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Tag Archives: Berlin

Domäne Dahlem – die Entromantisierung

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Wir wohnen nahe der Domäne Dahlem. Die Domäne war die Höhle, das Abenteuerland meiner Kindheit. Es gab Pferde, die man pflegen durfte, wenn man großes Glück hatte. Zwei Kühe, denen man den Arsch mit Arschkratzern reinigen musste, eine hieß Sternchen. Es war dreckig, staubig, wilde Blumen wucherten. Zunächst stand auf dem zur Domäne gehörenden Feld ein unentwegt blinkender Sendemast. Ich benutzte das Leuchten als Einschlafhilfe: „Augen auf – blink – Augen zu – blink“. Heute gibt es den Mast nicht mehr, aber überall Wege, Verbots- und Erklärschilder, Gitter, Zäune und Wegzoll. Wir sammelten über Jahre Stimmen und Unterstützer, damit das Feld nicht mit Häusern bebaut wurde, und jetzt ist es in der Hand eines übereifrigen Vereins:

Ja, Ihr habt richtig gehört:

Die Domäne wurde vor Jahren umzäunt und nun findet häufig an den Wochenenden ein irgendwie benanntes Fest statt, das Spaziergängern wie uns Geld abverlangt, um fettige Bratwürste essen zu dürfen und schlechte Musik zu hören. Die teuren SUV, Mercedes, Porsche und Audis parken bis weit in die Thielallee hinein. Heute kann man dort Kindergeburtstage buchen. Unfassbar. Ein Fest für Kinder buchen. Davon abgsehen, dass die Feste natürlich Spaß machen, ist die Dekadenz von uns Eltern schon ein bisschen tralalala.

Die Domäne ist zur Kirmes geworden. Bio hin, Bio her. Der Käse ist eh viel zu teuer. Die Törchen am Ende des Feldes, am U-Bahn-Hof Podbielskiallee wurden so gebaut, dass Eltern mit Kinderwagen quasi keine Chance haben, sich ohne Hilfe auf das Feld zu begeben. Und das ist auch gut so, denn es ist eh immer viel zu voll! Voll, voller am vollsten. Alle gut betuchten Bugaboo – Mamis mit ihren Finkid-Kindern müssen natürlich auf die Domäne gehen (dafür ist der Finkid-Anzug ja schließlich da!). Am besten täglich.

Früher waren wenig Kinder dort und ein paar verstreute Spaziergänger und natürlich Zorro und Hoffmann. Zorro war eine Hundedame, die uns Kinder boshaft anknurrte, aber anfing zu tanzen, wenn sie Auto fahren durfte oder man sie unter den Achseln kraulte. Obwohl sie einen Männernamen trug, warf sie ein Mal im Jahr kleine Bastarde. Einer war Hoffmann, der seine Mutter über viele Jahre aufs Feld zum Streunen begleiten würde. Eigentlich war er mein Hund, aber meine Eltern wollten ihn nicht adoptieren. Meine Freundinnen und ich bauten Verstecke, schlenderten heimlich über die anliegenden Grundstücke, stellten verliebt den Jungs hinterher, lagen im Gras und schwänzten die Schule.

Das Gras war so hoch, dass niemand einen sah. Jetzt ist die Wildheit gezüchtet, gewollt, unecht. Ich zahlte heute 3,00 EUR Eintritt, um mit meinen Kindern auf ein Fest namens Frühlingsfest zu gelangen, wo es dann nur Essen und Trinken zu fürstlichen Preisen zu erwerben gab. Ein Crepes mit Schokosoße – es war nicht mal Nutella! – für 4 EUR. Nein, das ist nicht mehr meine Domäne.

Wandelhallen-Muse

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Ich war eine Wandelhallen-Muse (nicht Möse, bitte!).

Am Jurafachbereich der FU in Berlin gibt es vor der Bibliothek einen langen, sehr breiten Gang mit Schließfächern und einigen Abzweigungen zu verschiedenen Sälen. Die Wandelhalle.

Ich hatte immer ein Faible für Schönheit, und dort gab es so viele attraktive Menschen auf einen Haufen, dass man Tage nur mit Gucken und Staunen verbringen konnte. Es tat gut, Oberflächen zu betrachten, dabei verbergend, wie unsicher es unter der eigenen aussah. Wo man hinschaute, Schönheit, die sich präsentierte:

Röcke so kurz, das sie kaum den Hintern bedeckten, Brüste prall und fest und garantiert BH-los, Männer mit schwarzen Locken und tiefblauen Augen, eine Halbasiatin, die man auf Plakaten des Fotografen Jim Rakete sah. Madame Céline, halb französisch-jüdisch-deutsch, die auf Französisch die ganze Halle auf charmanteste Weise unterhielt. Ein TV-Serien-Jüngling. Blonde Jungs mit wohl geformten Muskeln. Irgendwie waren wir alle Models oder präsentierten uns zumindest so. Manchmal sah es so aus, als würde nur flaniert, nicht studiert. Der Blick in die Bibliothek offenbarte dann die vielen Fleißigen. Und weil das Examen näher rückte, stiegen Angst und Adrenalin.

Es wurde sich verpaart, geliebt, entliebt, gehasst, im Sommer draußen in der Sonne, im Winter in der Halle. Bänke wurden innen wie außen von den immer gleichen Hähnen besetzt, während die Hühner über den Laufsteg liefen. In der Bibliothek wurden Bücher gewälzt, Papiere beschrieben, Prüfungsschemata gelernt und Blicke ausgetauscht.

Ich stelle mir manchmal vor, wie ich die Treppe heruntergehe in das Café und dort meine alten Freunde und Bekanntschaften treffe. Die Brüder M. und L., mit denen mich das Interesse zur Literatur und ausschweifende Verliebtheiten verband. Die Gruppe der Tennisasse. Der große Ivan, der mir Angst machte. Arne, der sagte, wenn er so einen großen Hintern hätte wie ich, würde er sich nicht in die Uni trauen. Nun, das war gemein. C., der mein E-Mail-Brieffreund wurde und mich durchs zweite Staatsexamen gezogen hat mit seiner tiefen Zuneigung und Furchtlosigkeit. Die Mädelsgang bestehend aus fünfen, die täglich wetteiferte, wer mehr Männer zum Sabbern bringen würde. Lange Nägel, derbe Sprüche, garantiert Achselhaarfrei und glattrasiert. Nichts war jugendfrei, vieles ordinär. Von wandelnden Feuchtzonen war die Rede und von nimmermüden Schwänzen. Gleichzeitig immer wieder von der großen Angst vor der Prüfung aller Prüfungen. Vielleicht muss das so sein zwischen 19 und 24.

Mein Jurastudium war ein Hormonbad (oder richtiger: Hormon-Neurotransmitter-Bad). Oxytocin, Serotonin, Testosteron, Dopamin, Adrenalin.

Mit mir badete Klara, meine Hand haltend, mich vor den größten Spritzern schützend. Klara war mein Halt, meine Ratgeberin, meine Verschworene. Wir konnten uns gestehen, wie groß unsere Angst vor dem Scheitern war. An der Liebe, dem Examen, dem Leben. Wie schüchtern es im Inneren der Wandelhallenmusen aussah.

Nachdem Klara ihr 1. Staatsexamen bestanden und ihre Schulden zurückgezahlt hatte, hat sie sich erhängt. Zuhause im Fenster mit 27 Jahren. Die Wandelhalle wurde grau. Seither habe ich den Jurafachbereich nicht mehr betreten.

Heute, nach 16 Jahren frage ich mich, welche Hähne heute dort stolzieren. Welche Mädchen kurze Röckchen tragen, wer die Bank in der ersten Reihe in Beschlag genommen hat. Und wer in der Bibliothek schwitzt.

Nutten gucken

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Meine Eltern legten viel Wert auf Bildung. Sie gingen mit mir in Opern, Konzerte und Theaterstücke. Da ich gut lesen konnte, wusste ich früh, was eine Nutte ist. Mein Interesse für die Halb- und Schattenwelt war geweckt. Wenn wir spät abends mit Papas Auto durch West Berlin fuhren, bat ich meinen Vater immer, die schöne Straße des 17. Juni entlang zu fahren. Dann schaute ich aus dem Fenster und staunte: Diese Damen, diese Strapse! Die Torpedofrisuren! Diese Schuhe, Mama Mia! Verzückt-angeekelt-verzaubert-juchzend brauste ich mit meinen Eltern durchs Dunkle und sah die Damen unter den Laternen. Eben: Nutten gucken!

Ich glaube, ich wäre eine gute Puffmutter.

Mutti on the road

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Am Samstag hatte ich es eilig. Die Frau vor mir im Auto nicht. Ich fluchte: „Jetzt fahr doch endlich, Du bescheuerte Mutti!“ Prompt kam von Kind Nr. 2, das immer noch zwei Jahre ist: „Mama, bisdu auch eine gescheuerte Mutti?“ „Nein, nein, mein Sohn. Ich bin nicht bescheuert. Und eigentlich sollte ich auch nicht so über andere Frauen sprechen.“

Tag 3 nach dem Vorfall. Von hinten im Auto: „Mama sindda wieda gescheuerte Muttis?“

Weltfrauentag 2016

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Ich bin hundemüde, es wird gezahnt, und es ist Weltfrauentag. Super. Aber jetzt wird es politisch! Uns Frauen geht es in Deutschland sehr gut, wenn wir uns mal in der Welt umsehen. Das sollte außer Frage stehen. Und wir sollten denen dankbar sein, die für unsere Rechte gekämpft haben.

Doch heute zitiere ich mit Verve meinen wunderbaren Frauenarzt, der beruflich so ziemlich alles hört, was Frauen mit Kindern in der Arbeitswelt erleben und der die wenig familienfreundliche Arbeitswelt als Teil der „Verblödung der Gesellschaft“ bezeichnet:

„Wir bilden unsere Töchter bestens aus, und dann kommen sie nicht mehr hinter dem Wickeltisch vor, weil sie entweder Männer haben, deren Arbeit eine ganz deutliche Arbeitsteilung verlangt, weil sie vor, während oder nach der Elternzeit „den goldenen Handschlag“ erhalten haben oder weil sie verdammt noch mal keine Teilzeitstelle finden!“

Akademikerinnen-Sauerbraten. Wir leben in einem Land, das alles hat, bekommen die besten Ausbildungen und sollten gemeinsam für die besten Bedingungen für unsere Familien und unser eigenes Wohl kämpfen! Die aktuelle Glücksstudie verrät: Am besten geht es Frauen mit Kindern in Teilzeitjobs und Frauen, die zuhause bleiben. Waaahnsinn! Können wir uns einfach mal darauf einigen, dass wir die Wahl haben und unsere Wahl uns glücklich machen sollte? Damit das mit dem Auswählen einfacher wird, liebe Arbeitgeber, schenkt uns mehr Teilzeitstellen im Akademikerbereich!

Denn wir leben in Deutschland  auch in einem Land, in dem eine Frau ihre Kinder und gegebenenfalls ihren Teilzeitwunsch in einer Bewerbung besser unerwähnt lassen sollte, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden! Die wenigen Firmen, die anders denken und handeln, bekommen heute von mir einen imaginären Blumenstrauß! Ich hatte 2012 großes Glück, dass eine Internetfirma mich vom Fleck weg einstellte mit Home Office – Möglichkeit  und 33-Stunden-Woche.

Firmen wollen die eierlegende Wollmilchsau (Zitat: „Arbeitsrecht und Kartellrecht machen Sie aber auch, oder?“) und sind zu unflexibel, sich zum Beispiel einfach zwei Juristen (oder eher Juristinnen) reinzuholen, die sich eine Stelle teilen (oder 1,5 Stellen, alles ist denkbar) und mehrere Rechtsgebiete abdecken. Das würde zu mehr Zufriedenheit auf allen Seiten führen.

Um Gegenargumente im Keim zu ersticken: Ja, Mütter wollen auch Zeit mit ihren Kindern verbringen UND Karriere machen. Nein, nicht alle Mütter haben Großeltern und Babysitter greifbar. Nein, nicht alle Kitas haben bis 18 oder 19 Uhr offen. Nein, nicht alle Kinder sind immer gesund, eher im Gegenteil in den ersten zwei Jahren. Ja, Mütter wollen auch Mittagessen und am Nachmittag einen Kaffee trinken, bevor der Tag bis oft spät in die Nacht weitergeht (zahnen und so). Ja, ich kenne drei (!!!) Frauen, die mit zwei kleinen Kindern Vollzeit arbeiten. Alle mit eher flexiblen Männern. Und ja, Selbstmitleid nervt.

In meiner Umgebung sieht das so aus:

Ich kenne keine Frau mit drei Kindern, die mehr als 20 Stunden arbeitet, aber viele Frauen, die gar nicht mehr arbeiten. Ich kenne viele Frauen mit zwei Kindern, die alles ab 30 Stunden als sehr belastend empfinden, weil ihre Männer komplett unflexible Arbeitszeiten haben. Ich kenne rund 40 Frauen, die gerne wieder mehr arbeiten würden, aber keine Teilzeitstelle finden. Ich kenne viele Frauen mit einem Kind, die gut 30 bis 40 Stunden schaffen würden, hätte die Kita entsprechend offen oder könnten sie mehr Home Office machen. Ich kenne die BVG- Chefin Nikutta, die mit 46 ihr fünftes Kind bekommt und danach gleich wieder alles geben möchte. Eine Ausnahme.

Und liebe, zauberhaft süße Ronja von Rönne, ich kenne Dein Posting in der Welt zum letzten Weltfrauentag. Es lässt einen kichern, denn ich mag es, wenn man lustig  austeilen kann. Ich habe mit 23 genauso gedacht. Du wirst die Realität noch kennenlernen!

Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

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Angaben zur Personalausstattung einer Kita finden sich im KitaföG in § 11 Absatz II. Dieser besagt aktuell noch Folgendes:

 

 

2) Bei der Personalbemessung für das sozialpädagogische Fachpersonal sollen folgende Grundsätze gelten:

 

1

38,5 Wochenarbeitsstunden pädagogischen Fachpersonals sind vorzusehen

a)

bei Kindern vor Vollendung des zweiten Lebensjahres

  • für jeweils fünf Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sechs Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils acht Kinder bei Halbtagsförderung;

b)

bei Kindern nach Vollendung des zweiten und vor Vollendung des dritten Lebensjahres

  • für jeweils sechs Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sieben Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils neun Kinder bei Halbtagsförderung;

c)

bei Kindern nach Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt

  • für jeweils neun Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils elf Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils 14 Kinder bei Halbtagsförderung.

Für Kinder, die länger als neun Stunden gefördert werden, sind Personalzuschläge zu gewähren.

 

Das heißt, dass für Kinder zwischen 0 und zwei Jahren eine Erzieherin für fünf Kinder, die Ganztagsförderung „gebucht“ haben, zur Verfügung stehen muss. Je nachdem, wie der Gutschein aussieht, lautet der Schlüssel dann aber eben auch 1 : 6 oder 1 : 8.  In Berlin soll er laut Berliner Morgenpost vom 01.03.2016 in Zukunft 1 auf 4,6 lauten. Dann mal los.

Meiner Erfahrung nach sind Kitas ganz scharf auf Eltern mit Gutschein über Ganztagsbetreuung, weil sie sich dann eventuell eine oder eine halbe Erzieherin mehr leisten können und ein Ausfall von Erziehern durch Urlaub oder Krankheit besser abgefedert werden kann. Ich  glaube, dass allein die Erwähnung von voller Berufstätigkeit beider Eltern bei der Bewerbung um einen Kitaplatz, die Wahrscheinlichkeit, den Platz zu bekommen, um einiges steigen lässt. Vollzeit arbeitende Eltern laufen beim Wettlauf um den Kitaplatz sogar Kuchenback-Müttern den Rang ab. Jedes Ganztagskind ist Gold wert, auch für die anderen Kinder, die dann ebenso in den Genuss von mehr Arbeitskraft kommen.

Ich kenne Familien mit Ganztagsplätzen, die zwei bis vier Monate verreist waren nach Geburt des nächsten Kindes – ich spreche hier vom luxuriösen Elterngeld-Urlaub (über den auch schon Bücher geschrieben wurden). Da sponsert der Staat neben dem Urlaub dann auch gleich noch das Freihalten des Kitaplatzes mit. Denn glauben Sie mal nicht, dass das Kind zwischenzeitlich von der Kita abgemeldet wird.

Einen Ganztags-Betreuungsgutschein bekommen Sie übrigens schon dann, wenn zum Beispiel der Vater voll arbeitet, die Mutter aber geltend machen kann, an drei Tagen in der Woche bis in den späten Nachmittag zu arbeiten oder besonders lange Wege zur Arbeit und nach Hause zu haben. Die pure Anzahl an Arbeitsstunden ist hierbei nicht entscheidend. Ich kenne allerdings sehr viele Eltern, die lieber auf den Ganztagsplatz verzichten, um 730 Uhr im Büro stehen (während der Partner das Kind zur Kita bringt) und ihr Kind völlig abgehetzt und fix und fertig um 15 Uhr abholen, weil sie den zusätzlichen Eigenanteil für den längeren Gutschein einsparen wollen. Im Grunde genommen führt der Geiz an dieser Stelle dazu, dass Kitas bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei unflexiblen Öffnungszeiten und einem Personalminimum bleiben können. Besonders schön wird es, wenn die Kinder in der Krippe drei Jahre alt werden und die Erzieher plötzlich Arbeitstunden abgezogen bekommen, da sich der Personalschlüssel ad hoc zuungunsten der nun schon dreijährigen Mäuse ändert. Ein dreijähriges Kind braucht also weniger Aufmerksamkeit als ein zweijähriges?

Ich empfehle hier, sich zu erkundigen, wie viel mehr denn tatsächlich bezahlen müsste für den Ganztagsgutschein. Es verbietet einem ja trotzdem niemand, sein Kind manchmal auch um 15 Uhr abzuholen, doch die eigene Flexibilität wird deutlich größer und der Missmut manch einer Mutter (oder eines Vaters) vielleicht etwas geringer.

Wie sieht es nun tatsächlich aus in Berlin?

Der Tagesspiegel vom 16.01.2015 spricht bezogen auf Berliner Krippen von einem „Personaldebakel“: Die Hauptstadt habe die schlechteste Betreuungsstatistik im Bundesgebiet für die unter Dreijährigen. Auf knapp sieben Kinder gibt es nur einen Erzieher laut Autorin Vieth-Entus. Die Klagen wiederholen sich, man verfolge nur die Artikel der Autorin im Internet. Ganz euphorisch, aber auch unglaubhaft, kommen nun die neuen Versprechen 2016 bis 2018 daher. Ob das Abschaffen des Kitabeitrags der richtige Weg ist? Ich finde, Mittelschichtseltern zahlen heute viel zu viel, nämlich gerne denselben Beitrag wie die Millionärsgattin. Meiner Meinung nach sollte man die Mittelschicht entlasten, die Bedürftigen weiter freistellen (bis auf den Essensbeitrag) und den echten Gutverdienern, sagen wir mal ab einem Familieneinkommen von 100.000 EUR brutto (ausgehend von einem Angstelltenverhältnis), weiterhin den vollen Beitrag zahlen lassen. Ab dem dritten Kind kann dann meinetwegen der Mehrfachkind-Bonus greifen.

Zurück zum Personaldebekal:  Das deckt sich mit unseren Erlebnissen und lässt sich auch mit dem oben zitierten Paragrafen in Einklang bringen. Und nun aufgepasst  – alle lustigen Geschichten und kleinen Pannen, die in diesem Buch Erwähnung finden, beiseite: Das ist das wahre Drama deutscher Kitas und insbesondere Berliner Kitas: ein verdammt schlechter Personalschlüssel! Das beste Betreuungsverhältnis besteht laut Tagesspiegel in Baden-Württemberg. Kein Wunder, dort sollen ja auch die Schulen besser sein als in Berlin. Wer jetzt denkt, dass in anderen Bundesländern mehr Geld ausgegeben wird für Kitas, wird eines besseren belehrt, so schreibt der Tagesspiegel, dass Berlin ungeachtet des schlechten Personalschlüssels mit seinen Ausgaben von 4.600 EUR pro Jahr und Kitaplatz vorne liege. Der bundesweite  Schnitt liege bei 3500 EUR. Das mag daran liegen, dass in Berlin  schon jetzt für die letzten drei Kitajahre die Elternbeiträge entfallen.

Wer es auch bitter findet, wenn kleine Kinder über Stunden ab Tag um die Aufmerksamkeit der wenigen Erzieher buhlen müssen, für den lohnt sich dann eventuell doch wieder ein Blick auf eine Kita mit Zuzahlungen, wenn diese Zuzahlungen eindeutig zu einem besseren Personalschlüssel führen. Kleiner Tipp: Viele Kitas halten sich mit Praktikanten über Wasser, informieren Sie sich also, wer zum Fachpersonal gehört und wer nicht.

Fachpersonal sind staatlich anerkannte Erzieher, Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagogen, Bachelor-Frühpädagogen/Kindheitspädagogen, Erzieher mit Mono-Bachelor in Erziehungswissenschaft und im Einzelfall durch die Kitaaufsicht anerkannte Fachkräfte. Im Bereich der Betreuung von Kindern mit Behinderungen kommen weitere Fachkräfte wie zum Beispiel Heilpädagogen hinzu.

Das Land Berlin beteiligt sich an den Kosten und der Einrichtung neuer Kitas, deshalb sind Neugründungen in Berlin gerade beliebt. Mein Rat lautet, man möge sich genau nachweisen lassen, wofür Zusatzbeiträge genutzt werden, sie sind nämlich nicht dazu da, die Kita einzurichten, es sei denn, von den Eltern wird die Finanzierung außergewöhnlicher Dinge gewünscht und geklärt, dass dies über Zusatzbeiträge bewältigt werden soll. Ich sehe hier gerade zehn nackte Hosenscheißer schwitzend in der Sauna sitzen.

Erzieher, die in den staatlichen Kita-Eigenbetrieben angestellt sind, werden in Berlin nach dem Tarifvertrag TV-L vergütet. In der Regel verdienen Erzieher in nicht staatlichen Kitas eher weniger– oft ist von 15 % Gehaltsunterschied die Rede, was aber unter Umständen durch großzügige Renten, Weihnachtsgeld oder andere Leistungen wettgemacht wird. Mir sind auch Erzieherinnen bekannt, die sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln – lassen wir einmal außen vor, dass eine Befristung ohne Sachgrund grundsätzlich nur für die Dauer von zwei Jahren möglich (innerhalb dieser zwei Jahre darf dann drei Mal erneut befristet werden) ist – und weit unter dem verdienen, was jeder vernünftig denkende Mensch für angemessen hält. Daher finde ich, dass es durchaus dazu gehört, sich nach den Erziehergehältern zu erkundigen, wenn man auf der Suche nach einer Kita ist und nicht gerade in einem Kitamangelgebiet lebt. Niedrige Gehälter stellen einen Hauptgrund für hohe Personalfluktuationen bei – und ganz ehrlich: Es werden nicht immer die besten Erzieher in den Einrichtungen mit den niedrigsten Gehältern arbeiten.  Eine Kita wird ihnen aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen dürfen, was die einzelne Erzieherin oder der Erzieher verdient, aber selbstverständlich kann eine Kita problemlos ein Durchschnittsgehalt angeben.  Schauen Sie auch darauf, ob die Kita sich mit Praktikanten durchschlägt, die wie Vollzeitarbeitskräfte mitarbeiten müssen oder ob Praktika tatsächlich der Ausbildung dienen.

Wenn Sie  Zuzahlungen leisten, wird die Frage nach den Gehältern natürlich besonders interessant, denn ich denke, es ist Ihnen lieber, dass die freundliche Erzieherin am Ende des Monats mehr in der Tasche hat, als dass sich Kitagründer besonders teure Taschen leisten können.

 

Sprachlerntagebuch und Co

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Kitas, die vom Land Berlin öffentlich finanziert werden, treten alle der QVTAG bei. Das bedeutet, dass sie ihre pädagogische Arbeit nach den Vorgaben des Berliner Bildungsprogramms entwickeln. Als Eltern werden Sie mit Begriffen wie Sprachlerntagebuch, Sprachstandsfeststellung und Statuserhebung konfrontiert. Alles halb so wild und eigentlich ein Versuch zu gewährleisten, dass Schulanfänger der deutschen Sprache mächtig sind. Wer ganz böse ist, könnte sagen, es handelt sich um eine Schnüffelvereinbarung, denn die Kita übermittelt in anonymisierter Form den Status der Spracherhebung an die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Ich bin an dieser Stelle manchmal ein bisschen arrogant und wage zu behaupten, dass leider manche Erzieherinnen und Erzieher selbst nicht besonders gut sprechen, so bildete Kind 1 nach Kontakt mit einer Erzieherin plötzlich und penetrant falsche „Weilsätze“  (Bsp.: „Ich komme zu Dir, weil ich habe Dich so lieb“ statt: „Ich komme zu Dir, denn ich habe Dich so lieb“ oder: „Ich komme zu Dir, weil ich Dich so lieb habe.“) Mein Mann, der bei so etwas sonst sehr zurückhaltend ist, und ich haben dies mehrfach vorsichtig angemerkt, aber die Erzieherin schien dies nicht weiter zu interessieren. Kaum war das Kind nicht mehr in der Kita, war der Spuk vorbei. Also auch hier meine ketzerische Anmerkung: Nicht immer fördert die Kita die Sprachentwicklung. Natürlich geht es um ein Politikum, mit wichtigem und richtigem  Hintergrund: Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen möglichst früh auffallen und entsprechend gefördert werden. Hierzu dient dann auch die Meldung von Kindern mit Sprachförderbedarf beim Jugendamt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Sprachlerntagebuch von Kind 1 aus einigen eher hingeschmierten Kommentaren diverser Erzieherinnen besteht und einige krakelige Bilder und wenige hübsche Fotos enthält. Ich selbst habe für meinen Sohn noch verschiedene Bilder eingeklebt, damit er später eine Erinnerung an seine Kitazeit hat. Was man dem Buch an wichtigen Informationen entnehmen können soll, ist mir ein Rätsel, daher habe ich es auch nicht in der Schule abgegeben. Denken Sie dran: Sie müssen nicht immer alles tun, was man von Ihnen verlangt!

Bei Kind 2 sieht es schon ganz anders aus: Hier schreiben die Erzieherinnen regelmäßig Tagebuch über die Entwicklung meines Sonnenscheins. Mir kamen die Tränen vor Rührung, als ich die lieben Worte und die schönen Fotos angesehen habe, allerdings sehe ich keinerlei Grund dieses schon privat anmutende Buch je in einer Schule abzugeben.

 

Sprachlerntagebuch

Kindergeburtstag, hurra?

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Kindergeburtstag – kontroverses Thema! Ich weiß, dass Sie vielleicht ganz anders denken als ich, denn ich habe das Thema mehrfach gegoogelt, und die Meinungen der Eltern prallen beim Thema Kindergeburtstag aufeinander. Ich schreibe hier über Feiern von Kindern im Alter von vier bis vielleicht acht Jahren.

Ich bin in einer Straße in Berlin groß geworden, in der ungefähr acht gleichaltrige Kinder wohnten, von denen nur zwei in andere Kitas und Schulen gingen. Ich war ein unangepasstes, sensibles Kind. Ich war bestimmt nicht das beliebteste aller Kinder. Und dennoch wurde ich immer zu den Kindergeburtstagen in der Straße oder aus der Kitagruppe eingeladen. Niemand hätte damals ein Kind ausgeladen, das durch die Nähe und die Kita in enger Verbindung stand. Meine Mutter und viele andere Eltern trafen zusätzlich noch eine Art Sozialauswahl: Welche Eltern trennen sich gerade? Wo haben es die Kinder  besonders schwer, in der Schule oder Kita Fuß zu fassen, oder wer ist erst gerade zugezogen? Sie bestimmten in Absprache mit ihren Kindern, aber auch manchmal über den Kopf des noch sehr kleinen Kindes hinweg, wer eingeladen wurde. Heute wird diese – wie ich finde – auch soziale Verantwortung abgegeben. Ans Kind. Auch, wenn es erst drei Jahre alt ist.

Bei uns sind Kindergeburtstage Feiern, zu denen irgendwie jeder kommen kann, auch das Kind von nebenan, das zufällig sieht, das gefeiert wird. Damit liegen wir aber nicht im Trend. Trend ist, ebenso viele Kinder einzuladen wie das Kind alt ist. Punkt aus. Denn alles andere ist für Ludwig, Karlchen oder Mia zu ansprengend. Ehrlich gesagt? Ich glaube, alles andere ist eher den Eltern zu anstrengend. Mein Sohn spielte eine Zeitlang fast einmal wöchentlich mit einem Kindergartenfreund bei uns zuhause. Als das Kind, nennen wir es gemeiner Weise hier mal Egon, vier Jahre alt wurde, kam Leonard aus der Kita und weinte, weil er keine Einladung in der Garderobe hatte. Egons Mutter meinte lapidar im Supermarkt zu mir: „Egon hat entschieden, dass nur Frida, Wilhelm, Jack und Helene kommen dürfen. Er mag Leonard gerade nicht so.“ Zwei Wochen später war Egon wieder unser vergnügter Gast. Die Mutter hat, finde ich, einen Knall. Ich kann doch nicht Kinder ausladen, nur weil mein Sohn an dem Tag, an dem ich ihn frage, sagt: „Nö, der ist gerade nicht mein Freund!“ Doch, kann ich doch – höre ich etwa Dreiviertel der Mütter sagen, die  hier mitlesen.

Ich kann Sie auch verstehen! Kindergeburtstage sind anstrengend, die will man limitieren. Und sie kosten Geld. Vor allem, wenn man noch diese blöden Tütchen machen muss, die die Kinder dann wieder mit nach Hause nehmen. Ehrlich, ich bin nicht der größte Kindernarr und schon gar kein Fan von zertrampelten Rosenbüschen, Müll im Garten, Flecken an den Wänden und Kinderkotze im Bad. Aber ich mag es noch viel weniger, die Gefühle von so kleinen Geschöpfen zu verletzten. Nennt mich Helikopter-Mama, haut drauf und sagt, mein Kind müsse lernen, mit Frust umzugehen, aber hört weiter zu: Als Leonard seine Kita gewechselt hatte, wurde er ein ganzes Jahr zu keinem einzigen Geburtstag eingeladen. Es gab fast nur Mädchen in seiner Gruppe und die luden eben keine Jungs ein. Etwas, das mir meine eigene Fehlentscheidung, die Einrichtung zu wechseln, noch mal sehr deutlich machte. Mir ist es ein Rätsel, dass man einen Neuankömmling nicht integriert.

Wir Deutschen sind im Grunde keine gastfreundlichen Menschen (abgesehen von unserer aktuellen Flüchtlingspolitik und dem ehrenamtlichen Engagement so vieler). Das wird jeder bestätigen können, der schon mal in Asien oder in arabischen Ländern unterwegs war oder an einer Grillparty in den USA vorbeigelaufen ist und selbstverständlich zur Tafel gebeten wurde. Ihr nicht? Ich immer, auf vielen Reisen.

Hier höre ich oft, dann und dann passt es nicht, da kommt schon der und der. Hallo? Ja, und? Ist dann die Wohnung zu voll? Vielleicht waren es ja besonders glückliche Zeiten, aber diese Limitierungen kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend nicht. Zur Not hat unsere Mutter alle auf die Straße oder in den Garten zum Spielen geschickt. Aber die Tür zugelassen, weil schon ein Gast da ist? Das Motto war eher „the more the merrier“.  Hier höre ich auf dem Spielplatz wie Mütter zu ihren Kindern sagen: „Nein, spiel jetzt nicht mit Sara, Du bist mit Sina hier!“ Ich staune leise, denn wie wäre es denn, wenn alle miteinander spielten?

Wenn also alleine Janine, Claire, Ida und Max entscheiden dürfen, wer zur Party kommt,  kann es natürlich sein, dass neue zugezogene oder unangepasste Kinder durchs Raster fallen. Das werden Ihnen  einige Mütter bestätigen. Mein Sohn jedenfalls suchte im Alter zwischen fünf und sechs meist vergeblich nach dem Einladungskärtchen in der Kita. Ich sagte mir, er müsse damit klarkommen.

Mein Mann und ich laden lieber fünf Kinder mehr ein, als eines vor den Kopf zu stoßen. Wir können und wollen uns da auch gar nicht immer so festlegen. Das wird sich ändern, wenn meine Kinder groß genug sind, enge Freundschaften zu pflegen und wirklich allein entscheiden zu können. Eltern bestätigen: „Zurück-Einladen ist nicht. Mein Kind ist einfach so beliebt!“ Na, dann hoffe ich mal für die Kinder, dass das immer so bleibt!

Eine Mutter machte sogar nicht mal davor halt, Kinder wieder auszuladen. Ihre kleine Tochter hatte Leonard mehrfach mündlich zu ihrer Feier eingeladen. Ich traute dem Braten nicht und fragte die Mutter daher selbst. Sie antwortete: „Ja, Leni lädt alle Kinder aus der Gruppe ein!“ Leonard freute sich, und wir suchten ein Geschenk aus. Tage später fehlte seine Einladung im Fach. Leo suchte sie überall. Nur: Es gab keine!  Er überlegte, ob Leni sie verloren habe, ein anderes Kind sie mitgenommen habe oder sie hinter die Gaderobe gerutscht sei.

Ich fragte – ein wenig beschämt – die Mutter. Diese antwortete lächelnd: „Wir laden  jetzt doch keine Jungs ein, es werden zu viele Gäste!“ Die drei Jungs der Gruppe waren also wieder ausgeladen worden. Leonard war entsetzt, und ich sagte zu ihm: „Das ist sehr seltsam von der Mutter, und Leni kann nichts dafür!“

Bevor Sie mir jetzt kleine Einladungsbriefchen schicken zu den Feiern Ihrer Kinder oder mir ein Seminar zur Verarbeitung posttraumatischer Belastungen anbieten:  Nein, danke, wir sind bedient!  Letzten Sommer ging mir fast das Geld für Geburtstagsgeschenke aus.  Zu viele Feiern sollten es dann auch nicht sein.

Hilfe, Desinfektionsspray!

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Jetzt wird es noch mal ein bisschen medizinisch. An einem Tag im November schaffte ich es nicht rechtzeitig an mein Telefon und hörte die Nachricht einer Erzieherin ab: „Julian ist von Anna gebissen worden. Es ist nicht schlimm, aber es blutet. Daher muss ich Sie anrufen. Also, es blutet.“ Ich war mir nicht ganz klar darüber, was der Anruf nun bedeutet. Man hatte angerufen, also musste etwas sein. Es war aber „nicht schlimm“. Ich beschloss, gar nichts zu tun. Am Nachmittag traf ich auf dem Weg zur Kita eine der Erzieherinnen von Julian auf der Straße. Sie fragte mich, warum ich mich nach dem Vorfall nicht gemeldet habe. Ich sagte, es sei doch nicht schlimm gewesen, und man habe doch die Wunde sicher gleich desinfiziert. „Nein!“, sagte Julians Erzieherin bestimmt  und fuhr fort: „Wir dürfen kein Spray auf Wunden auftragen! Sie müssen selbst in die Kita kommen, das machen und können dann wieder gehen!“ Ich dachte, sie macht einen Scherz. Ein Desinfektions- oder wenigstens Wundspray aus der Apotheke oder der Drogerie erschien mir nichts Verwerfliches zu sein. Einen Vater oder eine Mutter aber wegen einer Lappalie zur Kita zu holen und somit ihren Arbeitstag mit großer Sicherheit frühzeitig enden zu lassen, schien mir vollkommen unangemessen zu sein. Doch unsere Erzieherin beharrte darauf: „Es ist verboten, dass wir ein Spray benutzen.“ Eine andere Mutter erzählte mir dann abends, sie musste schon zwei Mal aus Mitte 40 Minuten quer durch die Stadt fahren, um eine Bisswunde zu desinfizieren. Ja, kann denn das wahr sein? Ich musste mich erst einmal über Menschenbisse schlau machen.  Kinderärztin Annette verblüfft mich:

Menschenbisse gehören zu den infektiösesten Bissen überhaupt. Die Bisse gelten als gefährlicher als zum Beispiel Hundebisse – wohl, wenn der Hund nicht gerade Tollwut hat.  Daher rät Annette, Menschenbissverletzungen mit Verletzung der Hautoberfläche immer zu desinfizieren mit einem  Schleimhautdesinfektionsmittel aus der Apotheke, zum Beispiel Octenisept. Ist die Verletzung tief, muss der Arzt eine so genannte chirurgische Spülung vornehmen und dem Kind ein Breitbandantibiotikum verordnen. Annette empfiehlt Desinfektionsspray übrigens auch für Hautabschürfungen, die mehr als  1 x 1  cm flächig sind. Sie hat noch keine allergischen Reaktionen oder Probleme bei der Anwendung von Octenisept erlebt, erwähnt aber, dass es für den Bauchnabel von Neugeborenen nicht mehr benutzt werden soll.

Ok. Nun haben wir also einen leicht blutigen Menschenbiss und die Kita möchte diesen nicht desinfizieren. Warum nicht?

Sobald wir uns mit der Frage beschäftigen, betreten wir vermintes Gebiet. Da ist dann die Rede von der Heilsalbe aus der Apotheke, die nicht aufgetragen werden darf, da sie ein Medikament ist oder im schlimmsten Fall sind wir bei einer Kita, die die Aufnahme eines Kindes verweigert, weil es Diabetiker ist oder einen Notfall-Allergiker-Pin benötigt. Aber wie hängt das alles zusammen?

Erzieher sagen oft: „ Es gibt ein Gesetz, und das verbietet uns, Medikamente zu benutzen!“ Das ist so nicht ganz richtig. Zunächst einmal gilt, dass jeder Erzieher verpflichtet ist, 1. Hilfe zu leisten. Was dann dazu gehört, kann Auslegungssache sein.

Jedes Kitakind ist unfallversichert. Bei Tagesmüttern gilt dies nur, wenn diese anerkannt sind durch das Jugendamt gemäß § 23 SGB VIII, nicht aber, wenn sie eine Tagesmutter privat und eventuell schwarz bezahlen.

Diese Versicherung bedeutet, dass die Kosten, die entstehen, wenn das Kind in der Kita einen Unfall erleidet, in der Regel von der Unfallkasse getragen werden. Die Versicherung umfasst auch die direkten Wege von und zur Kita (aber nicht, wenn die Eltern Home Office machen), zu einer externen Veranstaltung und zurück zur Kita. Umwege sind nur dann mitversichert, wenn Eltern noch ein anderes Kind aus einer Kita abholen oder bringen müssen. Eltern müssen ihr Kind bei der zuständigen Unfallkasse nicht anmelden, dies geschieht automatisch.  Greift  die Unfallkasse in Ausnahmefälle nicht, muss die Krankenversicherung des Kindes die Kosten tragen. Wegen der Haftungsprivilegierung der §§ 104, 105 SGB V (5.  Sozialgesetzbuch) können Erzieher gar nicht so viel falsch machen wie sie vielleicht denken:  Ein Regress ist nur möglich, wenn ein Erzieher vorsätzlich (also absichtlich!) einen Schaden herbeiführt oder grob fahrlässig handelt. So eine Regelung ist notwendig und wichtig, um einen reibungslosen Ablauf in einer Kita zu gewährleisten.

Die DGVU  (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bemüht sich sehr, Erzieher und Eltern zu informieren, es gibt Flyer und am Telefon berät man freundlich. Allerdings scheint es dennoch an Informationen zu fehlen. Oder die Ängste sind einfach zu groß.

Man kann dem Flyer „Medikamentengabe in Kindertageseinrichtungen“ entnehmen, wie es leicht möglich gemacht werden kann, dass eine Kita einem zum Beispiel chronisch kranken Kind ein Medikament regelmäßig verabreicht. Hier spricht man dann von einer Teilübertragung der Personensorge. Eine solche liegt vor, wenn es eine ausdrückliche mündliche oder schriftliche Absprache mit den Eltern gibt oder sich die Übertragung aus den konkreten Umständen des Einzelfalls ergibt (Eltern sind nicht erreichbar, etc.). Wenn dem Kind durch eine fehlerhafte Medikamenteneingabe ein Gesundheitsschaden entsteht, greift grundsätzlich trotzdem der Versicherungsschutz der Unfallversicherung. Anders sieht es aber aus, wenn die gebotene und vereinbarte Medikamentengabe unterlassen wurde! Dann übernimmt jedoch die Krankenkasse des Kindes die Behandlung. Für die Erzieher gelten auch dann die Haftungsbeschränkungen nach §§ 104 ff Sozialgesetzbuch.

(Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. )

Grundsätzlich gilt, dass die Gabe von Medikamenten, also Arzneimitteln, nicht unter 1. Hilfe fällt und daher auch nicht von der Unfallversicherung abgedeckt ist. Dies ändert sich immer dann, wenn eine tatsächliche oder mutmaßliche Einwilligung der Eltern vorliegt.

Hieraus erschließt sich auch, dass ein einfaches Medikament, wie die Wundsalbe aus der Apotheke für das Windelkind immer mit Genehmigung der Eltern aufgetragen werden darf. Eine mündliche Genehmigung reicht hier aus, aber – wie immer in unserer komplizierten Welt – geht man auf Nummer sicher, wenn man sich alles schriftlich geben lässt. Dies macht natürlich auch den Alltag von Erziehern, die dann in Listen schauen müssen, welche Creme bei welchem Kind zulässig ist, nicht einfacher.

Aber nun zurück zum Biss durch ein anderes Kind:

Hier finden sich bei Recherchen unterschiedliche Handlungsanweisungen: Die einen raten zum Verbinden und Arzt aufsuchen, die anderen zunächst zum Ausspülen und die nächsten zum Besprühen mit Desinfektionsspray. Ich selbst bin überrascht, dass in den Unterlagen der DGUV empfohlen wird, Wunden nicht einmal auszuspülen – auf Kinderbisse im Speziellen wird hierbei allerdings leider nicht eingegangen.  Der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte eV empfiehlt wiederum auf seiner Internetseite das Desinfizieren der Bisswunde. Die gängigen Wunddesinfektionssprays wie Octenisept, die man nur in der Apotheke erwerben kann, haben  eine Arzneimittelzulassung.

Der Einsatz des Desinfektionssprays kann selbstverständlich von Eltern gewünscht oder genehmigt werden wie der Einsatz anderer Medikamente auch (Nasenspray gegen Schnupfen, Antibiotikum, Insulin, Allergie-Notfallset mit Adrenalin-Fertigspritze). Verpflichtet werden kann eine Kita nicht zur Gabe von Medikamenten. Ich persönlich würde aus Praktikabilitätsgründen und um eine die Gefahr einer späteren Entzündung zu minimieren, immer ein Spray in der Kita bereithalten. Hier sprechen wir aber nur über die Spitze des Eisbergs, denn es gibt auch Kinder, die chronisch krank sind und mehrfach täglich Medikamente brauchen.

Deshalb sollte schon aus sozialen Erwägungen bedacht werden, dass nur durch eine klare Absprache mit der Kita eine Teilnahme kranker Kinder im normalen Kitabetrieb möglich ist. Bei chronisch kranken Kindern  sollte dann allerdings genau schriftlich festgehalten werden wie ein Medikament anzuwenden ist.

Es gibt sogar Anwälte, die empfehlen, dass das genaue Procedere und eine Haftungsfreistellung notariell beurkundet werden sollten. Ich denke in solchen Fällen, dass wir in Deutschland einen Vollknall haben. Punkt. Als im Sommer die Flüchtlinge kamen, haben wir im Freundeskreis all unsere Medikamente zusammengesammelt und abgegeben. Ja, bitte, korrekt war da sicher auch nicht. Überkorrektheit bedeuet oft auch am Leben vorbei zu denken.

Bei Kindern mit Krankheiten, die täglich eine Überwachung und/oder Medikamenteneinnahme erfordern während der Kitazeiten, können Eltern beim zuständigen Jugendamt die Anerkennung eines zusätzlichen Betreuungsbedarfs beantragen. Wird der Antrag bewilligt, kann die Kita ihr Personal, bzw. die Arbeitszeiten der vorhandenen Mitarbeiter aufstocken. Eltern können außerdem in schwerwiegenden Fällen einen  Antrag auf Integrationshilfe beim zuständigen Integrationsamt stellen. Dann kann eine Begleit- oder Pflegeperson für das Kind abgestellt werden und das Kind so den Regelkindergarten besuchen. Als Beispiel mag der vierjährige Junge gelten, der wegen einer schweren Erdnussallergie die Kita nicht besuchen durfte: Die Kita des Jungen konnte und wollte nicht sicherstellen, dass das Kind nicht in Berührung kommt mit Erdnüssen bzw. Spuren von Erdnüssen kommt. Der kleine Junge wurde zuhause betreut, bis seine Eltern vor dem Landessozialgericht Niedersachen-Bremen Hilfe bekamen: Der Bub bekam eine persönliche Assistenz, also jemanden, der ihn während des Kindergartenalltags begleitet. Seine Allergie wurde als Behinderung anerkannt.

Noch einmal kurz zurück zum Thema Biss:

Bei Zeckenbissen wird die DGUV deutlich und empfiehlt klar die  Entfernung, da die Risiken einer Infektion mit FSME und Borreliose mit dem Verbleib der Zecke in der Haut steigen. Sprecht mit Euren KiTas über diese Dinge!!

Siehe hierzu unter anderem auch: UK RLP Unfallkasse Rheinland-Pfalz, „Zecken lauern nicht nur im Gras“ – zu finden im Internet