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Tag Archives: Teilzeit

Regretting Motherhood – das In-Thema

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Regretting Motherhood hat mich drei Mal irritiert. Das erste Mal, als es plötzlich als riesige Offenbarung – es wurden 23 Frauen zitiert! – durchs Internet geisterte. Da dachte ich nur, mmmh, kennt doch jede Mutter manchmal. So hatte mir schon ein Paartherapeut gesagt: „Es ist normal, dass man seine Kinder manchmal vor Wut verwünschen möchte!“ Was war diese Aussage damals für eine Erleichterung gewesen. Dann dachte ich, vielleicht geht es nicht um „manchmal“, sondern um immer. Aber das scheint auch nicht wirklich der Fall zu sein, wenn man liest, dass diese Frauen ihre Kinder lieben oder es zumindest behaupten.

Dann die zweite Irritiation: Aufgeregte Schnallen, die ihre Mutterschaft als göttliche Offenbarung bewerten und jede andere Regung verteufeln. Tiefenpsychologisch würde ich das mal als Outsourcen eigener negativer Gefühle bezeichnen, denn warum sonst der Aufruhr? Die dritte Irritation beschlich mich, als das Thema jetzt wieder durch die Presse geisterte, nur, weil die Autorin der Studie ein paar Tage in Deutschland ist.

Regretting Motherhood wird meiner Meinung nach völlig überbewertet. Wenn man zu sehr bedauert, ein Kind oder Kinder zu haben, sollte man es/sie in andere Hände geben. Es gibt genug Eltern, die gerne ein Kind adoptieren möchten. Nach allem, was ich gelesen habe, sind die zitierten Frauen und auch die, die im Netz darüber schreiben, alle eher der Meinung, dass ihnen durch die Geburt ihres Kindes ein Großteil ihrer Freiheiten genommen wurde und sie das oft nervt. Dennoch lieben sie ihr Kind oder ihre Kinder. Mir sind mindestens fünf Mütter bekannt, die mich immer warnten, ich solle bloß nicht den selben Fehler machen wie sie, sie hätten ja kaum mehr was vom Leben. Diese Mütter sind inzwischen übrigens wieder recht vergnügt, die meisten Hürden sind geschafft und sie haben aus der Bauchtragetuchversenkung wieder zu sich selbst gefunden.

Ich kann sagen, dass ich nicht wusste, was mit einem Kind auf mich zukommen würde. Noch weniger wusste ich, was mit zwei Kindern auf mich zukommen würde, denn ein Kind ist ja nunmal kein Kind. Durch diesen Prozess des Gewahrwerdens geht jede Frau, abgesehen vielleicht von solchen, die von klein auf mit vielen kleinen Kindern leben. Stichwort: Großfamilie. Oder denen, die sich – und das steht ihnen vollkommen zu – über die Mutterschaft definieren. Das geht natürlich deutlich leichter, wenn man keine Existenzangst hat, weil Papa schon drei Häuser auf Mama überschrieben hat oder wenn man sowieso von Hartz4 lebt.

Nun hat sich eine deutsche Autorin den Trend zunutze gemacht und hat ihr Buch „Die Mutterglück-Lüge – Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre“ genannt. Ich habe es gestern gelesen. Ja, sehr hübsch. Es offenbart ganz klar, dass man, je erfolgreicher, neugieriger,  intellektueller und egozentrischer man (Frau)  ist, umso weniger bereit ist, sich über Windelwechsel, Spielplatzbesuche und Plätzchenbacken  zu definieren. Das gilt natürlich nicht immer. So schreibt eine Doktorin der Mathematik im aktuellen Spiegel, warum sie gerne zu Hause bleibt. Finanziell kann das soager sinnvoll sein:

Vor wenigen Tagen errechnete ich mit einer Freundin, dass die Familie finanziell viel besser dasteht, wenn das Familieneinkommen von sagen wir mal 75.000 EUR nur von einem erwirtschaftet wird, als wenn zwei sich für diese Summe abrackern. Denn, immer, wenn zwei Elternteile arbeiten, enstehen höhere Kosten: Längere Betreuungszeiten, mehr Babysitter, mehr Kompensation fürs viele Wegsein, ggf. das Erfordernis von zwei Autos, und so weiter. Ab dem oben genannten Einkommen, was netto nicht allzu viel abwirft, wird  man in Deutschland aber schon als Großverdiener behandelt, was noch mal alles teurer macht. Ganz gleich, ob man das Geld allein oder gemeinsam erwirtschaftet. Ein großer Vorteil besteht dann noch in der Ehe, wenn nur einer arbeitet, beim Ehegattensplitting. Alles Fakten, die einen stinksauer machen können und ein „regretting“ fördern können, bei fleißigen  und hoch motivierten Müttern.

Aber ich denke, das Bedauern lässt sich eher weniger am fehlenden Geld festmachen, denn nicht neu ist, dass es „das Mutterglück“ nicht gibt, man denke nur an die postnatale Depression, Überforderung und Studien, die besagen, dass das gefühlte Glück in den ersten Jahren mit Kindern sinkt (nicht steigt!). Das sind vielleicht einfach Fakten, die für viele gelten und die man aussprechen muss. Ob man jedoch aussprechen muss, dass  man es bereut, ein Kind zu haben? Ich weiß es nicht. Martenstein schreibt so schön in der ZEIT zu der Thematik, dass man nicht alles sagen muss.

Im Übrigen reiht sich das Buch ein in die Stänkerbücher der letzten Jahre, in denen es letztlich um eine Gesellschaftkritik geht: Mehr Kitas,  längere Öffnungszeiten, flexible Arbeitszeiten, höhere Gehälter für Frauen, mehr Engagement von Vätern, und, und, und. Unterschreibe ich alles. Ich kann jedes Wort von Frau Fischer nachempfinden, wenn sie von ihrer Hetze auf dem Weg zur Tagesmutter schreibt und über ihre Existenzangst. Angst, abgehängt zu werden „wegen des Kindes/der Kinder“.

Schade, dass das Buch nicht einfach nur „Warum ich lieber Vater geworden wäre“ heißt. Der Titel ist fantastisch und trifft es.  Während Frauen seit Jahren versuchen, sich irgendwie in die Rollen Halbtagsmami, Halbtagsjobberin oder abhängige Ehefrau einzufinden, arbeiten Väter im Schnitt nach der Geburt der Kinder länger, nicht kürzer. Ja, ich kenne all die tollen, modernen Väter, die sich viel mehr Zeit für die Kinder nehmen, als unsere früher. Die bekommen dann ja auch einen Preis oder schreiben ein Buch. Am schärfsten finde ich immer die, die die zwei Vätermonate nehmen, direkt bevor die Partnerin wieder einsteigt, um deren Urlaub noch zu nutzen, eine gemeinsame Reise zu machen. Frau erzählt dann gerne hinterher, ums Kind habe sie sich gekümmert. Die Realität sieht immer noch in fast allen Elternhäusern mit zwei arbeitenden Eltern so aus: Mama arbeitet, fährt nach Hause, kauft auf dem Weg ein, kocht, holt die Kinder ab, bringt sie zum Turnen oder zum Logopäden, macht die Spieldates aus, putzt, kauft die Geschenke und achtet auf die Zahnhygiene und springt nachts aus dem Bett, wenn eines aus der Brut weint.

Wir werden schon zu Beginn der Schwangerschaft mit Pflichten überfrachtet: „Kein Sushi (was totaler Quatsch ist!), kein Rohmilchkäse (was schon etwas sinnvoller ist, aber bei Hartkäse aus Rohmilch nicht ganz so hysterisch zu betrachten), kein rohes Fleisch (Toxoplasmose kann man sich auch im Garten holen), am besten die Katzen abschaffen (nein!), keinen Schluck Alkohol (Säuferinnen werden leider ohne Hilfe weiter trinken und bei all den anderen gilt weiterhin, dass kleine Mengen keinen messbaren Effekt haben, man lese das Buch von Emily Oster. Da man keine Höchstmenge bestimmen kann, die penetrante Null-Warnung – vielleicht für manche Frauen besser so), kein Dies, kein Das. Und bitte stillen! Egal, ob die Brustwarze schon abfault. Und Brei nur so und so. Und bitte im Tuch tragen, auch, wenn der Bandscheibenvorfall drückt. Und mit ins Bett nehmen. Nein, raus aus dem Elternbett! Sport in der Schwangerschaft, aber nicht zu viel. Zunehmen, aber nicht fett werden. Sport danach? Schwierig, schwierig (auch das Quatsch)!“ So lange wir Frauen uns derart kirre machen lassen und der ganze Fokus unseres Seins auf der Mutterschaft liegt, können wir nicht entspannen, oder?

Und zurück zu Sarah Fischer. Mal im Ernst: Welche Mutter geht denn wirklich gerne jeden Tag auf den stinklangweiligen Spielplatz? Auch das kann ich nachvollziehen. Da steht Frau Fischer doch wohl nicht alleine da! Und ich verstehe gar nicht, warum man dann da schräg angesehen wird, wenn man ein Buch liest, telefoniert oder auf dem Smartphone herumdaddelt. Meine Kinder können sich auf dem Spielplatz auch vergnügen, ohne dass ich „backe-backe-Kuchen“ spielen muss. Ich halte dieses ewige „Ich spiele mit meinem Kind“ für ziemlich ballaballa.

Natürlich darf man (Frau) manchmal meckern, dass man (Frau) Kinder hat. Natürlich darf man (Frau) sich manchmal wünschen, bis zum Anschlag arbeiten oder feiern zu dürfen. Nicht zu laut, denn das tut den Frauen, die keine Kinder bekommen können, weh.

Dann passieren aber wieder Dinge, die so schön sind, dass sie einem Kraft für jede Doppelbelastung der Welt geben! So sagte mein kleiner Sohn vor ein paar Tagen zu mir, als ich extrem gereizt war und mich nicht leiden konnte: „Mama, Du bist so lieb. Du bist so eine liebe Mama.“ Ich schmolz. Und bereute nichts.

 

 

Mutterglück Buch

Weltfrauentag 2016

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Ich bin hundemüde, es wird gezahnt, und es ist Weltfrauentag. Super. Aber jetzt wird es politisch! Uns Frauen geht es in Deutschland sehr gut, wenn wir uns mal in der Welt umsehen. Das sollte außer Frage stehen. Und wir sollten denen dankbar sein, die für unsere Rechte gekämpft haben.

Doch heute zitiere ich mit Verve meinen wunderbaren Frauenarzt, der beruflich so ziemlich alles hört, was Frauen mit Kindern in der Arbeitswelt erleben und der die wenig familienfreundliche Arbeitswelt als Teil der „Verblödung der Gesellschaft“ bezeichnet:

„Wir bilden unsere Töchter bestens aus, und dann kommen sie nicht mehr hinter dem Wickeltisch vor, weil sie entweder Männer haben, deren Arbeit eine ganz deutliche Arbeitsteilung verlangt, weil sie vor, während oder nach der Elternzeit „den goldenen Handschlag“ erhalten haben oder weil sie verdammt noch mal keine Teilzeitstelle finden!“

Akademikerinnen-Sauerbraten. Wir leben in einem Land, das alles hat, bekommen die besten Ausbildungen und sollten gemeinsam für die besten Bedingungen für unsere Familien und unser eigenes Wohl kämpfen! Die aktuelle Glücksstudie verrät: Am besten geht es Frauen mit Kindern in Teilzeitjobs und Frauen, die zuhause bleiben. Waaahnsinn! Können wir uns einfach mal darauf einigen, dass wir die Wahl haben und unsere Wahl uns glücklich machen sollte? Damit das mit dem Auswählen einfacher wird, liebe Arbeitgeber, schenkt uns mehr Teilzeitstellen im Akademikerbereich!

Denn wir leben in Deutschland  auch in einem Land, in dem eine Frau ihre Kinder und gegebenenfalls ihren Teilzeitwunsch in einer Bewerbung besser unerwähnt lassen sollte, um zu einem Gespräch eingeladen zu werden! Die wenigen Firmen, die anders denken und handeln, bekommen heute von mir einen imaginären Blumenstrauß! Ich hatte 2012 großes Glück, dass eine Internetfirma mich vom Fleck weg einstellte mit Home Office – Möglichkeit  und 33-Stunden-Woche.

Firmen wollen die eierlegende Wollmilchsau (Zitat: „Arbeitsrecht und Kartellrecht machen Sie aber auch, oder?“) und sind zu unflexibel, sich zum Beispiel einfach zwei Juristen (oder eher Juristinnen) reinzuholen, die sich eine Stelle teilen (oder 1,5 Stellen, alles ist denkbar) und mehrere Rechtsgebiete abdecken. Das würde zu mehr Zufriedenheit auf allen Seiten führen.

Um Gegenargumente im Keim zu ersticken: Ja, Mütter wollen auch Zeit mit ihren Kindern verbringen UND Karriere machen. Nein, nicht alle Mütter haben Großeltern und Babysitter greifbar. Nein, nicht alle Kitas haben bis 18 oder 19 Uhr offen. Nein, nicht alle Kinder sind immer gesund, eher im Gegenteil in den ersten zwei Jahren. Ja, Mütter wollen auch Mittagessen und am Nachmittag einen Kaffee trinken, bevor der Tag bis oft spät in die Nacht weitergeht (zahnen und so). Ja, ich kenne drei (!!!) Frauen, die mit zwei kleinen Kindern Vollzeit arbeiten. Alle mit eher flexiblen Männern. Und ja, Selbstmitleid nervt.

In meiner Umgebung sieht das so aus:

Ich kenne keine Frau mit drei Kindern, die mehr als 20 Stunden arbeitet, aber viele Frauen, die gar nicht mehr arbeiten. Ich kenne viele Frauen mit zwei Kindern, die alles ab 30 Stunden als sehr belastend empfinden, weil ihre Männer komplett unflexible Arbeitszeiten haben. Ich kenne rund 40 Frauen, die gerne wieder mehr arbeiten würden, aber keine Teilzeitstelle finden. Ich kenne viele Frauen mit einem Kind, die gut 30 bis 40 Stunden schaffen würden, hätte die Kita entsprechend offen oder könnten sie mehr Home Office machen. Ich kenne die BVG- Chefin Nikutta, die mit 46 ihr fünftes Kind bekommt und danach gleich wieder alles geben möchte. Eine Ausnahme.

Und liebe, zauberhaft süße Ronja von Rönne, ich kenne Dein Posting in der Welt zum letzten Weltfrauentag. Es lässt einen kichern, denn ich mag es, wenn man lustig  austeilen kann. Ich habe mit 23 genauso gedacht. Du wirst die Realität noch kennenlernen!

Der Kita-Personalschlüssel – ein Drama

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Angaben zur Personalausstattung einer Kita finden sich im KitaföG in § 11 Absatz II. Dieser besagt aktuell noch Folgendes:

 

 

2) Bei der Personalbemessung für das sozialpädagogische Fachpersonal sollen folgende Grundsätze gelten:

 

1

38,5 Wochenarbeitsstunden pädagogischen Fachpersonals sind vorzusehen

a)

bei Kindern vor Vollendung des zweiten Lebensjahres

  • für jeweils fünf Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sechs Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils acht Kinder bei Halbtagsförderung;

b)

bei Kindern nach Vollendung des zweiten und vor Vollendung des dritten Lebensjahres

  • für jeweils sechs Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils sieben Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils neun Kinder bei Halbtagsförderung;

c)

bei Kindern nach Vollendung des dritten Lebensjahres bis zum Schuleintritt

  • für jeweils neun Kinder bei Ganztagsförderung,
  • für jeweils elf Kinder bei Teilzeitförderung,
  • für jeweils 14 Kinder bei Halbtagsförderung.

Für Kinder, die länger als neun Stunden gefördert werden, sind Personalzuschläge zu gewähren.

 

Das heißt, dass für Kinder zwischen 0 und zwei Jahren eine Erzieherin für fünf Kinder, die Ganztagsförderung „gebucht“ haben, zur Verfügung stehen muss. Je nachdem, wie der Gutschein aussieht, lautet der Schlüssel dann aber eben auch 1 : 6 oder 1 : 8.  In Berlin soll er laut Berliner Morgenpost vom 01.03.2016 in Zukunft 1 auf 4,6 lauten. Dann mal los.

Meiner Erfahrung nach sind Kitas ganz scharf auf Eltern mit Gutschein über Ganztagsbetreuung, weil sie sich dann eventuell eine oder eine halbe Erzieherin mehr leisten können und ein Ausfall von Erziehern durch Urlaub oder Krankheit besser abgefedert werden kann. Ich  glaube, dass allein die Erwähnung von voller Berufstätigkeit beider Eltern bei der Bewerbung um einen Kitaplatz, die Wahrscheinlichkeit, den Platz zu bekommen, um einiges steigen lässt. Vollzeit arbeitende Eltern laufen beim Wettlauf um den Kitaplatz sogar Kuchenback-Müttern den Rang ab. Jedes Ganztagskind ist Gold wert, auch für die anderen Kinder, die dann ebenso in den Genuss von mehr Arbeitskraft kommen.

Ich kenne Familien mit Ganztagsplätzen, die zwei bis vier Monate verreist waren nach Geburt des nächsten Kindes – ich spreche hier vom luxuriösen Elterngeld-Urlaub (über den auch schon Bücher geschrieben wurden). Da sponsert der Staat neben dem Urlaub dann auch gleich noch das Freihalten des Kitaplatzes mit. Denn glauben Sie mal nicht, dass das Kind zwischenzeitlich von der Kita abgemeldet wird.

Einen Ganztags-Betreuungsgutschein bekommen Sie übrigens schon dann, wenn zum Beispiel der Vater voll arbeitet, die Mutter aber geltend machen kann, an drei Tagen in der Woche bis in den späten Nachmittag zu arbeiten oder besonders lange Wege zur Arbeit und nach Hause zu haben. Die pure Anzahl an Arbeitsstunden ist hierbei nicht entscheidend. Ich kenne allerdings sehr viele Eltern, die lieber auf den Ganztagsplatz verzichten, um 730 Uhr im Büro stehen (während der Partner das Kind zur Kita bringt) und ihr Kind völlig abgehetzt und fix und fertig um 15 Uhr abholen, weil sie den zusätzlichen Eigenanteil für den längeren Gutschein einsparen wollen. Im Grunde genommen führt der Geiz an dieser Stelle dazu, dass Kitas bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei unflexiblen Öffnungszeiten und einem Personalminimum bleiben können. Besonders schön wird es, wenn die Kinder in der Krippe drei Jahre alt werden und die Erzieher plötzlich Arbeitstunden abgezogen bekommen, da sich der Personalschlüssel ad hoc zuungunsten der nun schon dreijährigen Mäuse ändert. Ein dreijähriges Kind braucht also weniger Aufmerksamkeit als ein zweijähriges?

Ich empfehle hier, sich zu erkundigen, wie viel mehr denn tatsächlich bezahlen müsste für den Ganztagsgutschein. Es verbietet einem ja trotzdem niemand, sein Kind manchmal auch um 15 Uhr abzuholen, doch die eigene Flexibilität wird deutlich größer und der Missmut manch einer Mutter (oder eines Vaters) vielleicht etwas geringer.

Wie sieht es nun tatsächlich aus in Berlin?

Der Tagesspiegel vom 16.01.2015 spricht bezogen auf Berliner Krippen von einem „Personaldebakel“: Die Hauptstadt habe die schlechteste Betreuungsstatistik im Bundesgebiet für die unter Dreijährigen. Auf knapp sieben Kinder gibt es nur einen Erzieher laut Autorin Vieth-Entus. Die Klagen wiederholen sich, man verfolge nur die Artikel der Autorin im Internet. Ganz euphorisch, aber auch unglaubhaft, kommen nun die neuen Versprechen 2016 bis 2018 daher. Ob das Abschaffen des Kitabeitrags der richtige Weg ist? Ich finde, Mittelschichtseltern zahlen heute viel zu viel, nämlich gerne denselben Beitrag wie die Millionärsgattin. Meiner Meinung nach sollte man die Mittelschicht entlasten, die Bedürftigen weiter freistellen (bis auf den Essensbeitrag) und den echten Gutverdienern, sagen wir mal ab einem Familieneinkommen von 100.000 EUR brutto (ausgehend von einem Angstelltenverhältnis), weiterhin den vollen Beitrag zahlen lassen. Ab dem dritten Kind kann dann meinetwegen der Mehrfachkind-Bonus greifen.

Zurück zum Personaldebekal:  Das deckt sich mit unseren Erlebnissen und lässt sich auch mit dem oben zitierten Paragrafen in Einklang bringen. Und nun aufgepasst  – alle lustigen Geschichten und kleinen Pannen, die in diesem Buch Erwähnung finden, beiseite: Das ist das wahre Drama deutscher Kitas und insbesondere Berliner Kitas: ein verdammt schlechter Personalschlüssel! Das beste Betreuungsverhältnis besteht laut Tagesspiegel in Baden-Württemberg. Kein Wunder, dort sollen ja auch die Schulen besser sein als in Berlin. Wer jetzt denkt, dass in anderen Bundesländern mehr Geld ausgegeben wird für Kitas, wird eines besseren belehrt, so schreibt der Tagesspiegel, dass Berlin ungeachtet des schlechten Personalschlüssels mit seinen Ausgaben von 4.600 EUR pro Jahr und Kitaplatz vorne liege. Der bundesweite  Schnitt liege bei 3500 EUR. Das mag daran liegen, dass in Berlin  schon jetzt für die letzten drei Kitajahre die Elternbeiträge entfallen.

Wer es auch bitter findet, wenn kleine Kinder über Stunden ab Tag um die Aufmerksamkeit der wenigen Erzieher buhlen müssen, für den lohnt sich dann eventuell doch wieder ein Blick auf eine Kita mit Zuzahlungen, wenn diese Zuzahlungen eindeutig zu einem besseren Personalschlüssel führen. Kleiner Tipp: Viele Kitas halten sich mit Praktikanten über Wasser, informieren Sie sich also, wer zum Fachpersonal gehört und wer nicht.

Fachpersonal sind staatlich anerkannte Erzieher, Diplom-Sozialarbeiter, Diplom-Pädagogen, Bachelor-Frühpädagogen/Kindheitspädagogen, Erzieher mit Mono-Bachelor in Erziehungswissenschaft und im Einzelfall durch die Kitaaufsicht anerkannte Fachkräfte. Im Bereich der Betreuung von Kindern mit Behinderungen kommen weitere Fachkräfte wie zum Beispiel Heilpädagogen hinzu.

Das Land Berlin beteiligt sich an den Kosten und der Einrichtung neuer Kitas, deshalb sind Neugründungen in Berlin gerade beliebt. Mein Rat lautet, man möge sich genau nachweisen lassen, wofür Zusatzbeiträge genutzt werden, sie sind nämlich nicht dazu da, die Kita einzurichten, es sei denn, von den Eltern wird die Finanzierung außergewöhnlicher Dinge gewünscht und geklärt, dass dies über Zusatzbeiträge bewältigt werden soll. Ich sehe hier gerade zehn nackte Hosenscheißer schwitzend in der Sauna sitzen.

Erzieher, die in den staatlichen Kita-Eigenbetrieben angestellt sind, werden in Berlin nach dem Tarifvertrag TV-L vergütet. In der Regel verdienen Erzieher in nicht staatlichen Kitas eher weniger– oft ist von 15 % Gehaltsunterschied die Rede, was aber unter Umständen durch großzügige Renten, Weihnachtsgeld oder andere Leistungen wettgemacht wird. Mir sind auch Erzieherinnen bekannt, die sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln – lassen wir einmal außen vor, dass eine Befristung ohne Sachgrund grundsätzlich nur für die Dauer von zwei Jahren möglich (innerhalb dieser zwei Jahre darf dann drei Mal erneut befristet werden) ist – und weit unter dem verdienen, was jeder vernünftig denkende Mensch für angemessen hält. Daher finde ich, dass es durchaus dazu gehört, sich nach den Erziehergehältern zu erkundigen, wenn man auf der Suche nach einer Kita ist und nicht gerade in einem Kitamangelgebiet lebt. Niedrige Gehälter stellen einen Hauptgrund für hohe Personalfluktuationen bei – und ganz ehrlich: Es werden nicht immer die besten Erzieher in den Einrichtungen mit den niedrigsten Gehältern arbeiten.  Eine Kita wird ihnen aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen dürfen, was die einzelne Erzieherin oder der Erzieher verdient, aber selbstverständlich kann eine Kita problemlos ein Durchschnittsgehalt angeben.  Schauen Sie auch darauf, ob die Kita sich mit Praktikanten durchschlägt, die wie Vollzeitarbeitskräfte mitarbeiten müssen oder ob Praktika tatsächlich der Ausbildung dienen.

Wenn Sie  Zuzahlungen leisten, wird die Frage nach den Gehältern natürlich besonders interessant, denn ich denke, es ist Ihnen lieber, dass die freundliche Erzieherin am Ende des Monats mehr in der Tasche hat, als dass sich Kitagründer besonders teure Taschen leisten können.