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Tag Archives: Erzieherin

Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

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Angaben zur Personalausstattung einer Kita finden sich im KitaföG in § 11 Absatz II. Dieser besagt aktuell noch Folgendes:

 

 

2) Bei der Personalbemessung für das sozialpädagogische Fachpersonal sollen folgende Grundsätze gelten:

 

1

38,5 Wochenarbeitsstunden pädagogischen Fachpersonals sind vorzusehen

a)

bei Kindern vor Vollendung des zweiten Lebensjahres

  • für jeweils fünf Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sechs Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils acht Kinder bei Halbtagsförderung;

b)

bei Kindern nach Vollendung des zweiten und vor Vollendung des dritten Lebensjahres

  • für jeweils sechs Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sieben Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils neun Kinder bei Halbtagsförderung;

c)

bei Kindern nach Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt

  • für jeweils neun Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils elf Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils 14 Kinder bei Halbtagsförderung.

Für Kinder, die länger als neun Stunden gefördert werden, sind Personalzuschläge zu gewähren.

 

Das heißt, dass für Kinder zwischen 0 und zwei Jahren eine Erzieherin für fünf Kinder, die Ganztagsförderung „gebucht“ haben, zur Verfügung stehen muss. Je nachdem, wie der Gutschein aussieht, lautet der Schlüssel dann aber eben auch 1 : 6 oder 1 : 8.  In Berlin soll er laut Berliner Morgenpost vom 01.03.2016 in Zukunft 1 auf 4,6 lauten. Dann mal los.

Meiner Erfahrung nach sind Kitas ganz scharf auf Eltern mit Gutschein über Ganztagsbetreuung, weil sie sich dann eventuell eine oder eine halbe Erzieherin mehr leisten können und ein Ausfall von Erziehern durch Urlaub oder Krankheit besser abgefedert werden kann. Ich  glaube, dass allein die Erwähnung von voller Berufstätigkeit beider Eltern bei der Bewerbung um einen Kitaplatz, die Wahrscheinlichkeit, den Platz zu bekommen, um einiges steigen lässt. Vollzeit arbeitende Eltern laufen beim Wettlauf um den Kitaplatz sogar Kuchenback-Müttern den Rang ab. Jedes Ganztagskind ist Gold wert, auch für die anderen Kinder, die dann ebenso in den Genuss von mehr Arbeitskraft kommen.

Ich kenne Familien mit Ganztagsplätzen, die zwei bis vier Monate verreist waren nach Geburt des nächsten Kindes – ich spreche hier vom luxuriösen Elterngeld-Urlaub (über den auch schon Bücher geschrieben wurden). Da sponsert der Staat neben dem Urlaub dann auch gleich noch das Freihalten des Kitaplatzes mit. Denn glauben Sie mal nicht, dass das Kind zwischenzeitlich von der Kita abgemeldet wird.

Einen Ganztags-Betreuungsgutschein bekommen Sie übrigens schon dann, wenn zum Beispiel der Vater voll arbeitet, die Mutter aber geltend machen kann, an drei Tagen in der Woche bis in den späten Nachmittag zu arbeiten oder besonders lange Wege zur Arbeit und nach Hause zu haben. Die pure Anzahl an Arbeitsstunden ist hierbei nicht entscheidend. Ich kenne allerdings sehr viele Eltern, die lieber auf den Ganztagsplatz verzichten, um 730 Uhr im Büro stehen (während der Partner das Kind zur Kita bringt) und ihr Kind völlig abgehetzt und fix und fertig um 15 Uhr abholen, weil sie den zusätzlichen Eigenanteil für den längeren Gutschein einsparen wollen. Im Grunde genommen führt der Geiz an dieser Stelle dazu, dass Kitas bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei unflexiblen Öffnungszeiten und einem Personalminimum bleiben können. Besonders schön wird es, wenn die Kinder in der Krippe drei Jahre alt werden und die Erzieher plötzlich Arbeitstunden abgezogen bekommen, da sich der Personalschlüssel ad hoc zuungunsten der nun schon dreijährigen Mäuse ändert. Ein dreijähriges Kind braucht also weniger Aufmerksamkeit als ein zweijähriges?

Ich empfehle hier, sich zu erkundigen, wie viel mehr denn tatsächlich bezahlen müsste für den Ganztagsgutschein. Es verbietet einem ja trotzdem niemand, sein Kind manchmal auch um 15 Uhr abzuholen, doch die eigene Flexibilität wird deutlich größer und der Missmut manch einer Mutter (oder eines Vaters) vielleicht etwas geringer.

Wie sieht es nun tatsächlich aus in Berlin?

Der Tagesspiegel vom 16.01.2015 spricht bezogen auf Berliner Krippen von einem „Personaldebakel“: Die Hauptstadt habe die schlechteste Betreuungsstatistik im Bundesgebiet für die unter Dreijährigen. Auf knapp sieben Kinder gibt es nur einen Erzieher laut Autorin Vieth-Entus. Die Klagen wiederholen sich, man verfolge nur die Artikel der Autorin im Internet. Ganz euphorisch, aber auch unglaubhaft, kommen nun die neuen Versprechen 2016 bis 2018 daher. Ob das Abschaffen des Kitabeitrags der richtige Weg ist? Ich finde, Mittelschichtseltern zahlen heute viel zu viel, nämlich gerne denselben Beitrag wie die Millionärsgattin. Meiner Meinung nach sollte man die Mittelschicht entlasten, die Bedürftigen weiter freistellen (bis auf den Essensbeitrag) und den echten Gutverdienern, sagen wir mal ab einem Familieneinkommen von 100.000 EUR brutto (ausgehend von einem Angstelltenverhältnis), weiterhin den vollen Beitrag zahlen lassen. Ab dem dritten Kind kann dann meinetwegen der Mehrfachkind-Bonus greifen.

Zurück zum Personaldebekal:  Das deckt sich mit unseren Erlebnissen und lässt sich auch mit dem oben zitierten Paragrafen in Einklang bringen. Und nun aufgepasst  – alle lustigen Geschichten und kleinen Pannen, die in diesem Buch Erwähnung finden, beiseite: Das ist das wahre Drama deutscher Kitas und insbesondere Berliner Kitas: ein verdammt schlechter Personalschlüssel! Das beste Betreuungsverhältnis besteht laut Tagesspiegel in Baden-Württemberg. Kein Wunder, dort sollen ja auch die Schulen besser sein als in Berlin. Wer jetzt denkt, dass in anderen Bundesländern mehr Geld ausgegeben wird für Kitas, wird eines besseren belehrt, so schreibt der Tagesspiegel, dass Berlin ungeachtet des schlechten Personalschlüssels mit seinen Ausgaben von 4.600 EUR pro Jahr und Kitaplatz vorne liege. Der bundesweite  Schnitt liege bei 3500 EUR. Das mag daran liegen, dass in Berlin  schon jetzt für die letzten drei Kitajahre die Elternbeiträge entfallen.

Wer es auch bitter findet, wenn kleine Kinder über Stunden ab Tag um die Aufmerksamkeit der wenigen Erzieher buhlen müssen, für den lohnt sich dann eventuell doch wieder ein Blick auf eine Kita mit Zuzahlungen, wenn diese Zuzahlungen eindeutig zu einem besseren Personalschlüssel führen. Kleiner Tipp: Viele Kitas halten sich mit Praktikanten über Wasser, informieren Sie sich also, wer zum Fachpersonal gehört und wer nicht.

Fachpersonal sind staatlich anerkannte Erzieher, Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagogen, Bachelor-Frühpädagogen/Kindheitspädagogen, Erzieher mit Mono-Bachelor in Erziehungswissenschaft und im Einzelfall durch die Kitaaufsicht anerkannte Fachkräfte. Im Bereich der Betreuung von Kindern mit Behinderungen kommen weitere Fachkräfte wie zum Beispiel Heilpädagogen hinzu.

Das Land Berlin beteiligt sich an den Kosten und der Einrichtung neuer Kitas, deshalb sind Neugründungen in Berlin gerade beliebt. Mein Rat lautet, man möge sich genau nachweisen lassen, wofür Zusatzbeiträge genutzt werden, sie sind nämlich nicht dazu da, die Kita einzurichten, es sei denn, von den Eltern wird die Finanzierung außergewöhnlicher Dinge gewünscht und geklärt, dass dies über Zusatzbeiträge bewältigt werden soll. Ich sehe hier gerade zehn nackte Hosenscheißer schwitzend in der Sauna sitzen.

Erzieher, die in den staatlichen Kita-Eigenbetrieben angestellt sind, werden in Berlin nach dem Tarifvertrag TV-L vergütet. In der Regel verdienen Erzieher in nicht staatlichen Kitas eher weniger– oft ist von 15 % Gehaltsunterschied die Rede, was aber unter Umständen durch großzügige Renten, Weihnachtsgeld oder andere Leistungen wettgemacht wird. Mir sind auch Erzieherinnen bekannt, die sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln – lassen wir einmal außen vor, dass eine Befristung ohne Sachgrund grundsätzlich nur für die Dauer von zwei Jahren möglich (innerhalb dieser zwei Jahre darf dann drei Mal erneut befristet werden) ist – und weit unter dem verdienen, was jeder vernünftig denkende Mensch für angemessen hält. Daher finde ich, dass es durchaus dazu gehört, sich nach den Erziehergehältern zu erkundigen, wenn man auf der Suche nach einer Kita ist und nicht gerade in einem Kitamangelgebiet lebt. Niedrige Gehälter stellen einen Hauptgrund für hohe Personalfluktuationen bei – und ganz ehrlich: Es werden nicht immer die besten Erzieher in den Einrichtungen mit den niedrigsten Gehältern arbeiten.  Eine Kita wird ihnen aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen dürfen, was die einzelne Erzieherin oder der Erzieher verdient, aber selbstverständlich kann eine Kita problemlos ein Durchschnittsgehalt angeben.  Schauen Sie auch darauf, ob die Kita sich mit Praktikanten durchschlägt, die wie Vollzeitarbeitskräfte mitarbeiten müssen oder ob Praktika tatsächlich der Ausbildung dienen.

Wenn Sie  Zuzahlungen leisten, wird die Frage nach den Gehältern natürlich besonders interessant, denn ich denke, es ist Ihnen lieber, dass die freundliche Erzieherin am Ende des Monats mehr in der Tasche hat, als dass sich Kitagründer besonders teure Taschen leisten können.

 

Sprachlerntagebuch und Co

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Kitas, die vom Land Berlin öffentlich finanziert werden, treten alle der QVTAG bei. Das bedeutet, dass sie ihre pädagogische Arbeit nach den Vorgaben des Berliner Bildungsprogramms entwickeln. Als Eltern werden Sie mit Begriffen wie Sprachlerntagebuch, Sprachstandsfeststellung und Statuserhebung konfrontiert. Alles halb so wild und eigentlich ein Versuch zu gewährleisten, dass Schulanfänger der deutschen Sprache mächtig sind. Wer ganz böse ist, könnte sagen, es handelt sich um eine Schnüffelvereinbarung, denn die Kita übermittelt in anonymisierter Form den Status der Spracherhebung an die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Ich bin an dieser Stelle manchmal ein bisschen arrogant und wage zu behaupten, dass leider manche Erzieherinnen und Erzieher selbst nicht besonders gut sprechen, so bildete Kind 1 nach Kontakt mit einer Erzieherin plötzlich und penetrant falsche „Weilsätze“  (Bsp.: „Ich komme zu Dir, weil ich habe Dich so lieb“ statt: „Ich komme zu Dir, denn ich habe Dich so lieb“ oder: „Ich komme zu Dir, weil ich Dich so lieb habe.“) Mein Mann, der bei so etwas sonst sehr zurückhaltend ist, und ich haben dies mehrfach vorsichtig angemerkt, aber die Erzieherin schien dies nicht weiter zu interessieren. Kaum war das Kind nicht mehr in der Kita, war der Spuk vorbei. Also auch hier meine ketzerische Anmerkung: Nicht immer fördert die Kita die Sprachentwicklung. Natürlich geht es um ein Politikum, mit wichtigem und richtigem  Hintergrund: Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen möglichst früh auffallen und entsprechend gefördert werden. Hierzu dient dann auch die Meldung von Kindern mit Sprachförderbedarf beim Jugendamt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das Sprachlerntagebuch von Kind 1 aus einigen eher hingeschmierten Kommentaren diverser Erzieherinnen besteht und einige krakelige Bilder und wenige hübsche Fotos enthält. Ich selbst habe für meinen Sohn noch verschiedene Bilder eingeklebt, damit er später eine Erinnerung an seine Kitazeit hat. Was man dem Buch an wichtigen Informationen entnehmen können soll, ist mir ein Rätsel, daher habe ich es auch nicht in der Schule abgegeben. Denken Sie dran: Sie müssen nicht immer alles tun, was man von Ihnen verlangt!

Bei Kind 2 sieht es schon ganz anders aus: Hier schreiben die Erzieherinnen regelmäßig Tagebuch über die Entwicklung meines Sonnenscheins. Mir kamen die Tränen vor Rührung, als ich die lieben Worte und die schönen Fotos angesehen habe, allerdings sehe ich keinerlei Grund dieses schon privat anmutende Buch je in einer Schule abzugeben.

 

Sprachlerntagebuch

Hilfe, Desinfektionsspray!

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Jetzt wird es noch mal ein bisschen medizinisch. An einem Tag im November schaffte ich es nicht rechtzeitig an mein Telefon und hörte die Nachricht einer Erzieherin ab: „Julian ist von Anna gebissen worden. Es ist nicht schlimm, aber es blutet. Daher muss ich Sie anrufen. Also, es blutet.“ Ich war mir nicht ganz klar darüber, was der Anruf nun bedeutet. Man hatte angerufen, also musste etwas sein. Es war aber „nicht schlimm“. Ich beschloss, gar nichts zu tun. Am Nachmittag traf ich auf dem Weg zur Kita eine der Erzieherinnen von Julian auf der Straße. Sie fragte mich, warum ich mich nach dem Vorfall nicht gemeldet habe. Ich sagte, es sei doch nicht schlimm gewesen, und man habe doch die Wunde sicher gleich desinfiziert. „Nein!“, sagte Julians Erzieherin bestimmt  und fuhr fort: „Wir dürfen kein Spray auf Wunden auftragen! Sie müssen selbst in die Kita kommen, das machen und können dann wieder gehen!“ Ich dachte, sie macht einen Scherz. Ein Desinfektions- oder wenigstens Wundspray aus der Apotheke oder der Drogerie erschien mir nichts Verwerfliches zu sein. Einen Vater oder eine Mutter aber wegen einer Lappalie zur Kita zu holen und somit ihren Arbeitstag mit großer Sicherheit frühzeitig enden zu lassen, schien mir vollkommen unangemessen zu sein. Doch unsere Erzieherin beharrte darauf: „Es ist verboten, dass wir ein Spray benutzen.“ Eine andere Mutter erzählte mir dann abends, sie musste schon zwei Mal aus Mitte 40 Minuten quer durch die Stadt fahren, um eine Bisswunde zu desinfizieren. Ja, kann denn das wahr sein? Ich musste mich erst einmal über Menschenbisse schlau machen.  Kinderärztin Annette verblüfft mich:

Menschenbisse gehören zu den infektiösesten Bissen überhaupt. Die Bisse gelten als gefährlicher als zum Beispiel Hundebisse – wohl, wenn der Hund nicht gerade Tollwut hat.  Daher rät Annette, Menschenbissverletzungen mit Verletzung der Hautoberfläche immer zu desinfizieren mit einem  Schleimhautdesinfektionsmittel aus der Apotheke, zum Beispiel Octenisept. Ist die Verletzung tief, muss der Arzt eine so genannte chirurgische Spülung vornehmen und dem Kind ein Breitbandantibiotikum verordnen. Annette empfiehlt Desinfektionsspray übrigens auch für Hautabschürfungen, die mehr als  1 x 1  cm flächig sind. Sie hat noch keine allergischen Reaktionen oder Probleme bei der Anwendung von Octenisept erlebt, erwähnt aber, dass es für den Bauchnabel von Neugeborenen nicht mehr benutzt werden soll.

Ok. Nun haben wir also einen leicht blutigen Menschenbiss und die Kita möchte diesen nicht desinfizieren. Warum nicht?

Sobald wir uns mit der Frage beschäftigen, betreten wir vermintes Gebiet. Da ist dann die Rede von der Heilsalbe aus der Apotheke, die nicht aufgetragen werden darf, da sie ein Medikament ist oder im schlimmsten Fall sind wir bei einer Kita, die die Aufnahme eines Kindes verweigert, weil es Diabetiker ist oder einen Notfall-Allergiker-Pin benötigt. Aber wie hängt das alles zusammen?

Erzieher sagen oft: „ Es gibt ein Gesetz, und das verbietet uns, Medikamente zu benutzen!“ Das ist so nicht ganz richtig. Zunächst einmal gilt, dass jeder Erzieher verpflichtet ist, 1. Hilfe zu leisten. Was dann dazu gehört, kann Auslegungssache sein.

Jedes Kitakind ist unfallversichert. Bei Tagesmüttern gilt dies nur, wenn diese anerkannt sind durch das Jugendamt gemäß § 23 SGB VIII, nicht aber, wenn sie eine Tagesmutter privat und eventuell schwarz bezahlen.

Diese Versicherung bedeutet, dass die Kosten, die entstehen, wenn das Kind in der Kita einen Unfall erleidet, in der Regel von der Unfallkasse getragen werden. Die Versicherung umfasst auch die direkten Wege von und zur Kita (aber nicht, wenn die Eltern Home Office machen), zu einer externen Veranstaltung und zurück zur Kita. Umwege sind nur dann mitversichert, wenn Eltern noch ein anderes Kind aus einer Kita abholen oder bringen müssen. Eltern müssen ihr Kind bei der zuständigen Unfallkasse nicht anmelden, dies geschieht automatisch.  Greift  die Unfallkasse in Ausnahmefälle nicht, muss die Krankenversicherung des Kindes die Kosten tragen. Wegen der Haftungsprivilegierung der §§ 104, 105 SGB V (5.  Sozialgesetzbuch) können Erzieher gar nicht so viel falsch machen wie sie vielleicht denken:  Ein Regress ist nur möglich, wenn ein Erzieher vorsätzlich (also absichtlich!) einen Schaden herbeiführt oder grob fahrlässig handelt. So eine Regelung ist notwendig und wichtig, um einen reibungslosen Ablauf in einer Kita zu gewährleisten.

Die DGVU  (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung) bemüht sich sehr, Erzieher und Eltern zu informieren, es gibt Flyer und am Telefon berät man freundlich. Allerdings scheint es dennoch an Informationen zu fehlen. Oder die Ängste sind einfach zu groß.

Man kann dem Flyer „Medikamentengabe in Kindertageseinrichtungen“ entnehmen, wie es leicht möglich gemacht werden kann, dass eine Kita einem zum Beispiel chronisch kranken Kind ein Medikament regelmäßig verabreicht. Hier spricht man dann von einer Teilübertragung der Personensorge. Eine solche liegt vor, wenn es eine ausdrückliche mündliche oder schriftliche Absprache mit den Eltern gibt oder sich die Übertragung aus den konkreten Umständen des Einzelfalls ergibt (Eltern sind nicht erreichbar, etc.). Wenn dem Kind durch eine fehlerhafte Medikamenteneingabe ein Gesundheitsschaden entsteht, greift grundsätzlich trotzdem der Versicherungsschutz der Unfallversicherung. Anders sieht es aber aus, wenn die gebotene und vereinbarte Medikamentengabe unterlassen wurde! Dann übernimmt jedoch die Krankenkasse des Kindes die Behandlung. Für die Erzieher gelten auch dann die Haftungsbeschränkungen nach §§ 104 ff Sozialgesetzbuch.

(Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V. )

Grundsätzlich gilt, dass die Gabe von Medikamenten, also Arzneimitteln, nicht unter 1. Hilfe fällt und daher auch nicht von der Unfallversicherung abgedeckt ist. Dies ändert sich immer dann, wenn eine tatsächliche oder mutmaßliche Einwilligung der Eltern vorliegt.

Hieraus erschließt sich auch, dass ein einfaches Medikament, wie die Wundsalbe aus der Apotheke für das Windelkind immer mit Genehmigung der Eltern aufgetragen werden darf. Eine mündliche Genehmigung reicht hier aus, aber – wie immer in unserer komplizierten Welt – geht man auf Nummer sicher, wenn man sich alles schriftlich geben lässt. Dies macht natürlich auch den Alltag von Erziehern, die dann in Listen schauen müssen, welche Creme bei welchem Kind zulässig ist, nicht einfacher.

Aber nun zurück zum Biss durch ein anderes Kind:

Hier finden sich bei Recherchen unterschiedliche Handlungsanweisungen: Die einen raten zum Verbinden und Arzt aufsuchen, die anderen zunächst zum Ausspülen und die nächsten zum Besprühen mit Desinfektionsspray. Ich selbst bin überrascht, dass in den Unterlagen der DGUV empfohlen wird, Wunden nicht einmal auszuspülen – auf Kinderbisse im Speziellen wird hierbei allerdings leider nicht eingegangen.  Der Berufsverband der Kinder und Jugendärzte eV empfiehlt wiederum auf seiner Internetseite das Desinfizieren der Bisswunde. Die gängigen Wunddesinfektionssprays wie Octenisept, die man nur in der Apotheke erwerben kann, haben  eine Arzneimittelzulassung.

Der Einsatz des Desinfektionssprays kann selbstverständlich von Eltern gewünscht oder genehmigt werden wie der Einsatz anderer Medikamente auch (Nasenspray gegen Schnupfen, Antibiotikum, Insulin, Allergie-Notfallset mit Adrenalin-Fertigspritze). Verpflichtet werden kann eine Kita nicht zur Gabe von Medikamenten. Ich persönlich würde aus Praktikabilitätsgründen und um eine die Gefahr einer späteren Entzündung zu minimieren, immer ein Spray in der Kita bereithalten. Hier sprechen wir aber nur über die Spitze des Eisbergs, denn es gibt auch Kinder, die chronisch krank sind und mehrfach täglich Medikamente brauchen.

Deshalb sollte schon aus sozialen Erwägungen bedacht werden, dass nur durch eine klare Absprache mit der Kita eine Teilnahme kranker Kinder im normalen Kitabetrieb möglich ist. Bei chronisch kranken Kindern  sollte dann allerdings genau schriftlich festgehalten werden wie ein Medikament anzuwenden ist.

Es gibt sogar Anwälte, die empfehlen, dass das genaue Procedere und eine Haftungsfreistellung notariell beurkundet werden sollten. Ich denke in solchen Fällen, dass wir in Deutschland einen Vollknall haben. Punkt. Als im Sommer die Flüchtlinge kamen, haben wir im Freundeskreis all unsere Medikamente zusammengesammelt und abgegeben. Ja, bitte, korrekt war da sicher auch nicht. Überkorrektheit bedeuet oft auch am Leben vorbei zu denken.

Bei Kindern mit Krankheiten, die täglich eine Überwachung und/oder Medikamenteneinnahme erfordern während der Kitazeiten, können Eltern beim zuständigen Jugendamt die Anerkennung eines zusätzlichen Betreuungsbedarfs beantragen. Wird der Antrag bewilligt, kann die Kita ihr Personal, bzw. die Arbeitszeiten der vorhandenen Mitarbeiter aufstocken. Eltern können außerdem in schwerwiegenden Fällen einen  Antrag auf Integrationshilfe beim zuständigen Integrationsamt stellen. Dann kann eine Begleit- oder Pflegeperson für das Kind abgestellt werden und das Kind so den Regelkindergarten besuchen. Als Beispiel mag der vierjährige Junge gelten, der wegen einer schweren Erdnussallergie die Kita nicht besuchen durfte: Die Kita des Jungen konnte und wollte nicht sicherstellen, dass das Kind nicht in Berührung kommt mit Erdnüssen bzw. Spuren von Erdnüssen kommt. Der kleine Junge wurde zuhause betreut, bis seine Eltern vor dem Landessozialgericht Niedersachen-Bremen Hilfe bekamen: Der Bub bekam eine persönliche Assistenz, also jemanden, der ihn während des Kindergartenalltags begleitet. Seine Allergie wurde als Behinderung anerkannt.

Noch einmal kurz zurück zum Thema Biss:

Bei Zeckenbissen wird die DGUV deutlich und empfiehlt klar die  Entfernung, da die Risiken einer Infektion mit FSME und Borreliose mit dem Verbleib der Zecke in der Haut steigen. Sprecht mit Euren KiTas über diese Dinge!!

Siehe hierzu unter anderem auch: UK RLP Unfallkasse Rheinland-Pfalz, „Zecken lauern nicht nur im Gras“ – zu finden im Internet

 

 

Scharlach-Schilder und das Sinnlos-Attest

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Während wir bei einer Tasse Tee so über Kinder und ihre Wehwehchen plaudern, erzählt Annette, die Kinderärztin, was sie gar nicht leiden kann. „Wir haben Scharlach“- Schilder!  Ist Scharlach nicht ganz schlimm? Nein, Scharlach ist nicht ganz schlimm und bricht häufig nicht einmal voll aus. Dann ist es eine simple Streptokokken-Infektion. Wenn zwei Kinder einer Gruppe Scharlach haben, bleiben sie zuhause und werden dort behandelt, deshalb hat aber die Kita noch keinen Scharlach. Annette findet, Kitas sollten nur mit großen Zetteln über Krankheiten informieren, bei denen eine Informationspflicht besteht oder die Schwangere gefährden könnten: Darunter fallen Ringelröteln und Masern.

Ebenfalls informiert werden muss über Läuse. Aber auch hier lacht Annette milde: „Was Eltern alles anstellen, wenn es um Läuse geht, ist verrückt!“ Da wird Wäsche ohne Ende gewaschen, es werden Kuscheltiere weggeworfen oder ins Gefrierfach gesteckt.“ Alles Quatsch. Läuse sterben, wenn sie über vier Stunden kein Blut getrunken haben. Es reicht also, das Kuscheltier einfach mal beiseite zu legen. Betroffen sein werden auch nur Mützen, Kissen und Tiere, die zur Schlafenszeit bei den Kindern am Kopf liegen. Läuse halten sich nämlich in der Regel nur auf Haaren auf und wandern von Kopf zu Kopf, wenn Kinder ihre Köpfe zusammenstecken. Eine Katastrophe ist das nicht.

Während ich das schreibe, sehe ich eine Mutter mit Läusephobie vor mir, die wegen eines Läusealarms jeden Morgen nach dem Aussteigen aus dem Auto  vor der Kita ihre Töchter mit einem Läusespray besprühte, obwohl die Kinder läusefrei waren. Davor ist zu warnen: Es handelt sich bei solchen Mitteln oft um Medizinprodukte, die nicht so streng geprüft werden wie Arzneimittel. Enthalten sind  Pyrethrine, die die Tiere abtöten, aber auch bei Menschen zu Nebenwirkungen führen können. Andere Produkte basieren auf Kokosöl und Silikon und sollen bewirken, dass die Atemöffnungen der Läuse verstopfen. Diese Mittel kann man als Shampoo zur Abtötung benutzen, muss dann aber prüfen, ob wirklich alle Läuse erwischt wurden oder noch Nissen vorhanden sind. Wer das Zeug schon mal in die Haare geschmiert hat, weiß, dass man das Öl tagelang nicht richtig rausbekommt. Eklig, aber halb so wild.

Als bei uns die Maul- und Klauenseuche (aka Hand-Mund-Fuß-Virus) nach einer Woche wieder vorbei war, und ich mit den letzten Pusteln im Mund wieder an meinem Schreibtisch saß und gerade einen Vertrag fertig schreiben wollte, klingelte das Telefon. Es war die Kitaleiterin. Ich möge bitte sofort kommen, Julian wirke „irgendwie krank“. Zuhause war Julian dann putzmunter, und ich pflaumte die Kitaleitung an, mich bitte nicht noch mal anzurufen, wenn mein Kind nichts habe. Ihre Erklärung: Sie habe seinen Schnuller nicht gefunden und konnte ihn nicht beruhigen. Langsam aber sicher wurden wir alle hysterisch: Die Eltern gesunder Kinder verdächtigten die Eltern anderer Kinder, ihre Blagen krank abzugeben, andere verdächtigten die Erzieher, selbst die Viren einzuschleusen, der nächste spricht von mangelnder Hygiene. Ich begann, jedes Kind zu verfluchen, das mit gelb-grüner Rotze unter der Nase durch die Kita lief. Ekelhaft! Und die Kitaleitung versuchte, die berühmte Attest-Regel einzuführen. Kennen Sie die?

Die Attest-Regel besagt, dass Sie mit Ihrem Kind, wenn es endlich wieder gesund ist, zum Arzt gehen müssen und sich die Kitaeignung bestätigen lassen müssen. Das ist natürlich hirnverbrannt. Denn was fragt denn der Arzt die Mami? „Ist Ihr Kind noch krank? Hat es Fieber? Nein? Dann kann es wieder in die Kita gehen!“ Bitte schön, hier ist der Wisch. Manchmal kommt man gar nicht erst vor bis zum Arzt, denn der beschäftigt sich  – und das ist ja auch richtig so – mit den Kindern, die wirklich krank sind. Da macht das dann die Assistentin, und der Arzt unterschreibt nur schnell. Ich habe auch schon von unterzeichneten Vordrucken gehört, auf denen die Eltern nur das Datum nachtragen müssen. Ärztin Annette nickt fortwährend, während ich eine kleine Brandrede wider den Unsinn halte. Das Attest ist sinnlos. Völlig. Ein hilfloser Versuch, Kitakrankheiten im Zaum zu halten. Besonders wichtig finden manche Eltern und Erzieher das Attest bei Durchfällen. Na, toll. Da sage ich dann wahrheitsgemäß zu dem genervten Arzt: „Nein, Emma hat heute noch nicht weich gekackert! Der Durchfall scheint vorbei zu sein!“, bekomme das Schreiben, gebe das Kind in der Kita ab und  – pppffft- rummms- ist die Windel samt Body und Röckchen wieder voll.

Ärzte können nicht hellsehen, sie verlassen sich auf das, was wir Eltern ihnen sagen. Ärzte bekommen pro gesetzlich versichertem Kind und Quartal eine Pauschale und finden es in der Regel nicht witzig, gesunde Kinder vorgeführt zu bekommen. Selbst bei den Läusen ist die Regelung eigentlich albern: Denn, wenn die Mutter eine Laus übersieht, kann das auch dem Arzt  passieren. Wir gehen also mit gesunden Kindern zum Arzt, können immer noch nicht ins Büro, ernten komplettes Unverständnis („Äh, ja, Sina ist gesund, aber ich sitze mit ihr beim Arzt!“) und halten dort den gesamten Betrieb auf.

Annette erzählt aus dem Praxisalltag folgende, geradezu groteske Geschichte: „Da sitzen 20 kranke, wartende Kinder in der Praxis, denen ich helfen möchte, und es stürmen drei aufgeregte Mütter rein: „In unserer Kita gibt es Scharlach! Wir möchten, dass unsere Kinder auf Scharlach getestet werden“! Völlig verdattert fragte die Ärztin die Mütter warum. Die Antwort: „Wir wollen wissen, ob die Kinder auch Scharlach haben, damit sie gleich ein Antibiotikum bekommen!“ Na, geht es noch? Ich glaube, es hackt! Da soll ein Test an einem symptomfreien Kind gemacht werden?“ Annette lacht schallend: „Und dann ist der Test positiv und was mache ich? Ein gesundes Kind behandeln?“ Ganz sicher nicht. Streptokokken hat fast jedes Kind von Zeit zu Zeit oder auch als Dauerbesiedlung in der Mund- und Nasenschleimhaut. Deshalb würde man nicht vorbeugend gegen Scharlach behandeln, zumal die Krankheit sich nicht immer in voller Blüte zeigt. Da fragt man sich doch ein wenig, was sich solche Eltern denken? Wofür ist der Arzt da? Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse? Würde man der Krankenkasse solche Kosten aufbrummen, wäre das ein glatter Kassenbetrug.

Zum Glück sind die Kitas meiner Kinder alle so vernünftig gewesen, dann doch Abstand zu nehmen, von den Blödsinns-Attesten. Sind Ihre Kitas nicht so vernünftig, liebe Eltern, tut Euch zusammen und kämpft gegen den Quatsch an.

Jetzt naht der zweite Kitawinter, und ich denke mit einigem Abstand: Die Seuchenzeit gehört dazu. Ein Kind erwischt es mehr, das andere weniger. Manche Eltern strotzen dem Virenbomardement, andere eben nicht. Manch einer hat verständnisvolle Auftraggeber und Arbeitnehmer („Ja, kennen wir auch!“), mancher kämpft nicht nur mit der Grippe, sondern auch noch mit ausgemachten Arschlöchern („Geben Sie Ihr Kind doch zur Oma!“, „Also, mein Kind/Enkel/Patenkind/Nachbarskind ist nie krank!“). Und alle müssen da durch. Irgendwie.

Und jetzt habe ich noch gar nicht erzählt, dass es noch ganz andere Kitaflüche gibt. Was, Sie denken ich komme ihnen wieder mit Läusen? Haha, das ist gar nichts! Hatten Sie schon mal Würmer? Nein? Dann empfehle ich Ihnen die ersten Seiten des Buchs „Schoßgebete“ von Charlotte Roche.  Juckt es schon? Naja, Sie haben ja bestimmt Tesafilm zuhause. Und wenn Sie immer noch nicht genug haben, schlafen Sie einfach mit Ihren Gören in der Jugendherberge (wahlweise dem Astoria in New York) und bringen Sie ein paar Bettwanzen mit nach Hause – so wie der Papa von Mia, der heute noch davon erzählt wie die ganze Wohnung auf 60 Grad erhitzt werden musste, um das räudige Volk auszuräuchern. Natürlich musste die ganze Familie inklusive Katzen und Hund ausziehen für den Zeitraum.

Als die Seuchenzeit im April vorbei war, gönnte ich mir einen Kinobesuch. Der Kinositz war unbequem. Ich bekam einen Hexenschuss und konnte mich eine Woche lang kaum bewegen. Meinen Arbeitgeber hat es nicht gefreut, denn er hatte gehofft, nun mal eine Weile auf mich zählen zu können. Ich war aber zum ersten Mal krank, ohne dabei noch ein oder zwei Kinder betreuen zu müssen. Da nimmt man die Schmerzen und die täglichen Spritzen in den Rücken ja schon fast als Geschenk an.

Das Gras auf der anderen Seite

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Meinen Humor in Sachen Kita habe ich einmal verloren, und ich habe dann eine Entscheidung getroffen, vor der ich andere Eltern warnen möchte. Mein Mann und ich verstanden uns mit der Leiterin einer Einrichtung nicht, mochten allerdings die Erzieherinnen sehr. Dann gab es zwei Ereignisse, die zu einem nicht reparablen Bruch führten: Leonard, der schon mit zwei Jahren in die mittlere Gruppe kam, durfte mit vier Jahren nicht zu den Großen (4-6) wechseln. Man war hier strikt nach dem Geburtsdatum gegangen, so dass mein Sohn hinten runter fiel und bei den Kleinen verbleiben musste. Da ich, wie viele Eltern, meinen Sohn für recht aufgeweckt halte, ging ich mit einer anderen Mutter auf die Barrikaden. Man redete sich mechanisch mit dem Geburtsdatum heraus. Die Argumente lauteten plötzlich ganz anders als zwei Jahre zuvor, als der kleine Pups mit nicht mal zwei Jahren in die Gruppe der Dreijährigen kam.

Vielleicht hätte ich als Kitaleitung genauso gehandelt, denn der Platz reichte hinten und vorne nicht aus für die 4-6 Jährigen. Doch wir waren entgeistert. Unser intelligentes, tolles Kind bei diesen halben Babys! Man versprach uns und der anderen Mutter, unsere Kinder hoch zu holen, sobald ein Platz frei werde. Als dann einer frei wurde, wurde ein Kind einer Familie, die gerade zugezogen war, in die Gruppe aufgenommen. Angeblich war Vitamin B im Spiel. Wir schäumten. Sollte  Ihnen das passieren, bleiben Sie gelassen: Das passiert hunderten von Eltern jeden Tag!

Glauben Sie noch an Wartelisten? Dann glauben Sie auch an den Weihnachtsmann. Ich weiß von Familien, die sofort einen Platz an einer Kita nahe unserer bekommen haben, während andere jahrelang nur einen Platz auf der Warteliste ihr Eigen nennen konnten. In diesem Fall schien sich das Muster herauszukristallisieren, dass meist die Eltern die Zusage bekamen, bei denen sich allein der Vater im Wochentakt die Kita mit freundlichen Anrufen überzogen hatte. In anderen Fällen sind es immer die Alleinerziehenden, weil die Leiterin selbst alleinerziehend ist, im nächsten Fall sind es die Kinder der großen, attraktiven Managergatten – da springt vielleicht auch die ein oder andere Spende heraus. Sympathie und Kontakte sind wie immer und überall im Leben die halbe Miete. Zurück zu uns:

Wieder zog eine Familie weg, deren Kind bei den Großen war. Nun hatte man ja zwei Eltern versprochen, ihr Kind sei an der Reihe, und es konnten nicht zwei Kinder hochgehen. Also hieß es, nein, beide Kinder bleiben aus pädagogischen Gründen unten. Ich kochte. Pädagogische Gründe? War mein Kind plötzlich zu blöd, zu klein, zu unsozial, die Gruppe zu wechseln? Warum sagte man uns nicht ehrlich, dass man sich mit den Zusagen verrannt hatte?  Hinzu kam noch, dass ich meinte, deutlich vernommen zu haben, für meinen kleinen Sohn Julian stünde im nächsten Sommer ein Platz zu Verfügung. Diese Aussage hatte dann niemand mehr gemacht. Missverständnisse, alles Missverständnisse…

Ich drohte zu explodieren – zumal ich hoch schwanger war und sich mein Bauch bedrohlich wölbte. Ich saß im Büro in Berlin Mitte und brach vor zwei Kolleginnen in Tränen aus.  Sie wissen schon: Die Hormone! Meine Panik nach einem Jahr keinen Kitaplatz zu haben und nicht arbeiten zu können, war unfassbar groß. Ich fühlte mich in meiner beruflichen Existenz bedroht. Als ich dann  noch eine Familie im Café traf, die sagte, dass sie wisse, dass sie einen Platz für den nächsten Sommer sicher habe, schoss ich die Kita auf den Mond.

Ich rief eine bilinguale Kita an, meldete nach einem Gespräch mein Kind dort an, legte eine Unsumme Zuzahlungsbeiträge für 18 Monate bis zum Schulbeginn beiseite und sandte einen Brandbrief an den Träger der alten Kita meines Sohnes. Wutschnaubend verließen wir die Kita.

Zwei Jahre später weiß ich, dass das ein Fehler war. Ich hatte vor Wut zum einen mein Kind aus dem Auge verloren, und zum anderen hatte ich außer Acht gelassen, dass all diese idiotischen Situationen nur entstehen, weil alle Seiten unter Beschuss stehen. Die Kitaleitung darf keine Zusagen über Plätze machen, damit Eltern nicht auf die Idee kommen, hier etwas einklagen zu wollen. Sie steht mit dem Rücken zur Wand, wenn der Trägerverein ein bestimmtes Kind aufnehmen möchte oder zwei Eltern denselben Platz einfordern. In dem Sommer, in dem mein kleiner Sohn Julian dann tatsächlich in die Kita kommen sollte, waren in der Kita, die wir verlassen hatten, noch genug Plätze frei, zwei andere Kitas boten uns Plätze an, wir hatten die Auswahl. Ruhig Blut, rate ich allen Eltern! Oder, um meine Mutter zu zitieren: „Kind, warte doch einfach erst mal ab!“

Leonard war glücklich in seiner alten Kita, und er wäre nicht verblödet, noch ein paar Monate mit den jüngeren Kindern zu verbringen, zumal einige Gleichaltrige ebenfalls bei den Jüngeren geblieben waren. Es ist schon komisch, wie wichtig wir hier in Deutschland manchmal solche unwesentlichen Dinge sehen. Als würde die Karriere unseres Nachwuchses davon abhängen, ob die Kinder in der Gruppe alle das ABC beherrschen oder nicht.  Die Kitaleitung von Leonards Kita gab sich Mühe, das Ärgernis auszugleichen, indem die in den Augen meines Sohnes „tolleren“ Spielsachen der Großen auch nach unten gegeben wurden.  Doch nichts konnte mich besänftigen.  Ich fühle mich als einigermaßen verständige Person schnell veräppelt, wenn ich mit langen Ausführungen statt mit einer knappen Entschuldigung bedacht werde.  Und so habe ich dann aus Verärgerung und Unverständnis für ein System gehandelt, dessen komisches Herausgerede mir auf die Nerven ging.

Heute würde ich jedem raten, die eigenen Befindlichkeiten ganz hinten an zu stellen und genau zu gucken, ob woanders das Gras grüner ist. Die bilinguale Kita hat sehr viel Geld gekostet für Leistungen, die für uns zum Großteil nicht ersichtlich waren oder die wir völlig uninteressant fanden. Die neue Kita hatte große Personalprobleme, sodass sie am Anfang versprochene Ausflüge gar nicht leisten konnte, dass mein Sohn plötzlich mit noch kleineren Kindern in einer Gruppe war und die Kita drei oder vier Mal, als mein Job als Angestellte äußerst angespannt war, statt um 18 Uhr um 15 Uhr schloss und sogar mit der Schließung für einen Tag drohte.  Die personelle Fluktuation der Erzieher war gerade in der neuen Kita sehr hoch, die Leiterin schnell pampig oder gar beleidigt. Es gab lange Zeit keine Elternsprecher, keine Telefonlisten, nichts.

Wir fühlten uns traurig und isoliert, mein Kind fasste nie richtig Fuß. Allein seine beiden guten Erzieher, ein Mann und eine Frau, konnten die Zeit dann doch noch zu einem für ihn vertretbaren Erlebnis machen. Insbesondere unser männlicher Erzieher war einfach spitze. Er handelte nicht professionell, sondern intuitiv und locker, was uns gefiel. Daher einfach mal ein paar Vorschusslorbeeren an alle Männer, die sich in dieser Frauendomäne bewegen!!

Was ich Ihnen aber auch sagen kann: Trauen Sie sich, auf Verbesserungen zu drängen, wenn diese wichtig sind. Sprechen Sie mit anderen Eltern, oft fühlen viele dasselbe, manche trauen sich nur nicht, von sich aus darüber zu reden.  Ich höre oft, dass Eltern Angst haben, ihren Kitaplatz zu verlieren (was in Berlin nicht so einfach möglich ist). Deshalb wird ganz viel hinter vorgehaltener Hand geflüstert – zielführend ist das nicht. Und mal ganz ehrlich: Ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass mein Sohn schlecht behandelt wurde in einer Kita, ganz gleich, was ich als Mutter gesagt habe. Auch als ich Zuzahlungen gekürzt hatte, wurde mein Sohn so liebevoll behandelt wie vorher. Die meisten Kitaleitungen und Erzieher mögen Ihre Kinder nämlich wirklich.

 

Entspannt oder hektisch? Deutsche Disziplin.

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Die entspannteste unserer Kitas war eine staatliche in Kreuzberg. Diese hat Eltern und Kinder so verwöhnt, dass wir hinterher regelrecht verdorben waren für andere Modelle: Mein großer Sohn kam, da ich selbstständig war, schon mit neun Monaten in die Kinderkrippe. Ich hatte Schuldgefühle. Dann kam unsere polnische Erzieherin Ilona, deren erstes Eingewöhnungskind Leonard war. Sie strahlte keine Professionalität aus, sondern Liebe und Herzlichkeit. Die Krippengruppe bestand aus zwei Kindergruppen und sechs Erziehern. Das Haus war hässlich, die Räume ein wenig abgenutzt, der Garten riesig.

Wir konnten Leonard bringen, wann wir wollten, das heißt, wenn er ausgeschlafen war. Für uns war es als Selbstständige nicht wichtig, um 9 Uhr zu beginnen. Insofern waren wir immer sehr entspannt, wenn wir in der Kita ankamen. Da Ilona und die anderen Erzieherinnen wussten, dass es mir schwer fiel, Leonard abzugeben, erlaubten sie mir, jederzeit in die Kita zu kommen, auch, wenn die Kinder schliefen.  Ich konnte dann neben dem Bettchen meines Kindes sitzen und warten bis es aufwachte. Dies galt natürlich auch für die anderen Eltern! Da saß ich dann manchmal mit einem Vater und schaute Leonard beim Schlafen zu. Geweckt wurden die Kinder nicht, sondern mit einem Babyphone wurde überwacht, ob ein Kind aufgewacht war und dieses dann leise aus der Gruppe der Schläfer geholt.

Wenn mein Sohn schon vormittags müde wurde, holten die Erzieherinnen einen alten Kinderwagen und schoben ihn in den Garten. Um ihn herum tobten die größeren Kinder, andere schliefen ebenso. Das rigide Verhalten, das wir später in anderen Kitas kennenlernten, begegnete uns hier nicht. Als unser Umzug in einen anderen Stadtbezirk nicht so früh von statten ging wie geplant, kümmerte sich die Kita mit dem Senat darum, dass Leonard noch zwei Monate trotz neuem Kitagutschein für eine Steglitzer Kita in Kreuzberg bleiben konnte.

Die Öffnungszeiten reichten von frühmorgens bis abends 1930 Uhr. Wir haben nie von dieser Bandbreite Gebrauch gemacht, aber die Flexibilität war großartig. Nie geriet ich in Panik, nie brach mir der Schweiß aus. Noch heute denke ich:  So muss Kita sein, genau so. Es ist schon interessant, dass nun gerade der oft so gescholtene staatliche Betrieb das Optimum für uns dargestellt hat. Wir kannten gar keine Schließzeiten oder gar Drohungen, die Kita schon nachmittags zu schließen oder gar über Tage wegen Personalmangels, wie wir es später in anderen Kitas erlebten. Hier also mein Rat: Wenn Sie als Eltern beide arbeiten und flexible Zeiten brauchen und sich nicht vorschreiben lassen wollen, wann Sie Urlaub nehmen müssen, wählen sie eine große, staatliche Kita. Wird hier ein Erzieher krank, müssen Sie Ihr Kind nicht früher abholen, sondern die Situation wird vermutlich abgefangen. Anders sieht es natürlich aus, wenn in staatlichen Kitas gestreikt wird. Dann werden Sie mich und meine Ratschläge verfluchen.

Ebenfalls in Frage könnte eine halb-private Kita mit großzügigen Öffnungszeiten kommen, hier habe ich von einigen Eltern viel Positives gehört. Wenn ich halb-privat meine, ist das nicht ganz präzise: Viele Kitas, die vor wenigen Jahren noch rein privat waren und auch aus der eigenen Tasche bezahlt werden mussten, haben sich in Berlin inzwischen der QVATag (Qualitätsentwicklungsvereinbarung Kindertagesstätten) angeschlossen. Das heißt, der Kita-Gutschein kann eingelöst werden, da die Kita öffentliche Gelder bekommt. Allerdings verlangen diese Kitas dann oft Zuzahlungen für Angebote wie Englisch, Musikunterricht, Sackhüpfen unter Anleitung einer Ergotherapeutin oder Essen aus der eigenen Küche.  Aus meiner Erfahrung heraus würde ich jeden  Betreuungsvertrag und  jede Zuzahlungsvereinbarung auf Herz und Nieren prüfen. Ich werde hierzu noch einige Hinweise posten.

Mein Sohn ist in Berlin Kreuzberg wohl in eine Luxussituation hineingeboren worden. Denn von den vier Kitas, auf deren Wartelisten wir standen, sagten alle zu.  Das sieht in anderen Bezirken ganz anders aus. Ein Beispiel ist Berlin Lichterfelde, wo wir aktuell wohnen. Hier findet gerade ein gesellschaftlicher Umbruch statt, da junge Familien in den Bezirk strömen, allerdings sind die Kitas immer noch auf konservative Arbeitsteilung eingerichtet:  Es wird mit Müttern kalkuliert, die höchstens 25 Stunden oder gar nicht arbeiten. Einige Kitas des Bezirks schließen bereits um 15 Uhr, andere um 1630 Uhr. Mir ist schleierhaft, wie eine voll oder auch nur 30 Stunden arbeitende Frau, die vielleicht noch Wege zur Arbeit und vielleicht sogar mehrere Kinder hat (gerne verstreut auf verschiedene Einrichtungen), es schaffen soll, auch nur ein Füßchen auf die Karriereleiter zu setzen, wenn sie jedes Mal um spätestens 1545 Uhr aus dem Meeting rennen muss.

Karriere mit einer Kita, die um 15 Uhr schließt, halte ich für ausgeschlossen!

Ich habe das neulich mal in einem Frauenforum online geäußert, da überfielen mich einige Mütter und äußerten sehr deutlich, sie haben eine Karriere, obwohl sie Ihre Kinder – Achtung! – bereits um 14 Uhr abholen. Sie merken, man muss vorsichtig sein, mit dem Wort Karriere. Für den einen ist Karriere der Verkauf von zehn Paar Socken in der Woche bei DaWanda, für den anderen bedeutet Karriere die Möglichkeit, die ganze Familie auch alleine ernähren zu können.

Der Begriff „Karriere machen“ ist vollkommen relativ und bedeutet für jeden etwas anderes. Deshalb muss ich meinen Satz von oben relativieren. Unabhängigkeit ist meine Form von Feminismus Und bevor mich jemand Rabenmutter oder karrieregeile Kuh nennt: Mein Respekt vor Müttern, die mit ihren Kindern zuhause bleiben, ist sehr groß: Es gibt in meinen Augen kaum eine Aufgabe, die  anstrengender und herausfordernder ist, als den ganzen Tag eine gute Mutter zu sein (gilt auch für Väter). Ich freue mich dann auch wieder, wenn die Feiertage vorbei sind und die Kita beginnt: Arbeiten zu gehen, ist meist einfacher, als den ganzen Tag Kinder zu bespaßen!

Kinder brauchen einen 24 Stunden, jeden Tag. Firmen und Auftraggeber nicht, auch, wenn wir das manchmal gerne glauben wollen (oder diese uns das Gefühl geben wollen). Aber, wenn man arbeiten möchte oder muss, muss auch Raum dafür geschaffen werden.

Ich erlaube mir, mein Wunschdenken laut werden zu lassen:  Wenn ich etwas Kreatives tue, kann das auch mal am Spätnachmittag sein, wenn meine Gedanken besonders gut fließen. Warum muss ich den Vertrag dann morgens um 830 Uhr schreiben, das Bild morgens malen und noch vor dem Kaffee über mein Buch nachdenken und kann nicht später beginnen und morgens Zeit mit meinem Kind verbringen? Deutschland ist so eingetaktet! Ich schreie oft um 1545 Uhr regelrecht wütend durch den Raum, dass ich jetzt eben verdammt noch mal zur Kita muss, obwohl mir gerade die besten Gedanken kommen oder wir in einem Meeting kurz vor einer Entscheidung stehen.  Warum gehen alle davon aus, dass meine Firma oder meine Mandanten permanent Rücksicht auf Kitaöffnungszeiten nehmen können? Ja, können sie. Mal. Aber manchmal wäre es einfach gut, etwas mehr Freiraum in der Ausübung seines Berufes zu haben und nicht Kollegen, Kunden und Arbeitgebern dauernd mit dem 1545 Uhr- Schweißausbruch zu kommen. Wäre das anders, könnte ich dafür morgens länger mit meinen Jungs kuscheln. Wobei das mit dem Kuscheln ja spätestens nach der Einschulung ein jähes Ende findet und in Deutschland alle, ob Eule oder Lerche, anzutreten haben.

Die kurzen Öffnungszeiten, die dünne Personaldecke, die Bezahlung und ein zumindest gefühlt hoher Krankenstand bei Erziehern führen dazu, dass eigentlich ein permanenter Stress herrscht, und alle sich genauestens an die Regeln halten müssen. Da beginnt Schule schon mit einem Jahr:

Wir lernten in Lichterfelde schnell, dass auch von Eltern Einjähriger erwartet wird, diese spätestens um 9 Uhr abzugeben, da alles andere den eng getakteten Kitaalltag stört. Der Morgenkreis, der Morgenkreis, ich kann es nicht mehr hören! Als wäre es für ein einjähriges Kind von Bedeutung, am Morgenkreis teilzunehmen. Da möchten Klein-Ida oder Klein-Ferdinand doch lieber noch eine halbe Stunde mit Mama zuhause im Bett liegen!  Eine Kitaleitung hielt meinem Mann und mir mangelnde Disziplin vor, dabei arbeitete mein Mann zu dieser Zeit meist nachts. Es betrifft aber nicht nur die freiheitsliebenden Selbstständigen, ich habe die Klagen über die Hetzerei auch von Angestellten gehört und als Angestellte erlebt. Von einer unserer Kitas erfuhren wir in der ersten  Eingewöhnungswoche, man möge „den Kleinen darauf einstellen, dass vormittags nicht mehr geschlafen wird. Das störe.“ Basta. Deutschland, Disziplinland.

Ich verstehe nicht, warum es nicht in allen Kitas möglich ist, dass kleinen Kindern Ruhe jederzeit ermöglicht werden kann. Jetzt – in der Kita unseres kleinen Sohnes Julian ist es wieder so, dass auf die Bedürfnisse der Kleinsten Rücksicht genommen wird, indem es Kuschel- und Schlafecken gibt und die Erzieher -genau wie in Leonards erster Kita – den kleinen Kindern bereitwillig auch noch ein Fläschchen für den Mittagschlaf warm machen. Wir sind froh, den militärisch anmutenden Erziehungsvorgaben erst mal wieder entkommen zu sein. Dafür werden aber nicht die Zähne geputzt. Man kann eben nicht alles haben.

Und jetzt ziehe ich mir vielleicht den Zorn einiger Erzieher zu: Erzieher sind Dienstleister; noch bezahlen sogar die meisten Eltern für diese Leistung aus eigener Tasche. Ich selbst muss meine Kunden freundlich und zuvorkommend behandeln, auch, wenn sie mal zu spät kommen oder mir irgendetwas an ihnen nicht in den Kram passt. Ebenso wie manche Eltern manchmal zu viel von Kitas verlangen, so meinen auch manche Kitaleitungen und manche Erzieher, man möge nun täglich vor Dankbarkeit in die Knie gehen. Ich bin sehr dankbar für all die guten Erzieher, die meine Kinder betreut haben. Doch Geschichten wie die, dass Eltern, wenn sie um 10 Uhr nach einem Arzttermin in der Kita gehetzt kommen, um das Kind abzugeben, zu hören bekommen: „Nein, ich kann Ihr Kind so spät nicht mehr nehmen!“, gehören in den Bereich der Märchen verbannt. Ich empfinde das als ein Machtspiel, das sich eine Kita nur aufgrund des Kitamangels leisten kann.  Auch das musste mal raus.

Liebe Eltern, Sie sehen, es gibt überall Vor- und Nachteile, selten ist alles so, wie man es sich erträumt – wie sollte das auch möglich sein, wenn die Gelder hinten und vorne nicht reichen, es zu wenig Erzieherinnen und Erzieher gibt und zehn Eltern zehn unterschiedliche Ideen von dem richtigen Umgang mit ihrem Augenstern haben? Also, bitte, bitte: Den Humor nicht vergessen.

Aber vielleicht gehören Sie auch zu den ganz armen Eltern, die irgendwo wohnen, wo wirklich Kitanot herrscht und Sie froh sind, wenn Sie überhaupt IRGENDWO einen Platz bekommen. Dann werden Sie denken: Na, die Frau hat ja Sorgen?! Aber immerhin  müssen Sie ja bald in Berlin nichts mehr für die Kita zahlen, wenn die Pläne so durchgehen. Ob das eine kluge politische Entscheidung ist und uns den Einsatz der Erzieher schätzen lehrt, mag dahingestellt sein.

Vorfahrt dem Zähneputzen!!!

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Selbstverständlich denken Eltern, dass gerade ihr Anliegen Vorfahrt hat.  Ich bin da nicht anders! Mein wichtigstes Anliegen ist aktuell, dass in jeder Kita ab dem ersten Zahn mittags die Zähne geputzt werden, womit ich gerade in der Kita meines Jüngsten trotz Verstärkung durch den zahnärztlichen Dienst unseres Bezirkes auf Granit beiße. Mir ist es schier unverständlich, warum es Erziehern nicht möglich sein soll, Kindern nach dem Essen die Zähne zu putzen. Es müssen ja nicht immer alle Kinder sein und nicht jeder Zahn, aber mal so ein bisschen? Man könnte meinetwegen auch im Krippenbereich die Allerkleinsten außen vor lassen und nur die Kinder ab zwei Jahren einbeziehen. Es gibt viele Möglichkeiten, den Ablauf zu gestalten.  Ich hatte bisher bei dieser Thematik das Gefühl, ich rede gegen eine Wand. Vielleicht spielt eine Rolle, dass die Erzieher denken, wir Eltern würden wieder 100 Prozent erwarten, dabei dürfte es verständigen Eltern doch klar sein, dass kleine Kinder auch schon mal den Mund zukneifen, weinen, die Zahnbürste im Ausguss versenken oder verstecken. All diese Dinge müssen auch mit einer Portion Humor geschehen, und diesen vermisse ich häufig sehr.

Strahlen wir Eltern einfach so eine Unerbittlichkeit aus? Wir sind aber auch eine schwierige Klientel: Während ich einen Feldzug für das Zähneputzen im Krippenbereich startete, erhielt ich deutliche Nachrichten von Eltern, die das nicht erforderlich finden oder sogar ablehnen. Die Bürsten könnten vertauscht werden. Dies würde die Verbreitung von streptoccocus mutans (Wikipedia: Leitorganismus der Zahnkaries, also böse!) befördern. Ich erwiderte, dass sich die Viecher doch auch über den üblichen Schnullertausch, das Besabbern von Spielzeug, das gegenseitige Anspucken und andere Kleinkind typische Verhaltensweisen übertragen können, wurde damit aber nicht gehört.  Unser Kinderzahnarzt kann über solche Sorgen nur milde lächeln: „Dann müssen die Eltern ihre Kinder zuhause in Watte packen!“ Er sieht keine zusätzlichen Gefahren beim Zähneputzen in der Kita und erzählt, dass es in Berlin Mode zu werden scheint, dass Erzieher das Putzen nach dem Mittagessen auslassen. Er sagt auch, dass die Angst, zweijährige Kinder könnten sich vergiften, wenn sie zu viel Fluorid aufnehmen bei dreimaligem Zähneputzen unbegründet sei. Zudem könne man ja auch sehr gut ohne Zahnpasta putzen. Eben.

Aus einer Kita in Treptow erzählte mir eine Erzieherin, dass zwei Eltern verlangen, dass die Kinder nur eigene Zahnpasten verwenden, damit bloß das eigene Bürstchen nicht mit einer Zahnpasta in Berührung kommt, die schon Kontakt zu anderen Bürsten hatte. Die Keime, die Keime!!

Es bleibt bei uns leider dabei: Um 1630 Uhr hat mein Kind bereits drei Mahlzeiten in der Kita zu sich genommen, und das letzte Zähneputzen ist 8,5 Stunden her. Viel Zeit für eklige Zahnbeläge. Sie sehen, für mich hat mein Thema Vorfahrt!

 

Wir warten...

Keine Blume von Leonard

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Als mein großer Sohn, nennen wir ihn Leonard, knapp zwei Jahre alt war, wechselte er auf Bitten der Kitaleitung, aber mit unserem vollen Einverständnis, in die mittlere Gruppe der 3-4 Jährigen. Dies hing damit zusammen, dass es mehr jüngere als ältere Kinder zu diesem Zeitpunkt in der Kita gab. Uns wurde es allerdings angepriesen mit der Erklärung, unser Kind sei besonders weit. Das hört man ja immer gern. So war Leonard also der kleinste Pupser unter 16 Pupsern und wurde von seiner Erzieherin Hanna besonders aufmerksam behandelt.

Eines Morgens kam ich in die Kita und Hanna sprach mich mit ernster Miene an: „Leonard malt keine Sonnenblume.“ Ich hatte es eilig, verstand nur die Hälfte und antwortete wahrscheinlich: „Ja, ja.“  Danach vergaß ich die Angelegenheit. Einige Tage später sprach mich Leonards Erzieherin wieder an: „Leonard hat immer noch keine Sonnenblume gemalt!“ Ich muss schon etwas verdutzt geguckt haben und sagte dieses Mal vielleicht: „Ach ja?“ Abends sprach ich meinen Mann an: „Schatz, müssen wir uns Gedanken machen? Leonard malt keine Sonnenblume. Ist das jetzt schlimm?“ Mein Mann guckte irritiert und verwies auf die drei großen Kinder, die ganz ohne Sonnenblumenzwang groß geworden waren. Ich war kurz davor, das Thema zu googeln, beruhigte mich dann aber damit, dass Zweijährige ja nun wirklich weder Sonnenblumen malen können, noch müssen.

Am nächsten Tag kam die Erzieherin erneut auf mich zu: „Es ist nichts zu machen. Leonard hat keine Sonnenblume!“ Da müssen mir wohl die Gesichtszüge entglitten sein, denn plötzlich fühlte ich mich schuldig. Hatte ich in der Erziehung völlig versagt?  „Ist das jetzt schlimm..?“, fragte ich. Hanna schaute mich streng an: „Also, Frau Mozer, in diesem Alter kann das schon mal vorkommen. Das ist nicht schlimm, das ist sogar normal. Er will einfach nicht.“ Daraufhin sagte ich erleichtert: „Na, dann ist doch alles gut.“ Nun  sah Hanna verdutzt aus und fragte: „ Es stört Sie also nicht?“ „Nein, gar nicht“, versicherte ich. Daraufhin nahm mich die Erzieherin zur Seite und flüsterte: „Ich bin so froh, dass Sie das sagen! Manche Eltern fragen mich, warum bei ihrem Kind keine Sonnenblume in der Bastelmappe liegt.“ Jetzt hatte ich verstanden. Es ging nicht um mein Kind, es ging um uns, die Eltern!

Unsere wunderbare Erzieherin machte sich tatsächlich Gedanken darüber, ob wir sauer auf die Kita sein könnten, weil unser Kind keine Sonnenblume malt. Darauf muss man erst mal kommen. Einige Monate später erlebte ich mit derselben Erzieherin die Situation, dass ich als einzige Mutter meinem Kind keine Mütze mitgegeben hatte. Wieder sprach mich Hanna streng an. Ich antwortete: „Eine Mütze gibt es bei uns, wenn es kalt ist. So ab 0 Grad oder bei Sturm.“ Hannas Gesicht hellte sich auf: „Da bin ich aber froh, dass ich einem Kind weniger eine Mütze aufsetzen muss!“

Im Laufe der Kitajahre merkte ich, dass es Eltern gibt, die alles Mögliche verlangen und alles Mögliche bestimmen möchten:

  • Natürlich muss das Kleinkind im Kindergarten einen Helm tragen, auch, wenn es sein Laufrad nur durch den Garten schiebt!
  • Die Apfelschnitzchen dürfen nicht breiter als einen Zentimeter sein, sonst verschluckt sich Emmi!
  • Salami könnte meinem einjährigen Kind nicht bekommen!
  • Warum lassen die Erzieher zu, dass einjährige Kinder mit echtem Besteck in ihrer Kinderecke spielen?
  • Könnte es statt Bulgur nicht mal wieder Couscous geben?
  • Caspar braucht mittags Popocreme!
  • Till  möchte nur Pampers!
  • Warum hat Helene Sophies Schal an!
  • Ina muss Mittagschlaf machen, aber Jasper soll geweckt werden!
  • Johanna braucht drei Kuscheltiere und zwei Schnuffeltüchter!
  • Merten darf kein Schwein!
  • Wenn Lukas sich den falschen Schnuller in den Mund steckt, ist die Hölle los!

Da passt es dann ganz gut, dass einige Erzieher einstimmig sagen: „Das Problem sind nicht die Kinder, das Problem sind die Eltern!“ So schreibt mir Erzieherin Nadja aus Schöneberg:

„Mein Beruf macht mir großen Spaß. Aber die Eltern werden immer schwieriger. Am wenigsten Spaß macht dann die Arbeit mit den Eltern, die immer mehr von einem verlangen, dabei aber ihre eigenen Kinder und deren Bedürfnisse außer Acht lassen.“