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Tag Archives: FU

Wandelhallen-Muse

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Ich war eine Wandelhallen-Muse (nicht Möse, bitte!).

Am Jurafachbereich der FU in Berlin gibt es vor der Bibliothek einen langen, sehr breiten Gang mit Schließfächern und einigen Abzweigungen zu verschiedenen Sälen. Die Wandelhalle.

Ich hatte immer ein Faible für Schönheit, und dort gab es so viele attraktive Menschen auf einen Haufen, dass man Tage nur mit Gucken und Staunen verbringen konnte. Es tat gut, Oberflächen zu betrachten, dabei verbergend, wie unsicher es unter der eigenen aussah. Wo man hinschaute, Schönheit, die sich präsentierte:

Röcke so kurz, das sie kaum den Hintern bedeckten, Brüste prall und fest und garantiert BH-los, Männer mit schwarzen Locken und tiefblauen Augen, eine Halbasiatin, die man auf Plakaten des Fotografen Jim Rakete sah. Madame Céline, halb französisch-jüdisch-deutsch, die auf Französisch die ganze Halle auf charmanteste Weise unterhielt. Ein TV-Serien-Jüngling. Blonde Jungs mit wohl geformten Muskeln. Irgendwie waren wir alle Models oder präsentierten uns zumindest so. Manchmal sah es so aus, als würde nur flaniert, nicht studiert. Der Blick in die Bibliothek offenbarte dann die vielen Fleißigen. Und weil das Examen näher rückte, stiegen Angst und Adrenalin.

Es wurde sich verpaart, geliebt, entliebt, gehasst, im Sommer draußen in der Sonne, im Winter in der Halle. Bänke wurden innen wie außen von den immer gleichen Hähnen besetzt, während die Hühner über den Laufsteg liefen. In der Bibliothek wurden Bücher gewälzt, Papiere beschrieben, Prüfungsschemata gelernt und Blicke ausgetauscht.

Ich stelle mir manchmal vor, wie ich die Treppe heruntergehe in das Café und dort meine alten Freunde und Bekanntschaften treffe. Die Brüder M. und L., mit denen mich das Interesse zur Literatur und ausschweifende Verliebtheiten verband. Die Gruppe der Tennisasse. Der große Ivan, der mir Angst machte. Arne, der sagte, wenn er so einen großen Hintern hätte wie ich, würde er sich nicht in die Uni trauen. Nun, das war gemein. C., der mein E-Mail-Brieffreund wurde und mich durchs zweite Staatsexamen gezogen hat mit seiner tiefen Zuneigung und Furchtlosigkeit. Die Mädelsgang bestehend aus fünfen, die täglich wetteiferte, wer mehr Männer zum Sabbern bringen würde. Lange Nägel, derbe Sprüche, garantiert Achselhaarfrei und glattrasiert. Nichts war jugendfrei, vieles ordinär. Von wandelnden Feuchtzonen war die Rede und von nimmermüden Schwänzen. Gleichzeitig immer wieder von der großen Angst vor der Prüfung aller Prüfungen. Vielleicht muss das so sein zwischen 19 und 24.

Mein Jurastudium war ein Hormonbad (oder richtiger: Hormon-Neurotransmitter-Bad). Oxytocin, Serotonin, Testosteron, Dopamin, Adrenalin.

Mit mir badete Klara, meine Hand haltend, mich vor den größten Spritzern schützend. Klara war mein Halt, meine Ratgeberin, meine Verschworene. Wir konnten uns gestehen, wie groß unsere Angst vor dem Scheitern war. An der Liebe, dem Examen, dem Leben. Wie schüchtern es im Inneren der Wandelhallenmusen aussah.

Nachdem Klara ihr 1. Staatsexamen bestanden und ihre Schulden zurückgezahlt hatte, hat sie sich erhängt. Zuhause im Fenster mit 27 Jahren. Die Wandelhalle wurde grau. Seither habe ich den Jurafachbereich nicht mehr betreten.

Heute, nach 16 Jahren frage ich mich, welche Hähne heute dort stolzieren. Welche Mädchen kurze Röckchen tragen, wer die Bank in der ersten Reihe in Beschlag genommen hat. Und wer in der Bibliothek schwitzt.