintern bedeckten, Brüste prall und fest und garantiert BH-los, Männer mit schwarzen Locken und tiefblauen Augen, eine Halbasiatin, die man auf Plakaten des Fotografen Jim Rakete sah. Madame Céline, halb französisch-jüdisch-deutsch, die auf Französisch die ganze Halle auf charmanteste Weise unterhielt. Ein TV-Serien-Jüngling. Blonde Jungs mit wohl geformten Muskeln. Irgendwie waren wir alle Models oder präsentierten uns zumindest so. Manchmal sah es so aus, als würde nur flaniert, nicht studiert. Der Blick in die Bibliothek offenbarte dann die vielen Fleißigen. Und weil das Examen näher rückte, stiegen Angst und Adrenalin.

Es wurde sich verpaart, geliebt, entliebt, gehasst, im Sommer draußen in der Sonne, im Winter in der Halle. Bänke wurden innen wie außen von den immer gleichen Hähnen besetzt, während die Hühner über den Laufsteg liefen. In der Bibliothek wurden Bücher gewälzt, Papiere beschrieben, Prüfungsschemata gelernt und Blicke ausgetauscht.

Ich stelle mir manchmal vor, wie ich die Treppe heruntergehe in das Café und dort meine alten Freunde und Bekanntschaften treffe. Die Brüder M. und L., mit denen mich das Interesse zur Literatur und ausschweifende Verliebtheiten verband. Die Gruppe der Tennisasse. Der große Ivan, der mir Angst machte. Arne, der sagte, wenn er so einen großen Hintern hätte wie ich, würde er sich nicht in die Uni trauen. Nun, das war gemein. C., der mein E-Mail-Brieffreund wurde und mich durchs zweite Staatsexamen gezogen hat mit seiner tiefen Zuneigung und Furchtlosigkeit. Die Mädelsgang bestehend aus fünfen, die täglich wetteiferte, wer mehr Männer zum Sabbern bringen würde. Lange Nägel, derbe Sprüche, garantiert Achselhaarfrei und glattrasiert. Nichts war jugendfrei, vieles ordinär. Von wandelnden Feuchtzonen war die Rede und von nimmermüden Schwänzen. Gleichzeitig immer wieder von der großen Angst vor der Prüfung aller Prüfungen. Vielleicht muss das so sein zwischen 19 und 24.

Mein Jurastudium war ein Hormonbad (oder richtiger: Hormon-Neurotransmitter-Bad). Oxytocin, Serotonin, Testosteron, Dopamin, Adrenalin.

Mit mir badete Klara, meine Hand haltend, mich vor den größten Spritzern schützend. Klara war mein Halt, meine Ratgeberin, meine Verschworene. Wir konnten uns gestehen, wie groß unsere Angst vor dem Scheitern war. An der Liebe, dem Examen, dem Leben. Wie schüchtern es im Inneren der Wandelhallenmusen aussah.

Nachdem Klara ihr 1. Staatsexamen bestanden und ihre Schulden zurückgezahlt hatte, hat sie sich erhängt. Zuhause im Fenster mit 27 Jahren. Die Wandelhalle wurde grau. Seither habe ich den Jurafachbereich nicht mehr betreten.

Heute, nach 16 Jahren frage ich mich, welche Hähne heute dort stolzieren. Welche Mädchen kurze Röckchen tragen, wer die Bank in der ersten Reihe in Beschlag genommen hat. Und wer in der Bibliothek schwitzt.