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Tag Archives: Langeweile

Regretting Motherhood – das In-Thema

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Regretting Motherhood hat mich drei Mal irritiert. Das erste Mal, als es plötzlich als riesige Offenbarung – es wurden 23 Frauen zitiert! – durchs Internet geisterte. Da dachte ich nur, mmmh, kennt doch jede Mutter manchmal. So hatte mir schon ein Paartherapeut gesagt: „Es ist normal, dass man seine Kinder manchmal vor Wut verwünschen möchte!“ Was war diese Aussage damals für eine Erleichterung gewesen. Dann dachte ich, vielleicht geht es nicht um „manchmal“, sondern um immer. Aber das scheint auch nicht wirklich der Fall zu sein, wenn man liest, dass diese Frauen ihre Kinder lieben oder es zumindest behaupten.

Dann die zweite Irritiation: Aufgeregte Schnallen, die ihre Mutterschaft als göttliche Offenbarung bewerten und jede andere Regung verteufeln. Tiefenpsychologisch würde ich das mal als Outsourcen eigener negativer Gefühle bezeichnen, denn warum sonst der Aufruhr? Die dritte Irritation beschlich mich, als das Thema jetzt wieder durch die Presse geisterte, nur, weil die Autorin der Studie ein paar Tage in Deutschland ist.

Regretting Motherhood wird meiner Meinung nach völlig überbewertet. Wenn man zu sehr bedauert, ein Kind oder Kinder zu haben, sollte man es/sie in andere Hände geben. Es gibt genug Eltern, die gerne ein Kind adoptieren möchten. Nach allem, was ich gelesen habe, sind die zitierten Frauen und auch die, die im Netz darüber schreiben, alle eher der Meinung, dass ihnen durch die Geburt ihres Kindes ein Großteil ihrer Freiheiten genommen wurde und sie das oft nervt. Dennoch lieben sie ihr Kind oder ihre Kinder. Mir sind mindestens fünf Mütter bekannt, die mich immer warnten, ich solle bloß nicht den selben Fehler machen wie sie, sie hätten ja kaum mehr was vom Leben. Diese Mütter sind inzwischen übrigens wieder recht vergnügt, die meisten Hürden sind geschafft und sie haben aus der Bauchtragetuchversenkung wieder zu sich selbst gefunden.

Ich kann sagen, dass ich nicht wusste, was mit einem Kind auf mich zukommen würde. Noch weniger wusste ich, was mit zwei Kindern auf mich zukommen würde, denn ein Kind ist ja nunmal kein Kind. Durch diesen Prozess des Gewahrwerdens geht jede Frau, abgesehen vielleicht von solchen, die von klein auf mit vielen kleinen Kindern leben. Stichwort: Großfamilie. Oder denen, die sich – und das steht ihnen vollkommen zu – über die Mutterschaft definieren. Das geht natürlich deutlich leichter, wenn man keine Existenzangst hat, weil Papa schon drei Häuser auf Mama überschrieben hat oder wenn man sowieso von Hartz4 lebt.

Nun hat sich eine deutsche Autorin den Trend zunutze gemacht und hat ihr Buch „Die Mutterglück-Lüge – Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre“ genannt. Ich habe es gestern gelesen. Ja, sehr hübsch. Es offenbart ganz klar, dass man, je erfolgreicher, neugieriger,  intellektueller und egozentrischer man (Frau)  ist, umso weniger bereit ist, sich über Windelwechsel, Spielplatzbesuche und Plätzchenbacken  zu definieren. Das gilt natürlich nicht immer. So schreibt eine Doktorin der Mathematik im aktuellen Spiegel, warum sie gerne zu Hause bleibt. Finanziell kann das soager sinnvoll sein:

Vor wenigen Tagen errechnete ich mit einer Freundin, dass die Familie finanziell viel besser dasteht, wenn das Familieneinkommen von sagen wir mal 75.000 EUR nur von einem erwirtschaftet wird, als wenn zwei sich für diese Summe abrackern. Denn, immer, wenn zwei Elternteile arbeiten, enstehen höhere Kosten: Längere Betreuungszeiten, mehr Babysitter, mehr Kompensation fürs viele Wegsein, ggf. das Erfordernis von zwei Autos, und so weiter. Ab dem oben genannten Einkommen, was netto nicht allzu viel abwirft, wird  man in Deutschland aber schon als Großverdiener behandelt, was noch mal alles teurer macht. Ganz gleich, ob man das Geld allein oder gemeinsam erwirtschaftet. Ein großer Vorteil besteht dann noch in der Ehe, wenn nur einer arbeitet, beim Ehegattensplitting. Alles Fakten, die einen stinksauer machen können und ein „regretting“ fördern können, bei fleißigen  und hoch motivierten Müttern.

Aber ich denke, das Bedauern lässt sich eher weniger am fehlenden Geld festmachen, denn nicht neu ist, dass es „das Mutterglück“ nicht gibt, man denke nur an die postnatale Depression, Überforderung und Studien, die besagen, dass das gefühlte Glück in den ersten Jahren mit Kindern sinkt (nicht steigt!). Das sind vielleicht einfach Fakten, die für viele gelten und die man aussprechen muss. Ob man jedoch aussprechen muss, dass  man es bereut, ein Kind zu haben? Ich weiß es nicht. Martenstein schreibt so schön in der ZEIT zu der Thematik, dass man nicht alles sagen muss.

Im Übrigen reiht sich das Buch ein in die Stänkerbücher der letzten Jahre, in denen es letztlich um eine Gesellschaftkritik geht: Mehr Kitas,  längere Öffnungszeiten, flexible Arbeitszeiten, höhere Gehälter für Frauen, mehr Engagement von Vätern, und, und, und. Unterschreibe ich alles. Ich kann jedes Wort von Frau Fischer nachempfinden, wenn sie von ihrer Hetze auf dem Weg zur Tagesmutter schreibt und über ihre Existenzangst. Angst, abgehängt zu werden „wegen des Kindes/der Kinder“.

Schade, dass das Buch nicht einfach nur „Warum ich lieber Vater geworden wäre“ heißt. Der Titel ist fantastisch und trifft es.  Während Frauen seit Jahren versuchen, sich irgendwie in die Rollen Halbtagsmami, Halbtagsjobberin oder abhängige Ehefrau einzufinden, arbeiten Väter im Schnitt nach der Geburt der Kinder länger, nicht kürzer. Ja, ich kenne all die tollen, modernen Väter, die sich viel mehr Zeit für die Kinder nehmen, als unsere früher. Die bekommen dann ja auch einen Preis oder schreiben ein Buch. Am schärfsten finde ich immer die, die die zwei Vätermonate nehmen, direkt bevor die Partnerin wieder einsteigt, um deren Urlaub noch zu nutzen, eine gemeinsame Reise zu machen. Frau erzählt dann gerne hinterher, ums Kind habe sie sich gekümmert. Die Realität sieht immer noch in fast allen Elternhäusern mit zwei arbeitenden Eltern so aus: Mama arbeitet, fährt nach Hause, kauft auf dem Weg ein, kocht, holt die Kinder ab, bringt sie zum Turnen oder zum Logopäden, macht die Spieldates aus, putzt, kauft die Geschenke und achtet auf die Zahnhygiene und springt nachts aus dem Bett, wenn eines aus der Brut weint.

Wir werden schon zu Beginn der Schwangerschaft mit Pflichten überfrachtet: „Kein Sushi (was totaler Quatsch ist!), kein Rohmilchkäse (was schon etwas sinnvoller ist, aber bei Hartkäse aus Rohmilch nicht ganz so hysterisch zu betrachten), kein rohes Fleisch (Toxoplasmose kann man sich auch im Garten holen), am besten die Katzen abschaffen (nein!), keinen Schluck Alkohol (Säuferinnen werden leider ohne Hilfe weiter trinken und bei all den anderen gilt weiterhin, dass kleine Mengen keinen messbaren Effekt haben, man lese das Buch von Emily Oster. Da man keine Höchstmenge bestimmen kann, die penetrante Null-Warnung – vielleicht für manche Frauen besser so), kein Dies, kein Das. Und bitte stillen! Egal, ob die Brustwarze schon abfault. Und Brei nur so und so. Und bitte im Tuch tragen, auch, wenn der Bandscheibenvorfall drückt. Und mit ins Bett nehmen. Nein, raus aus dem Elternbett! Sport in der Schwangerschaft, aber nicht zu viel. Zunehmen, aber nicht fett werden. Sport danach? Schwierig, schwierig (auch das Quatsch)!“ So lange wir Frauen uns derart kirre machen lassen und der ganze Fokus unseres Seins auf der Mutterschaft liegt, können wir nicht entspannen, oder?

Und zurück zu Sarah Fischer. Mal im Ernst: Welche Mutter geht denn wirklich gerne jeden Tag auf den stinklangweiligen Spielplatz? Auch das kann ich nachvollziehen. Da steht Frau Fischer doch wohl nicht alleine da! Und ich verstehe gar nicht, warum man dann da schräg angesehen wird, wenn man ein Buch liest, telefoniert oder auf dem Smartphone herumdaddelt. Meine Kinder können sich auf dem Spielplatz auch vergnügen, ohne dass ich „backe-backe-Kuchen“ spielen muss. Ich halte dieses ewige „Ich spiele mit meinem Kind“ für ziemlich ballaballa.

Natürlich darf man (Frau) manchmal meckern, dass man (Frau) Kinder hat. Natürlich darf man (Frau) sich manchmal wünschen, bis zum Anschlag arbeiten oder feiern zu dürfen. Nicht zu laut, denn das tut den Frauen, die keine Kinder bekommen können, weh.

Dann passieren aber wieder Dinge, die so schön sind, dass sie einem Kraft für jede Doppelbelastung der Welt geben! So sagte mein kleiner Sohn vor ein paar Tagen zu mir, als ich extrem gereizt war und mich nicht leiden konnte: „Mama, Du bist so lieb. Du bist so eine liebe Mama.“ Ich schmolz. Und bereute nichts.

 

 

Mutterglück Buch

Boreout

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Ein Bekannter von mir gab mit 30 Jahren seinen Beamtenjob auf, um eine  Tätigkeit in der Wirtschaft aufzunehmen. Gefragt, warum er die Sicherheit seines Arbeitsplatzes aufgebe, sagte er: „Ich habe den ganzen Tag Akten von links nach rechts geschoben. Ich bin vor Langeweile fast gestorben.“ Zum Glück nur fast.

Ich halte das für ein sehr häufiges Phänomen und natürlich sind nicht nur Beamte davon betroffen (von denen einige auch ordentlich zu tun haben)! Vor allem von Müttern, die sich in Teilzeit unter Wert verkaufen müssen, höre ich immer wieder, dass ihre Arbeit sie nicht genug fordert. Zwar erledigen die meisten von ihnen in 25-30 Stunden das, wozu andere 40 Stunden und mehr brauchen, doch bleiben sie von den interessanten Tätigkeiten oft ausgeschlossen. Während für manche Routine Sicherheit und Glück bedeutet, brauchen andere permanete Herausforderungen.

Ich selbst habe gemerkt, dass meine Fehlerquote steigt, je einfacher eine Tätigkeit ist. Ich bin gut, wenn ich mir Neues erarbeiten kann. Das löst, wenn der Zeitdruck nicht allzu groß ist und ich die Möglichkeit habe, mich zu konzentrieren, Glücksgefühle aus.

Ich halte den viel zitierten Burn out für die schicke Beschreibung einer  Erschöpfungsdepression. Ein Modebegriff, der andeuten soll, dass nicht etwa innere Faktoren oder gar Langeweile die Kerze zum Erlöschen gebracht hat, sondern die schlimmen Anforderungen des Jobs. Da steht man dann irgendwie tapfer und als Weltretter da.

Sinnloses „Für – die – Tonne- Arbeiten“  oder nicht anerkanntes Arbeiten erschöpfen mehr, als alles andere. Der Betroffene fühlt sich leer und traurig, fehl am Platz und hinterfragt den Sinn oder Unsinn seines Tuns. Die 20/30/40 oder 50-Stunden-Woche wird abgesessen, die Minuten vergehen wie Stunden. Natürlich möchte der vom Bore-Out Betroffene nicht auffallen, also kompensiert er die Langeweile damit, besonders beschäftigt zu wirken. Ein ehemaliger Kollege von mir, der von morgens früh bis abends spät im Büro saß, da er nach dem Prinzip „Wer das Licht ausmacht, wird befördert“ lebte, bestellte in seiner Arbeitszeit bei Amazon, sah sich Filme an, surfte im Netz. Alles sichtbar für mich durch die Spiegelung in der Glasscheibe. Aber Hauptsache, man sieht angestrengt aus dabei. Ein erfahrener Wirtschaftsboss wies mich 2002 an, ich möge doch bitte die Zeitung unter dem Tisch lesen, wenn ich Karriere machen wolle. Es müsse ja keiner wissen, dass ich mit meiner Arbeit fertig sei. Ja, wie krank ist das denn?

Würden wir in einer Arbeitswelt leben, in der nur das Ergebnis zählt, nicht aber die Anwesenheit, würde es vielleicht leichter fallen, auf den geistigen Leerlauf hinzuweisen. Der Chef könnte dann einfach sagen: „Ja, ich weiß, dass im Moment nicht so viel anfällt. Gehen Sie nach Hause, genießen sie den Tag. Es wird wieder mehr werden.“ Davon sind wir aber weit entfernt. Bis dahin heißt es für viele: Still sitzen. Mund halten und vom Sofa zu Hause träumen.