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Tag Archives: Zehlendorf

Domäne Dahlem – die Entromantisierung

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Wir wohnen nahe der Domäne Dahlem. Die Domäne war die Höhle, das Abenteuerland meiner Kindheit. Es gab Pferde, die man pflegen durfte, wenn man großes Glück hatte. Zwei Kühe, denen man den Arsch mit Arschkratzern reinigen musste, eine hieß Sternchen. Es war dreckig, staubig, wilde Blumen wucherten. Zunächst stand auf dem zur Domäne gehörenden Feld ein unentwegt blinkender Sendemast. Ich benutzte das Leuchten als Einschlafhilfe: „Augen auf – blink – Augen zu – blink“. Heute gibt es den Mast nicht mehr, aber überall Wege, Verbots- und Erklärschilder, Gitter, Zäune und Wegzoll. Wir sammelten über Jahre Stimmen und Unterstützer, damit das Feld nicht mit Häusern bebaut wurde, und jetzt ist es in der Hand eines übereifrigen Vereins:

Ja, Ihr habt richtig gehört:

Die Domäne wurde vor Jahren umzäunt und nun findet häufig an den Wochenenden ein irgendwie benanntes Fest statt, das Spaziergängern wie uns Geld abverlangt, um fettige Bratwürste essen zu dürfen und schlechte Musik zu hören. Die teuren SUV, Mercedes, Porsche und Audis parken bis weit in die Thielallee hinein. Heute kann man dort Kindergeburtstage buchen. Unfassbar. Ein Fest für Kinder buchen. Davon abgsehen, dass die Feste natürlich Spaß machen, ist die Dekadenz von uns Eltern schon ein bisschen tralalala.

Die Domäne ist zur Kirmes geworden. Bio hin, Bio her. Der Käse ist eh viel zu teuer. Die Törchen am Ende des Feldes, am U-Bahn-Hof Podbielskiallee wurden so gebaut, dass Eltern mit Kinderwagen quasi keine Chance haben, sich ohne Hilfe auf das Feld zu begeben. Und das ist auch gut so, denn es ist eh immer viel zu voll! Voll, voller am vollsten. Alle gut betuchten Bugaboo – Mamis mit ihren Finkid-Kindern müssen natürlich auf die Domäne gehen (dafür ist der Finkid-Anzug ja schließlich da!). Am besten täglich.

Früher waren wenig Kinder dort und ein paar verstreute Spaziergänger und natürlich Zorro und Hoffmann. Zorro war eine Hundedame, die uns Kinder boshaft anknurrte, aber anfing zu tanzen, wenn sie Auto fahren durfte oder man sie unter den Achseln kraulte. Obwohl sie einen Männernamen trug, warf sie ein Mal im Jahr kleine Bastarde. Einer war Hoffmann, der seine Mutter über viele Jahre aufs Feld zum Streunen begleiten würde. Eigentlich war er mein Hund, aber meine Eltern wollten ihn nicht adoptieren. Meine Freundinnen und ich bauten Verstecke, schlenderten heimlich über die anliegenden Grundstücke, stellten verliebt den Jungs hinterher, lagen im Gras und schwänzten die Schule.

Das Gras war so hoch, dass niemand einen sah. Jetzt ist die Wildheit gezüchtet, gewollt, unecht. Ich zahlte heute 3,00 EUR Eintritt, um mit meinen Kindern auf ein Fest namens Frühlingsfest zu gelangen, wo es dann nur Essen und Trinken zu fürstlichen Preisen zu erwerben gab. Ein Crepes mit Schokosoße – es war nicht mal Nutella! – für 4 EUR. Nein, das ist nicht mehr meine Domäne.