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Tag Archives: Arbeitgeber

Weltfrauentag 2016

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Ich bin hundemüde, es wird gezahnt, und es ist Weltfrauentag. Super. Aber jetzt wird es politisch! Uns Frauen geht es in Deutschland sehr gut, wenn wir uns mal in der Welt umsehen. Das sollte außer Frage stehen. Und wir sollten denen dankbar sein, die für unsere Rechte gekämpft haben.

Doch heute zitiere ich mit Verve meinen wunderbaren Frauenarzt, der beruflich so ziemlich alles hört, was Frauen mit Kindern in der Arbeitswelt erleben und der die wenig familienfreundliche Arbeitswelt als Teil der „Verblödung der Gesellschaft“ bezeichnet:

„Wir bilden unsere Töchter bestens aus, und dann kommen sie nicht mehr hinter dem Wickeltisch vor, weil sie entweder Männer haben, deren Arbeit eine ganz deutliche Arbeitsteilung verlangt, weil sie vor, während oder nach der Elternzeit „den goldenen Handschlag“ erhalten haben oder weil sie verdammt noch mal keine Teilzeitstelle finden!“

Akademikerinnen-Sauerbraten. Wir leben in einem Land, das alles hat, bekommen die besten Ausbildungen und sollten gemeinsam für die besten Bedingungen für unsere Familien und unser eigenes Wohl kämpfen! Die aktuelle Glücksstudie verrät: Am besten geht es Frauen mit Kindern in Teilzeitjobs und Frauen, die zuhause bleiben. Waaahnsinn! Können wir uns einfach mal darauf einigen, dass wir die Wahl haben und unsere Wahl uns glücklich machen sollte? Damit das mit dem Auswählen einfacher wird, liebe Arbeitgeber, schenkt uns mehr Teilzeitstellen im Akademikerbereich!

Denn wir leben in Deutschland  auch in einem Land, in dem eine Frau ihre Kinder und gegebenenfalls ihren Teilzeitwunsch in einer Bewerbung besser unerwähnt lassen sollte, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden! Die wenigen Firmen, die anders denken und handeln, bekommen heute von mir einen imaginären Blumenstrauß! Ich hatte 2012 großes Glück, dass eine Internetfirma mich vom Fleck weg einstellte mit Home Office – Möglichkeit  und 33-Stunden-Woche.

Firmen wollen die eierlegende Wollmilchsau (Zitat: „Arbeitsrecht und Kartellrecht machen Sie aber auch, oder?“) und sind zu unflexibel, sich zum Beispiel einfach zwei Juristen (oder eher Juristinnen) reinzuholen, die sich eine Stelle teilen (oder 1,5 Stellen, alles ist denkbar) und mehrere Rechtsgebiete abdecken. Das würde zu mehr Zufriedenheit auf allen Seiten führen.

Um Gegenargumente im Keim zu ersticken: Ja, Mütter wollen auch Zeit mit ihren Kindern verbringen UND Karriere machen. Nein, nicht alle Mütter haben Großeltern und Babysitter greifbar. Nein, nicht alle Kitas haben bis 18 oder 19 Uhr offen. Nein, nicht alle Kinder sind immer gesund, eher im Gegenteil in den ersten zwei Jahren. Ja, Mütter wollen auch Mittagessen und am Nachmittag einen Kaffee trinken, bevor der Tag bis oft spät in die Nacht weitergeht (zahnen und so). Ja, ich kenne drei (!!!) Frauen, die mit zwei kleinen Kindern Vollzeit arbeiten. Alle mit eher flexiblen Männern. Und ja, Selbstmitleid nervt.

In meiner Umgebung sieht das so aus:

Ich kenne keine Frau mit drei Kindern, die mehr als 20 Stunden arbeitet, aber viele Frauen, die gar nicht mehr arbeiten. Ich kenne viele Frauen mit zwei Kindern, die alles ab 30 Stunden als sehr belastend empfinden, weil ihre Männer komplett unflexible Arbeitszeiten haben. Ich kenne rund 40 Frauen, die gerne wieder mehr arbeiten würden, aber keine Teilzeitstelle finden. Ich kenne viele Frauen mit einem Kind, die gut 30 bis 40 Stunden schaffen würden, hätte die Kita entsprechend offen oder könnten sie mehr Home Office machen. Ich kenne die BVG- Chefin Nikutta, die mit 46 ihr fünftes Kind bekommt und danach gleich wieder alles geben möchte. Eine Ausnahme.

Und liebe, zauberhaft süße Ronja von Rönne, ich kenne Dein Posting in der Welt zum letzten Weltfrauentag. Es lässt einen kichern, denn ich mag es, wenn man lustig  austeilen kann. Ich habe mit 23 genauso gedacht. Du wirst die Realität noch kennenlernen!

Scharlach-Schilder und das Sinnlos-Attest

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Während wir bei einer Tasse Tee so über Kinder und ihre Wehwehchen plaudern, erzählt Annette, die Kinderärztin, was sie gar nicht leiden kann. „Wir haben Scharlach“- Schilder!  Ist Scharlach nicht ganz schlimm? Nein, Scharlach ist nicht ganz schlimm und bricht häufig nicht einmal voll aus. Dann ist es eine simple Streptokokken-Infektion. Wenn zwei Kinder einer Gruppe Scharlach haben, bleiben sie zuhause und werden dort behandelt, deshalb hat aber die Kita noch keinen Scharlach. Annette findet, Kitas sollten nur mit großen Zetteln über Krankheiten informieren, bei denen eine Informationspflicht besteht oder die Schwangere gefährden könnten: Darunter fallen Ringelröteln und Masern.

Ebenfalls informiert werden muss über Läuse. Aber auch hier lacht Annette milde: „Was Eltern alles anstellen, wenn es um Läuse geht, ist verrückt!“ Da wird Wäsche ohne Ende gewaschen, es werden Kuscheltiere weggeworfen oder ins Gefrierfach gesteckt.“ Alles Quatsch. Läuse sterben, wenn sie über vier Stunden kein Blut getrunken haben. Es reicht also, das Kuscheltier einfach mal beiseite zu legen. Betroffen sein werden auch nur Mützen, Kissen und Tiere, die zur Schlafenszeit bei den Kindern am Kopf liegen. Läuse halten sich nämlich in der Regel nur auf Haaren auf und wandern von Kopf zu Kopf, wenn Kinder ihre Köpfe zusammenstecken. Eine Katastrophe ist das nicht.

Während ich das schreibe, sehe ich eine Mutter mit Läusephobie vor mir, die wegen eines Läusealarms jeden Morgen nach dem Aussteigen aus dem Auto  vor der Kita ihre Töchter mit einem Läusespray besprühte, obwohl die Kinder läusefrei waren. Davor ist zu warnen: Es handelt sich bei solchen Mitteln oft um Medizinprodukte, die nicht so streng geprüft werden wie Arzneimittel. Enthalten sind  Pyrethrine, die die Tiere abtöten, aber auch bei Menschen zu Nebenwirkungen führen können. Andere Produkte basieren auf Kokosöl und Silikon und sollen bewirken, dass die Atemöffnungen der Läuse verstopfen. Diese Mittel kann man als Shampoo zur Abtötung benutzen, muss dann aber prüfen, ob wirklich alle Läuse erwischt wurden oder noch Nissen vorhanden sind. Wer das Zeug schon mal in die Haare geschmiert hat, weiß, dass man das Öl tagelang nicht richtig rausbekommt. Eklig, aber halb so wild.

Als bei uns die Maul- und Klauenseuche (aka Hand-Mund-Fuß-Virus) nach einer Woche wieder vorbei war, und ich mit den letzten Pusteln im Mund wieder an meinem Schreibtisch saß und gerade einen Vertrag fertig schreiben wollte, klingelte das Telefon. Es war die Kitaleiterin. Ich möge bitte sofort kommen, Julian wirke „irgendwie krank“. Zuhause war Julian dann putzmunter, und ich pflaumte die Kitaleitung an, mich bitte nicht noch mal anzurufen, wenn mein Kind nichts habe. Ihre Erklärung: Sie habe seinen Schnuller nicht gefunden und konnte ihn nicht beruhigen. Langsam aber sicher wurden wir alle hysterisch: Die Eltern gesunder Kinder verdächtigten die Eltern anderer Kinder, ihre Blagen krank abzugeben, andere verdächtigten die Erzieher, selbst die Viren einzuschleusen, der nächste spricht von mangelnder Hygiene. Ich begann, jedes Kind zu verfluchen, das mit gelb-grüner Rotze unter der Nase durch die Kita lief. Ekelhaft! Und die Kitaleitung versuchte, die berühmte Attest-Regel einzuführen. Kennen Sie die?

Die Attest-Regel besagt, dass Sie mit Ihrem Kind, wenn es endlich wieder gesund ist, zum Arzt gehen müssen und sich die Kitaeignung bestätigen lassen müssen. Das ist natürlich hirnverbrannt. Denn was fragt denn der Arzt die Mami? „Ist Ihr Kind noch krank? Hat es Fieber? Nein? Dann kann es wieder in die Kita gehen!“ Bitte schön, hier ist der Wisch. Manchmal kommt man gar nicht erst vor bis zum Arzt, denn der beschäftigt sich  – und das ist ja auch richtig so – mit den Kindern, die wirklich krank sind. Da macht das dann die Assistentin, und der Arzt unterschreibt nur schnell. Ich habe auch schon von unterzeichneten Vordrucken gehört, auf denen die Eltern nur das Datum nachtragen müssen. Ärztin Annette nickt fortwährend, während ich eine kleine Brandrede wider den Unsinn halte. Das Attest ist sinnlos. Völlig. Ein hilfloser Versuch, Kitakrankheiten im Zaum zu halten. Besonders wichtig finden manche Eltern und Erzieher das Attest bei Durchfällen. Na, toll. Da sage ich dann wahrheitsgemäß zu dem genervten Arzt: „Nein, Emma hat heute noch nicht weich gekackert! Der Durchfall scheint vorbei zu sein!“, bekomme das Schreiben, gebe das Kind in der Kita ab und  – pppffft- rummms- ist die Windel samt Body und Röckchen wieder voll.

Ärzte können nicht hellsehen, sie verlassen sich auf das, was wir Eltern ihnen sagen. Ärzte bekommen pro gesetzlich versichertem Kind und Quartal eine Pauschale und finden es in der Regel nicht witzig, gesunde Kinder vorgeführt zu bekommen. Selbst bei den Läusen ist die Regelung eigentlich albern: Denn, wenn die Mutter eine Laus übersieht, kann das auch dem Arzt  passieren. Wir gehen also mit gesunden Kindern zum Arzt, können immer noch nicht ins Büro, ernten komplettes Unverständnis („Äh, ja, Sina ist gesund, aber ich sitze mit ihr beim Arzt!“) und halten dort den gesamten Betrieb auf.

Annette erzählt aus dem Praxisalltag folgende, geradezu groteske Geschichte: „Da sitzen 20 kranke, wartende Kinder in der Praxis, denen ich helfen möchte, und es stürmen drei aufgeregte Mütter rein: „In unserer Kita gibt es Scharlach! Wir möchten, dass unsere Kinder auf Scharlach getestet werden“! Völlig verdattert fragte die Ärztin die Mütter warum. Die Antwort: „Wir wollen wissen, ob die Kinder auch Scharlach haben, damit sie gleich ein Antibiotikum bekommen!“ Na, geht es noch? Ich glaube, es hackt! Da soll ein Test an einem symptomfreien Kind gemacht werden?“ Annette lacht schallend: „Und dann ist der Test positiv und was mache ich? Ein gesundes Kind behandeln?“ Ganz sicher nicht. Streptokokken hat fast jedes Kind von Zeit zu Zeit oder auch als Dauerbesiedlung in der Mund- und Nasenschleimhaut. Deshalb würde man nicht vorbeugend gegen Scharlach behandeln, zumal die Krankheit sich nicht immer in voller Blüte zeigt. Da fragt man sich doch ein wenig, was sich solche Eltern denken? Wofür ist der Arzt da? Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse? Würde man der Krankenkasse solche Kosten aufbrummen, wäre das ein glatter Kassenbetrug.

Zum Glück sind die Kitas meiner Kinder alle so vernünftig gewesen, dann doch Abstand zu nehmen, von den Blödsinns-Attesten. Sind Ihre Kitas nicht so vernünftig, liebe Eltern, tut Euch zusammen und kämpft gegen den Quatsch an.

Jetzt naht der zweite Kitawinter, und ich denke mit einigem Abstand: Die Seuchenzeit gehört dazu. Ein Kind erwischt es mehr, das andere weniger. Manche Eltern strotzen dem Virenbomardement, andere eben nicht. Manch einer hat verständnisvolle Auftraggeber und Arbeitnehmer („Ja, kennen wir auch!“), mancher kämpft nicht nur mit der Grippe, sondern auch noch mit ausgemachten Arschlöchern („Geben Sie Ihr Kind doch zur Oma!“, „Also, mein Kind/Enkel/Patenkind/Nachbarskind ist nie krank!“). Und alle müssen da durch. Irgendwie.

Und jetzt habe ich noch gar nicht erzählt, dass es noch ganz andere Kitaflüche gibt. Was, Sie denken ich komme ihnen wieder mit Läusen? Haha, das ist gar nichts! Hatten Sie schon mal Würmer? Nein? Dann empfehle ich Ihnen die ersten Seiten des Buchs „Schoßgebete“ von Charlotte Roche.  Juckt es schon? Naja, Sie haben ja bestimmt Tesafilm zuhause. Und wenn Sie immer noch nicht genug haben, schlafen Sie einfach mit Ihren Gören in der Jugendherberge (wahlweise dem Astoria in New York) und bringen Sie ein paar Bettwanzen mit nach Hause – so wie der Papa von Mia, der heute noch davon erzählt wie die ganze Wohnung auf 60 Grad erhitzt werden musste, um das räudige Volk auszuräuchern. Natürlich musste die ganze Familie inklusive Katzen und Hund ausziehen für den Zeitraum.

Als die Seuchenzeit im April vorbei war, gönnte ich mir einen Kinobesuch. Der Kinositz war unbequem. Ich bekam einen Hexenschuss und konnte mich eine Woche lang kaum bewegen. Meinen Arbeitgeber hat es nicht gefreut, denn er hatte gehofft, nun mal eine Weile auf mich zählen zu können. Ich war aber zum ersten Mal krank, ohne dabei noch ein oder zwei Kinder betreuen zu müssen. Da nimmt man die Schmerzen und die täglichen Spritzen in den Rücken ja schon fast als Geschenk an.

Kitakrankheiten oder: Die Hölle ist los!

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Huhu, jetzt möchte ich Ihnen mal so richtig Angst einjagen! Setzen Sie sich lieber hin oder halten Sie sich am nächstbesten Türrahmen fest:

Haben Sie eine Arbeit, die Sie lieben? Wollen Sie Ihr Kind mit einem Jahr in die Krippe geben? Passen Sie auf, die Strafe folgt auf den Fuß! Oder besser: Auf die Hand, den Mund und den Fuß!

Na, gut, es gibt verschiedene Ausprägungen der Hölle: Als wir Kind 1, also Leonard, in den Kindergarten gaben, war er neun Monate alt, und er mag hier und da ein wenig verschnupft gewesen sein, sehr viel mehr passierte nicht. Bei ihm! Es ging mir zeitweise so dreckig, dass mein Partner mich am liebsten auf die Straße gesetzt hätte: Rotze, Husten, Heiserkeit in einem Ausmaß wie ich es noch nicht gekannt hatte. Dazu eine immerwährende Nasennebenhöhlenentzündung und eitrige Seitenstränge (das ist da hinten im Hals und tut weh beim Schlucken, gerne bei Leuten, die keine Mandeln mehr haben). Ich schluckte fleißig Antibiotika und Aspirin Complex (da ist wenigstens ein bisschen Ephedrin-Wachmacher drin), um überhaupt mein Kind in die Kita bringen zu können. Da musste es schließlich hin, damit ich mich mal ins Bett legen konnte.  Meine Ärztin wollte mich an den Vitamintropf legen, aber ich hatte keine Kraft, überhaupt dort hinzufahren. Denn entweder arbeitete ich irgendwie, oder ich lag im Bett. Arbeiten musste ich verdammt viel, denn es fehlte Geld, und mein Mann war gerade dabei, sein Geschäft aufzubauen.

Bevor ich ein eigenes Kind bekam, hatte ich mit Kindern wenig am Hut. Es scheint, dass mein Körper seit der eigenen Kindergartenzeit keinerlei Kontakt zu den Viren- und Bakterienmonstern mehr gehabt hatte, die mein – erstaunlich gesundes – Kind bevölkerten. Mein Sohn war bis auf einen Schnupfen fit, und ich lief herum wie der Tod auf Socken. Natürlich dachte ich, dass ich Krebs, Multiple Sklerose oder Aids habe, aber alle Tests waren negativ. Irgendwann traf ich auf eine Mutter, die mir sagte, bei ihr seien die ersten beiden Kitawinter ihrer Tochter auch ein einziger Totalausfall gewesen – für sie.

Das reicht Ihnen schon? Jetzt geht es aber munter weiter: Als Kind Nr. 2 kam, also Julian, war ich angestellt. Um nicht allzu lange in der Firma auszufallen, kam Julian mit elf Monaten in die Krippe. Dort wurden nach und nach alle Kinder eingewöhnt, da die Einrichtung neu gegründet worden war. Morgens fuhren wir den Großen in Kita 1 und den Kleinen in Kita 2. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Nicht-Eltern gar nicht wissen, dass Eltern morgens schon  90 % ihrer Energie verbraucht haben, bevor sie ins Büro kommen. Stimmt. Bis Kind 1 seine Anziehsachen angezogen hat, ist Kind 2 wieder eingeschlafen. Ich weiß nicht, wie Eltern mit drei oder noch mehr Kindern das machen, wenn beide arbeiten. Aber zurück zu dem eigentlichen Thema – sitzen Sie endlich?

Der vergangene Winter, also der 1. Winter von Julian in der Krippe, war ein Seuchenwinter. Julian war – ohne Witz – eine Woche halbwegs gesund und daraufhin wieder zwei Wochen krank, eine Woche gesund, zwei Wochen kränklich. Julians Papa hatte fast durchgehend Aufträge und verwies mich gerne darauf, ich sei ja angestellt und könne „ja wohl mal fehlen“, woraufhin ich ihm stets erklärte, „er sei schließlich selbstständig und könne flexibel auf die Krankheiten seines Kindes eingehen“. Wir hatten alles. Und dieses Mal erwischte es sogar zwei Mal den Großen. Ich kann gar nicht so genau sagen, was es war, aber es war alles eklig, schleimig, pickelig und langwierig, manches stank bestialisch, und die meisten Nächte betrugen weniger als drei Schlafstunden am Stück. Kein Wunder, dass viele Mütter (und auch Väter) ständig krank sind, heißt es doch, Schlaf sei neben gesunder Ernährung  und Sport das wichtigste, um das Immunsystem zu stärken. Wann schlafen wir denn, wenn wir arbeiten und gleichzeitig nachts ständig wach sind? Da landen wir dann ganz schnell bei dem Buch „Die Alles-ist-möglich-Lüge“ von Susanne Garoffsky und Britta Sembach, das sie lesen sollten, wenn sie sich als Mutter oder Vater ständig am Rande oder mitten in der Erschöpfungsdepression bewegen, aber das ist eine andere Geschichte…

Also, da ich nun also angestellt war, konnte ich mich tagsüber nicht mehr hinlegen, wenn ich nachts wach war. Ich ging am Stock. Julian wurde und wurde nicht richtig fit. Wir mieden unsere liebe Kinderärztin, wo wir nur konnten, denn die meisten Krankheiten können Eltern wohl auch ohne Arzt richtig einschätzen, und wenn man irgendwo krank wird, dann wohl erst recht beim Kinderarzt. Wenn wir dann aber doch mal zum Arzt gingen, trafen wir meist die halbe Kita im Wartezimmer. Die andere Hälfte der Kinder hing bleich in der Kita herum, wo dann – passend – die Hälfte der Erzieher fehlte. Traf man sich im Supermarkt, konnte man schon an den Gesichtern erkennen, wo Grippevirus und Magen-Darm jetzt gerade angekommen waren. Wir erzählten uns von Kotze, durchgekackten Windeln, nächtlichen Erstickungsanfällen (Krupp), zeigten uns gegenseitig eigenartige Fotos der Ausschläge unserer Kinder und verglichen Hustenarten. Am schlimmsten traf es einen Vater, bei dem sich das Hand-Mund-Fuß-Virus tatsächlich auf seine Füße und Fußnägel gesetzt hatte und dort so fröhlich feierte, dass er im Krankenhaus vorstellig wurde. Dabei sind Erwachsene sonst meist gefeit vor dem Zeug.

Per Mail schrieb ich ins Büro die Textbausteine: „Kind 2 ist krank.“, „Ich bin krank.“ oder, seltener: „Kind 1  ist auch krank.“  Gerne auch alles gleichzeitig. Manchmal mit Tränen der Scham in den Augen. Ich habe mich noch nie so unwohl bei der Arbeit gefühlt, wie in diesem ersten Kitawinter. Ich dachte jeden Tag, meiner Vorgesetzten und meinen Kollegen würde der Geduldsfaden reißen. Erleichternd wirkten ein ebenfalls sehr oft hustender Vater und eine Mutter mit häufig krankem Kind. Zur Weißglut brachten mich Menschen, die mich ansahen und sagten:  „Also, wir/ich/unsere Kinder sind/bin nie krank!“ Schön für Dich!! Toll! Also, wir waren im Eimer.

Ich organisierte zwei Babysitterinnen zum Preis meines Teilzeitgehalts, die auch vormittags konnten, und auf mein krankes Kind (wahlweise auch auf das zweite oder auf mich) aufpassten. Die waren dann natürlich auch dauernd krank, halten ja nichts mehr aus, die jungen Leute! Am robustesten erwies sich noch die 80jährige, schlecht sehende Oma der beiden Jungs.

Mein Mann und ich diskutierten mit den Erzieherinnen um jede Minute Kindergartenzeit. „Krank?! Nein, nein, Julian ist nicht krank!!! Er tut nur so!“ Ich erinnere ich an einen Tag als ich flehte, man möge Julian nehmen trotz der „Drei-Mal-Weiches-Kacka-Regel“, weil die Babysitter krank waren, die Großmutter im Krankenhaus und der Kindsvater im Studio. In der Firma hatten sich die Wirtschaftsprüfer angekündigt. Die Kacka-Regel besagt, dass man sein Kind zuhause lassen muss, wenn es drei Mal an einem Tag Durchfall hat. Während die eine Erzieherin bereits von Durchfall spricht, wenn der Stuhl weich ist, ruft die andere erst an, wenn es durchsuppt. Ehrlich. Und bevor mich nun jemand in die Rabenmutterecke stecken möchte: Nein, ich habe keines meiner Kinder je mit Fieberzäpfchen versehen in die Kita gesteckt. Das sollen aber angeblich andere Eltern machen, erzählt man sich so. Ich kenne das aus Frankreich. Dort knallte man jahrelang schon Kleinkindern bei leichten Erkältungen ein Antibiotikum rein, weil es eben selbstverständlich ist, dass Frau arbeitet. Also gibt man Kindern schnell Medikamente, um sie um Himmelswillen in die Krippe bringen  zu können. Auch nicht alles gut, bei den Nachbarn, im Gegenteil! Vielleicht ist man dort inzwischen aber so wie hier in Deutschland wesentlich zurückhaltender bei der Verschreibung von Antibiotika geworden.

Eine befreundete Berliner Kinderärztin, nennen wir sie hier Annette, sagt deutlich: „Ein Kind, das sich nicht wohlfühlt, bleibt zuhause. Ein Kind, das eine Temperatur von über 38,5 Grad hat, bleibt zuhause und zwar bis 24 Stunden nach dem letzten Fieber.“  „Es sei denn“, fügt sie hinzu, „das Fieber hielt nur wenige Stunden an.“ Durchfall betrachtet sie eher gelassen: „Wenn der Durchfall nicht zu häufig und sehr, sehr flüssig ist, kann ein Kind mit Durchfall auch in die Kita. Der Durchfall ist, wenn kein Fieber besteht, meist kein Krankheitszeichen mehr, sondern nur noch eine sekundäre Reaktion auf die Krankheitskeime, die den Darm gereizt haben.“ Das heißt, oft klingt eine Kinderkrankheit mit Durchfall aus, und es besteht gar keine Ansteckungsgefahr mehr.

Als bei uns in der Kita   Hand-Mund-Fuß ausbrach, blieb ich ruhig, denn im Netz kann man überall lesen, dass es halb so schlimm ist und oft nach drei Tagen vorbei. Als Julian erste Bläschen im Mund hatte, wiegelte ich ab. Nein, das kann nicht sein. Nicht mein Kind. Die Erzieherin, deren Mund auch schon Blasen schlug, schickte mich zum Kinderarzt. Der konnte nichts erkennen und schickte Julian zurück in die Krippe. Ich triumphierte! Nachts machte mein Kind kein Auge zu: Der ganze Mund war  nun voll von dem Dreck! Vorwurfsvoll führte ich mein  Kind wieder in der Kinderarztpraxis vor. Man überdachte die Diagnose von gestern und attestierte meinem Baby „Coxsackie“. Toll, ich saß wieder zuhause und schmierte mir – da waren jetzt auch Pusteln am Zahnfleisch –  und meinem Kind eine grüne Paste in den Mund, die überhaupt nicht half. Das Schmieren wurde mit Schreien quittiert.

Annette, die selbst drei kleine Kinder hat, erklärte mir: „Ich kläre alle Eltern auf, dass es bei  kleinen Kindern zwei Hauptdiagnosen gibt und die lauten „erstes Kitajahr“ und „zweites Kitajahr“. Die Diagnosen stehen symbolisch dafür, dass sich Kinder nach Eintritt in die Kita mit neuen Keimen auseinandersetzen und  sich das Immunsystem mit allen Keimen auseinandersetzt, was sehr positiv gegen die Entstehung von Allergien wirkt. „Eltern, die darauf vorbereitet sind, denen geht es besser. Denn Arbeitgeber geben Eltern ja gerne mal das Gefühl, dass nur ihr Kind dauernd krank ist. Normal ist durchaus, dass ein Kind eine Woche gesund und eine Woche krank und die nächste noch schlapp ist und das über den ganzen Winter.“ Man könne es nicht oft betonen, da das schlechte Gewissen schon so manche Mutter in den burn-out gejagt hat:   NORMAL! ALLES VÖLLIG NORMAL!     Tja, und was ist mit den Eltern? Die Ärztin sagt: „Eltern selbst stecken sich heute leicht an, da wir nicht mehr in Großfamilien leben, wo seit Jahren die Keime zwischen den Familienmitgliedern zirkulieren, sondern wir Erwachsenen werden mit dem Eintritt unserer Kinder in die Kita oft das erste Mal selbst wieder mit der wilden Welt der Keime konfrontiert werden.“ Das heißt: Abends küsst uns das Baby und es hat eine neue Überraschung mitgebracht.

Bezüglich Coxsackie gruselt uns  Annette dann jetzt ein bisschen. Das Virus weist sehr viele Unterstämme auf, und man kann sich  mit jedem einzelnen davon anstecken. Die Krankheit tritt bei manchen Kindern als Herpangina im Mundraum auf, bei anderen Kindern befällt sie eher Hände und Füße, aber auch die Genitalien. Oder alles zusammen. In seltenen Fällen kann die Krankheit bei Erwachsenen Böses bewirken kann: Nägel können ausfallen, oder man verschleppt den Infekt, weil man wochenlang schlapp und mit Bläschen im Mund zur Arbeit rennt, und bekommt wohlmöglich eine Myokarditis. Während sie mir das erzählt, und ich nach Luft schnappe, sagt sie: „Ok, wir wollen den Eltern mal keine Angst machen. Normaler Weise ist das alles nicht weiter schlimm.“ Sie empfiehlt aber allen Eltern, auf ihre eigene Gesundheit zu achten und Vorwürfe des Arbeitgebers („Gerade war noch ihre Tochter krank und jetzt Sie??!?“) so gut wie möglich zu ignorieren. Es hilft niemandem, wenn aus der Erkältung eine Lungenentzündung, eine Herzmuskelentzündung oder Asthma wird. Sowohl die Ärztin als auch ich berichten hier aus eigener leidvoller Erfahrung. So denn: Wer sich bei seinem Kind ansteckt, ist oft schlimmer dran als das Kind und schone sich!

Andererseits warnt Annette davor,  dass Kinder aus der Kita genommen werden, weil Kitaleitungen das so anordnen, obwohl es ihnen gut geht. Selbst mit einem Cocksackibläschen und ohne Fieber kann ein Kind am Kitatag teilnehmen, wenn es nicht beeinträchtigt ist. Die Viren sind zwar hochansteckend, wenn das Kind aber die ersten Bläschen bekommt, war es vorher bereits tagelang als Virenschleuder unterwegs. Wer dann noch nicht verseucht ist, wird es wohl auch nicht mehr.

 

Boreout

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Ein Bekannter von mir gab mit 30 Jahren seinen Beamtenjob auf, um eine  Tätigkeit in der Wirtschaft aufzunehmen. Gefragt, warum er die Sicherheit seines Arbeitsplatzes aufgebe, sagte er: „Ich habe den ganzen Tag Akten von links nach rechts geschoben. Ich bin vor Langeweile fast gestorben.“ Zum Glück nur fast.

Ich halte das für ein sehr häufiges Phänomen und natürlich sind nicht nur Beamte davon betroffen (von denen einige auch ordentlich zu tun haben)! Vor allem von Müttern, die sich in Teilzeit unter Wert verkaufen müssen, höre ich immer wieder, dass ihre Arbeit sie nicht genug fordert. Zwar erledigen die meisten von ihnen in 25-30 Stunden das, wozu andere 40 Stunden und mehr brauchen, doch bleiben sie von den interessanten Tätigkeiten oft ausgeschlossen. Während für manche Routine Sicherheit und Glück bedeutet, brauchen andere permanete Herausforderungen.

Ich selbst habe gemerkt, dass meine Fehlerquote steigt, je einfacher eine Tätigkeit ist. Ich bin gut, wenn ich mir Neues erarbeiten kann. Das löst, wenn der Zeitdruck nicht allzu groß ist und ich die Möglichkeit habe, mich zu konzentrieren, Glücksgefühle aus.

Ich halte den viel zitierten Burn out für die schicke Beschreibung einer  Erschöpfungsdepression. Ein Modebegriff, der andeuten soll, dass nicht etwa innere Faktoren oder gar Langeweile die Kerze zum Erlöschen gebracht hat, sondern die schlimmen Anforderungen des Jobs. Da steht man dann irgendwie tapfer und als Weltretter da.

Sinnloses „Für – die – Tonne- Arbeiten“  oder nicht anerkanntes Arbeiten erschöpfen mehr, als alles andere. Der Betroffene fühlt sich leer und traurig, fehl am Platz und hinterfragt den Sinn oder Unsinn seines Tuns. Die 20/30/40 oder 50-Stunden-Woche wird abgesessen, die Minuten vergehen wie Stunden. Natürlich möchte der vom Bore-Out Betroffene nicht auffallen, also kompensiert er die Langeweile damit, besonders beschäftigt zu wirken. Ein ehemaliger Kollege von mir, der von morgens früh bis abends spät im Büro saß, da er nach dem Prinzip „Wer das Licht ausmacht, wird befördert“ lebte, bestellte in seiner Arbeitszeit bei Amazon, sah sich Filme an, surfte im Netz. Alles sichtbar für mich durch die Spiegelung in der Glasscheibe. Aber Hauptsache, man sieht angestrengt aus dabei. Ein erfahrener Wirtschaftsboss wies mich 2002 an, ich möge doch bitte die Zeitung unter dem Tisch lesen, wenn ich Karriere machen wolle. Es müsse ja keiner wissen, dass ich mit meiner Arbeit fertig sei. Ja, wie krank ist das denn?

Würden wir in einer Arbeitswelt leben, in der nur das Ergebnis zählt, nicht aber die Anwesenheit, würde es vielleicht leichter fallen, auf den geistigen Leerlauf hinzuweisen. Der Chef könnte dann einfach sagen: „Ja, ich weiß, dass im Moment nicht so viel anfällt. Gehen Sie nach Hause, genießen sie den Tag. Es wird wieder mehr werden.“ Davon sind wir aber weit entfernt. Bis dahin heißt es für viele: Still sitzen. Mund halten und vom Sofa zu Hause träumen.